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Abriss: Kampf um ein bewohntes Haus

In der Wilder-Mann-Straße soll ein Wohnhaus abgerissen werden. Das will auch die Stadt verhindern, bleibt aber erfolglos. Was das für die Familien dort bedeutet.

Dieses Eckhaus in Trachau soll einem Neubau weichen. Für viele Dresdner unverständlich, sie hoffen auf eine Sanierung.
Dieses Eckhaus in Trachau soll einem Neubau weichen. Für viele Dresdner unverständlich, sie hoffen auf eine Sanierung. © Marion Doering

Dresden. Die Nachricht vom geplanten Abriss eines Trachauer Wohnhauses schlägt hohe Wellen in den sozialen Netzwerken. Der Dresdner Fotograf Ray van Zeschau, der auf seiner Facebook-Seite "Verschwundenes Dresden" seit Jahren den Abriss alter Dresdner Gebäude dokumentiert, ist entsetzt - und zugleich voller Hoffnung, dass dieses Gebäude noch gerettet werden kann. Konkret geht es um das Haus an der Ecke von Wilder-Mann- und Burgsdorffstraße. Was von außen gar nicht ersichtlich ist: Dort leben noch drei Familien, alle haben Kinder. Und sie sollen bald ausziehen.

Fest steht: Der Eigentümer muss ordentlich investieren, will er die Wohnungen gewinnbringend vermieten, denn das Haus ist sanierungsbedürftig. Doch warum der Abriss? Altbauwohnungen sind beliebt, zumal in dieser Lage. Auf SZ-Anfrage teilt das Bauaufsichtsamt mit, dass die "Beseitigung der vorhandenen Bausubstanz" bereits im Herbst vergangenen Jahres angezeigt worden ist.  

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Eine Genehmigung braucht der Besitzer dafür nicht. "Der Abriss ist nach der Sächsischen Bauordnung verfahrensfrei und bedarf nur der Anzeige." Außerdem wird klar, warum das Gebäude weichen muss: "Auf dem Grundstück ist der Neubau eines Mehrfamilienhauses geplant." 

Mieter sollen Ende Mai ausziehen

Im Gespräch mit einer Mieterin wird der Grund für den Neubau schnell klar:  Im neuen Wohnhaus soll es zehn Wohnungen geben, im Altbau sind es nur sechs. 500 Euro warm zahle sie derzeit für die reichlich 70 Quadratmeter große Vierraumwohnung - ein Schnäppchen, das weiß die junge Frau. Seit vier Jahren wohnt sie hier, ihre Kinder kennen nur diese Wohnung, die Familie fühlt sich wohl im Viertel. Dass es schwer wird, eine neue Bleibe in Dresden zu finden, die genug Platz bietet und bezahlbar ist - auch das weiß die Mutter. "Wir würden gern bleiben, auch nach der Sanierung." 

Doch der Eigentümer, die Projektgesellschaft WM44 - das steht für die Adresse Wilder-Mann-Straße 44 - hat offenbar andere Pläne. Am 6. Januar dieses Jahres kam ein Bote mit der Kündigung - zum 31. Mai müssen die verbliebenen Mieter ausgezogen sein. "Wir waren total erschrocken." Um eine Alternative habe sie sich mit ihrem Freund noch nicht gekümmert, erzählt die Mieterin. Ihr Anwalt sei optimistisch, dass sie so schnell nicht ausziehen müssen. Im Zweifel wird die Kündigung ein Fall fürs Gericht.

Auch Stadt will den Denkmalschutz

Doch selbst, wenn sie das Haus verlassen müsste, wäre es sehr schade, wenn es abgerissen wird, meint die Bewohnerin. "Die Rundglasfenster im Treppenhaus sind noch original erhalten." Gebaut wurde das Wohnhaus um 1900, Türen, Fenster, Geländer zeigen Jugendstil-Elemente. Als die Bewohner im vergangenen Jahr vom geplanten Abriss erfahren haben, seien sie zum Denkmalschutzamt gegangen. "Wir haben dort nachgefragt und es ist tatsächlich jemand gekommen, der sich das Haus angeschaut hat." Gebracht hat ihr Vorstoß allerdings nichts, einen Schutzstatus hat das Gebäude nicht bekommen. Das liegt allerdings nicht am städtischen Denkmalschutzamt. Vielmehr verweigert der Freistaat dem Haus den Schutzstatus. "Das Amt für Kultur und Denkmalschutz hat das Landesamt für Denkmalpflege mehrfach um die Überprüfung der Denkmaleigenschaft gebeten. Alle Anfragen wurden abschlägig beschieden", teilt ein Stadtsprecher am Freitagmittag auf Anfrage mit. Demnach gab es offenbar sogar mehrfach den Versuch vonseiten der Stadt.

Zu spät für eine Rettung?

Und doch wollen die Bewohner nicht aufgeben - und bekommen dabei Unterstützung  aus der Politik. Der Dresdner Stadtrat und Landtagsabgeordnete Thomas Löser (Grüne) ist auf den Fall aufmerksam geworden. Er will den Abriss verhindern. Vor zwei Wochen habe er eine entsprechende Anfrage an die Stadtverwaltung gestellt.  Außerdem hat Löser an diesem  Freitag eine Petition gestartet, mit der er die Stadt auffordert,  alles ihr mögliche zu tun, um den Abriss zu verhindern, damit das Gründerzeithaus saniert werden kann. Es sei ein stadtbildprägendes Gebäude, das erhalten werden müsse. Im Viertel gibt es viele Kulturdenkmale, die inzwischen saniert sind, Neubauten gibt es kaum. Warum an dieser Stelle andere Kriterien angelegt werden, ist nicht nur für Löser unverständlich. Allerdings ist die Stadt offenbar der falsche Adressat für seine Petition, die sich eigentlich an den Freistaat richten müsste.

Mehr als 100 Kommentare auf Zeschaus Facebook-Seite "Verschwundenes Dresden" zeigen, wie verärgert viele über den geplanten Abriss sind. "Für mich als Dresdner sind solche Originale wichtig", schreibt etwa Ronny Richter. Das Haus sei gelebte Geschichte, habe den Krieg und die DDR überstanden und keinen so schlechten substanziellen Charakter, dass man es abreißen müsste. 

Sein Vorschlag: "Liebevoll restaurieren und das Wohnflair eines solchen Hauses mit dem Garten leben." Andere finden, dass es für eine Rettung schon zu spät sein könnte. Es hätte wesentlich eher untersucht werden müssen, ob es ein Denkmal ist oder nicht. Nun werde der Investor bevormundet und am Neubau gehindert - und das gehe nicht. 

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Ob das Gründerzeit tatsächlich noch zu retten ist, bleibt fraglich. Fakt ist: Wenn es rechtzeitig unter Schutz gestellt worden wäre, hätte der Eigentümer nicht nur eine Anzeige für den Abriss stellen müssen, sondern dann wäre "ein förmlicher Abbruchantrag mit der Beteiligung der Fachämter notwendig gewesen", so das Denkmalamt. Weil "das Gebäude als durchaus sanierungsfähig, sowie wertvoll für den Gebietscharakter (städtebaulich bedeutsam) eingeschätzt wird", wäre dieser Antrag wohl abgelehnt wurden. Dagegen hätte der Eigentümer in Widerspruch gehen können, dann hätte sich die Bauaufsicht der Landesdirektion mit dem Fall befasst. Letztlich sei auch der Klageweg möglich, wenn der Eigentümer am Abriss festhalten will, aber in diesem Verfahren wären dann die Denkmalschutzbehörden wieder beteiligt gewesen.  Da das Landesamt den Schutzstatus für das Haus verweigert, ist dieser Rettungsweg allerdings keine Option. 

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