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Was Bautzen von den USA lernen kann

Für ein Projekt reisten Flüchtlingshelfer zwei Wochen in die Vereinigten Staaten. Was ihnen dort gefiel, wollen sie nun auch hier umsetzen.

© Uwe Soeder

Von Marleen Hollenbach

Bautzen. Dieser eine Moment ist Claudia Scheibe in Erinnerung geblieben. In Charlotte, der größten Stadt des US-Bundesstaates North Carolina, durfte sie bei einer Einbürgerungsfeier mit dabei sein. 20 Menschen aus 14 Nationen erhielten an diesem Tag ihre amerikanische Staatsbürgerschaft. Die lange Zeremonie, die Reden voll Pathos – all das wirkte im ersten Moment befremdlich auf die Bautzenerin. „Dann sah ich, wie einige weinten und merkte, wie wichtig ihnen dieser Moment war“, erklärt sie.

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Zu Hause, in Bautzen, arbeitet Claudia Scheibe in einem Quartierbüro, hilft dort Geflüchteten, in ihrem neuen Umfeld anzukommen. Mit Migration und Integration kennt sie sich aus. Doch spätestens bei der Einbürgerungsfeier in Charlotte wurde ihr klar, dass im Einwanderungsland USA vieles anders läuft. Obwohl dort teilweise Rassismus auf der Tagesordnung steht, obwohl die Schwarze Bevölkerung des Landes immer noch für ihre Rechte kämpfen muss, ist Claudia Scheibe überzeugt: „Die Stadt Bautzen kann bei der Integrationsarbeit von den Menschen in den USA lernen.“

Stolz auf die vielen Nationen
Einen Monat liegt ihre USA-Reise schon zurück. Doch die Eindrücke sind noch ganz frisch. Gemeinsam mit drei weiteren Flüchtlingshelferinnen aus Bautzen reiste Claudia Scheibe zwei Wochen in die USA. Nicht etwa, um dort Urlaub zu machen. Die vier Frauen nahmen an einem Projekt teil, für das sich der Verein „Willkommen in Bautzen“ erfolgreich beworben hatte.

„Transatlantic Exchange“ heißt das Austausch-Programm, das von der gemeinnützigen Organisation „Welcoming America“ und von der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt wird. Ziel ist es, die Integration von Flüchtlingen und Zuwanderern in Deutschland und den USA zu fördern. Jedes Jahr haben fünf Gemeinden aus Deutschland und vier aus den Vereinigten Staaten die Chance, daran teilzunehmen. Städte wie Leipzig oder Jena waren beim Projekt schon dabei – und jetzt auch Bautzen.

Nicht ein einzelner Moment, sondern eine ganze Liste mit Ereignissen nennt Carolin Dittrich, wenn sie nach der USA-Reise gefragt wird. Die Sozialarbeiterin, die im Steinhaus mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, gehörte ebenfalls zu der kleinen Delegation aus Bautzen. Sie erinnert sich vor allem an ein Fest in Charlotte, das immer dienstags im Rathaus der Stadt veranstaltet wird. Jede Woche steht dort eine andere Kultur im Mittelpunkt. „Außerdem wird das Thema Rassismus in Charlotte offen benannt und ist auch im Bewusstsein der Polizisten präsent“, sagt sie.

Einen anderen Ort durfte sich Lehrerin Susett Mildner ansehen. Für sie ging es nach Montgomery-County, einem Landkreis in den USA. Dort besuchte die Bautzenerin eine Schule, kam ins Staunen, weil sie sah, wie sehr die Menschen in den Vereinigten Staaten die ehrenamtliche Arbeit wertschätzen. So bekommen Schüler zum Beispiel dann eine besondere Anerkennung, wenn sie sozial tätig sind. „Das hat mir gut gefallen“, sagt Susett Mildner, die sich beim Bürgerbündnis „Bautzen bleibt bunt“ engagiert und seit Jahren Paten und Geflüchtete zusammenbringt.

Die Lehrerin weiß, was es heißt, Menschen für eine ehrenamtliche Arbeit zu motivieren. 2015, als viele Flüchtlinge nach Bautzen kamen, war sie eine der ersten, die eine Patenschaft für einen Asylbewerber übernahm. Damals wollten viele Bautzener den Menschen helfen, erinnert sie sich. Heute melden sich immer weniger. Und das, obwohl die Hilfe nach wie vor gebraucht wird – auch wenn die Arbeit eine andere ist. Es geht nicht mehr darum, Anträge auszufüllen. „Viele wünschen sich einfach nur jemanden, mit dem sie ihre Freizeit verbringen und deutsch reden können“, sagt sie. Dann zeigt Susett Mildner auf ihrem Handy Fotos von Flüchtlingshelfern aus den USA, erklärt, mit wie viel Herzblut sie bei der Sache sind.

Egal, welchen Ort die Lehrerin bei ihrer Reise besuchte, immer wieder berichteten die Bürger stolz davon, wie viele Nationen in ihrer Stadt wohnen. „Trotz der Reden von Präsident Trump sehen viele die Migration als Bereicherung“, erklärt sie.

Gegenbesuch im November
Im Bundesstaat Alaska traf Susett Mildner ihre Mitreisenden wieder. Dort endete für alle die Reise mit einem Workshop. Welche Anregungen nehmen sie für ihrer Arbeit mit? Welche Ideen wollen sie auch in Bautzen umsetzen? Die Flüchtlingshelfer entwickelten ein Konzept, das sie nun im Bautzener Rathaus und im Landratsamt vorstellen wollen. Vor allem geht es ihnen darum, dass positive Integrationsgeschichten in der Stadt mehr Gehör finden. Aber auch bei den Behörden sehen sie Handlungsbedarf. So haben sie erlebt, dass es in den USA beinahe alle Formulare in mehreren Sprachen gibt und dass auf den Ämtern verschiedene Sprachen gesprochen werden. Auch die Idee mit einem Fest für die Kulturen wollen die Frauen weiterverfolgen.

Das Projekt ist keine Einbahnstraße. Im November wird eine Delegation aus den USA die Flüchtlingshelfer besuchen. Ihren Gästen wollen sie dann zeigen, dass es auch in Bautzen Menschen gibt, die schon jetzt tolle Integrationsarbeit leisen.