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Warum wir uns viel öfter die Hand reichen sollten

Wann haben Sie das letzte Mal jemandem die Hand gereicht, um zu helfen oder zu trösten? Tun Sie es ruhig öfter – für andere und auch für sich selbst.

Dr. Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und in Dresden u. a. als Coach und Autorin tätig.
Dr. Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und in Dresden u. a. als Coach und Autorin tätig. © SZ

Von Ilona Bürgel 

Regelmäßig spaziere ich zum Park des Japanischen Palais in Dresden. Weil ich in der Natur gut abschalten und auftanken kann. Kürzlich passierte Folgendes: Hinter eine Hecke sehe ich einen alten Mann mit Hund. Der Mann liegt auf dem Boden und ruft nach mir. Zunächst fühle ich mich unsicher und habe Bilder im Kopf, wo scheinbar verunglückte Menschen den Helfer überfallen.

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Entspannung in der Spreewald Therme
Entspannung in der Spreewald Therme

Was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Gutscheine für eine kleine Auszeit sind da das perfekte Weihnachtsgeschenk.

Doch hier? Ein alter Mann ganz allein? Er sei hingefallen und komme nicht allein auf die Beine, erklärt er. Ich hebe ihn auf eine Bank. Seine Frau sei gerade im Krankenhaus gestorben. Wir versuchen, seine Kinder zu erreichen. Doch die sind nicht erreichbar. Ich kann diesen alten, traurigen, hilfsbedürftigen Mann nicht allein auf dieser kalten Bank sitzen lassen. Jeder von uns braucht einmal Hilfe. Plötzlich ist alles andere unwichtig. Was zählt, ist die unterkühlte Hand des alten Mannes, die ich halte und mit meiner wärme.

Immer wieder sagt er zu mir, ich solle ruhig arbeiten gehen, ich hätte doch bestimmt keine Zeit. Er hat recht. Wir viel beschäftigen Menschen meinen immer, keine Zeit zu haben, sind immer in Eile. Kann das wirklich unser Lebenskonzept sein? Ich muss mich gar nicht entscheiden, jetzt Zeit für den alten Mann zu haben, ich habe sie einfach.

Wir unterhalten uns über den Kummer, einen Menschen zu verlieren. Dass er so eine Schwäche seiner Beine noch nie erlebt hat mit seinen 89 Jahren. Ich verstehe ihn so gut, dass er nicht ins Krankenhaus möchte. Es ist großartig, dass in Deutschland jedem mit einem sauberen Krankenhausbett und sofortiger Untersuchung geholfen wird. Am Ende rufen wir den Krankenwagen.

Ich weiß nicht, wie lange wir auf der Parkbank gesessen haben. Ich bin tief bewegt, als ich langsam zurückgehe. Ebenfalls allein. Die Begegnung rührt an der Angst vor Krankheit und Tod – bei sich selbst oder Menschen, die wir lieben. Sie werden eines Tages nicht mehr so sein wie heute. Wir auch nicht. Ich bin beschämt, dass ich einen Augenblick gezögert habe zu helfen. Wenn wir uns die Verhältnismäßigkeit meiner Befürchtungen anschauen, dann sind Überfälle die absolute Ausnahme an einem Tag, an dem sich Millionen von Menschen in unserem Land begegnen und einige davon Hilfe brauchen.

Altruismus, das uneigennützige helfen, ist wissenschaftlich gesehen der Glücksfaktor Nummer eins für uns Menschen. Positive soziale Gefühle wie Hilfsbereitschaft oder Zusammengehörigkeit sind die wirkungsvollsten positiven Emotionen. Mit ihnen können wir Stress und negative Gedanken ausgleichen, Gesundheit und Wohlbefinden stärken. Auf Zellebene kann nachgewiesen werden, dass kurzfristige Glücksbringer wie ein gutes Essen zwar die Stimmung verbessern, aber Stress nicht abbauen. Dies tun Handlungen, die sinnstiftend sind.

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Lassen Sie uns deshalb einander öfter die Hand reichen: um einander zu halten, zu helfen, zu stärken, zu vergeben. Besinnen wir uns auf das Wesentliche, vor allem dann, wenn es uns gut geht. Statt von einem Termin zum nächsten zu hetzen und unsere Tage vollzustopfen mit Dingen, die uns nicht unter Garantie glücklich machen, sollten wir öfter innehalten und Zeit verschenken. Zeit, in der wir jemandem Hand und Herz reichen.

Hier reiche ich Ihnen meine für ein glückliches neues Jahr.

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