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Was aus dem Willkommensbündnis wurde

„Willkommen in Döbeln“ ist 2015 als Bürgerinitiative während Flüchtlingskrise entstanden. Manche Struktur ist heute professionalisiert.

Hartmut Fuchs und Formularlotsin Carola Haupt helfen Migranten, im deutschen Behördendschungel zurechtzukommen. Auch Deutsche können die Formularlotsen in Anspruch nehmen.
Hartmut Fuchs und Formularlotsin Carola Haupt helfen Migranten, im deutschen Behördendschungel zurechtzukommen. Auch Deutsche können die Formularlotsen in Anspruch nehmen. © Lars Halbauer

Döbeln. Als ab 2015 Hunderttausende Flüchtlinge ins Land kamen, hatte sich ziemlich schnell das Helferbündnis „Willkommen in Döbeln“ gegründet. Es sei auf Initiative der evangelischen Kirchgemeinde zustande gekommen, sagte Hartmut Fuchs, der heute beim Verein Treibhaus die Arbeit des Bündnisses koordiniert.

 Denn „Willkommen in Döbeln“ gibt es noch, auch wenn sich die Schwerpunkte verlagert haben. Damals kamen in kurzer Zeit Hunderte Flüchtlinge nach Döbeln. In der ehemaligen Produktionshalle von Autoliv wurde eine Erstaufnahmeeinrichtung eröffnet. 

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Flüchtlinge wurden auch im Berufsschulgebäude an der Bahnhofstraße und in der ehemaligen Poliklinik einquartiert.

Noch 20 Flüchtlings-Helfer übrig geblieben

 „Willkommen in Döbeln“ eröffnete damals eine Kleiderkammer. Freiwillige schnitten den Geflüchteten Haare, sie beschäftigten sich mit den Kindern und sorgten dafür, dass sie auch mal rauskamen aus den Massenunterkünften und sich in der Sporthalle an der Burgstraße austoben konnten. „Das war wirklich eine Bürgerinitiative“, sagte Carola Haupt, die von Anfang an dabei war.

Sie gehörte auch zu den Mitarbeitern, die das Rote Kreuz für die Erstaufnahmeeinrichtung einstellten. Acht Monate lang kampierten die Flüchtlinge in der Massenunterkunft in der ehemaligen Fabrikhalle. Anfangs bis zu 200 Leute. „Zum Schluss waren es noch 30“, sagte Carola Haupt.

Ehemaliges Erstaufnahmelager für Flüchtlinge in Döbeln im Jahr 2017.
Ehemaliges Erstaufnahmelager für Flüchtlinge in Döbeln im Jahr 2017. © Archiv/Dietmar Thomas

Mit der Abnahme der Flüchtlingszahlen nahm auch die Zahl der freiwilligen Helfer ab. Von einst etwa 100 Helfern sind heute noch um die 20 aktiv, schätzt Hartmut Fuchs ein. Die Betreuung der Massen ist Patenschaften gewichen. Die Helfer betreuen einzelne Personen und Familien.

Einige Projekte von damals haben überlebt. Das Nähcafé zum Beispiel. Frauen aus verschiedenen Nationen trafen sich an den Nähmaschinen im Café Courage des Vereins Treibhaus. 

Später zog das Nähcafé in feste Räume ins „Haus der Vielfalt“ an der Zwingerstraße um. „Da war vor allem für Frauen interessant, die kaum Zugang zu den Integrationskursen hatten“, sagte Fuchs.

Große Menge der Asylbewerber haben einen Job

Auch die Fahrradwerkstatt des Vereins Treibhaus ist zur festen Einrichtung geworden. Die war vor allem für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge interessant, dort gab es Hilfe zur Selbsthilfe. „Die mussten ihre Fahrräder selbst reparieren“, sagte Fuchs.

Ehemalige Lehrerinnen geben auch noch Deutschunterricht für ankommende neue Flüchtlinge. Derzeit sei der Unterricht wegen Corona aber ausgesetzt.

Fünf Jahre nach der Flüchtlingswelle haben eine ganze Reihe der damaligen Asylbewerber Jobs. „Die brauchen keine Hilfe mehr, die kommen zurecht“, sagte Fuchs. Genaue Zahlen, wie viele in Döbeln in Arbeit sind, gebe es nicht. Deutschlandweit seien es knapp 50 Prozent, davon 80 Prozent in versicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen.

Gute Voraussetzungen, in Deutschland zurechtzukommen, hätten die unbegleiteten Minderjährigen, so Fuchs. „Für die galt gleich die Schulpflicht. Viele machen jetzt eine Ausbildung. Auch die heranwachsenden Kinder der Geflüchteten haben beste Chancen. Die sprechen ein sehr gutes Deutsch.“

Symbolbild: Deutschlandweit arbeiten knapp 50 Prozent, davon 80 Prozent in versicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen. Genaue Zahlen zu Döbeln gibt es nicht.
Symbolbild: Deutschlandweit arbeiten knapp 50 Prozent, davon 80 Prozent in versicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen. Genaue Zahlen zu Döbeln gibt es nicht. © dpa-Zentralbild/Oliver Killig

Von den rund 1370 Ausländern in Döbeln sind heute die meisten EU-Bürger. Rund 440 Menschen haben eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen. 

Darunter fallen zum Beispiel Asylbewerber, anerkannte und abgelehnte Flüchtlinge. Ein Bleiberecht hätten aktuell eigentlich nur Flüchtlinge aus Syrien und Eritrea, sagte Fuchs.

Der Schwerpunkt der Arbeit liege auf der Migrantenberatung, so Fuchs. Die Flüchtlinge brauchen vor allem Hilfe im Behördendschungel. Beim Beantragen von Kindergeld, dem Umgang mit dem Arbeitsamt oder der Ausländerbehörde. Aber auch bei medizinischen Problemen oder Schulden. „Einer, der zu uns kam, hatte gleich drei Handyverträge“, sagte Fuchs. 

Freiwillige als "Formularlotse" für Behörden-Fragen

Die Zahl der Beratungsgespräche sei von 191 im Jahr 2016 auf 783 im vergangenen Jahr gestiegen. Zur Entlastung der professionellen Mitarbeiter ist das Projekt „Formularlotse“ ins Leben gerufen worden. 

Freiwillige übernehmen die Beratung in Behördenfragen. Carola Haupt ist eine „Lotsin“ durch den Behördendschungel, an dem die Digitalisierung noch weitgehend vorbeigegangen ist. „Man findet keine Formulare, die man gleich am Computer ausfüllen könnte“, sagte sie. 

In einem Antrag für eine Aufenthaltserlaubnis seien 96 Punkte auf dem Papier abzuarbeiten, sagte Hartmut Fuchs. „Wenn man für eine sechsköpfige Familie diese Anträge stellt, muss man 35 Mal die gleiche Wohnadresse reinschreiben.“

Die Formularlotsen helfen nicht nur Migranten. „Ich betreue auch deutsche Klienten“, sagte Carola Haupt. In den nächsten drei Jahren könnten nach dem Vorbild von Döbeln in den Initiativen in ganz Sachsen ähnliche Strukturen aufgebaut werden. 

„Wir wollen die Erfahrungen weitergeben und haben einen Ausbildungsplan für die Formularlotsen erarbeitet“, sagte Fuchs. „Wir suchen auch in Döbeln noch Mitstreiter, die sich dafür interessieren.“

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