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Was das Alter mit Corona zu tun hat

Schon ab 50 wächst das Risiko signifikant, an Covid-19 zu sterben, sagt Altersmediziner Jürgen Heppner. Entscheidend seien aber die Begleiterkrankungen.

Betagte Menschen haben ein deutlich erhöhtes Risiko, dass Corona bei ihnen einen schweren Verlauf nimmt. Das Alter an sich spielt dabei aber nur eine untergeordnete Rolle.
Betagte Menschen haben ein deutlich erhöhtes Risiko, dass Corona bei ihnen einen schweren Verlauf nimmt. Das Alter an sich spielt dabei aber nur eine untergeordnete Rolle. © Ronald Bonß (Symbolbild)

Von Ingo Bach

Immer dann, wenn die Maßnahmen gegen das Coronavirus begründet werden sollen, ist von den älteren Menschen die Rede, die man in einer solidarischen Gesellschaft vor einer Infektion schützen müsse. Aber was genau macht Senioren eigentlich zu so einer gefährdeten Gruppe? Darüber sprachen wir mit Jürgen Heppner, dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie.

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Herr Heppner, spricht man in Corona-Zeiten über die Menschen, für die größte Gesundheitsgefahr besteht, werden als Erstes immer Senioren genannt. Warum sind ältere Menschen eine Risikogruppe für einen schweren Verlauf der als Covid-19 bekannten Erkrankung?

Warum genau das so ist, weiß bisher niemand zweifelsfrei. Es wird noch einige Jahre dauern, bis man diese Gründe genau erforscht hat. Es ergibt sich ja quasi jeden Tag etwas Neues. Aber ja, es stimmt, Ältere sind eine Risikogruppe. Die Zahlen sprechen da eine klare Sprache: Das statistische Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 ist in höherem Alter deutlich höher als in jüngeren Jahren. Und es sterben auch wesentlich mehr ältere Menschen daran als jüngere.

Viele erinnern sich noch an die schlimmen Bilder in anderen Ländern, deren Klinikkapazitäten überlastet waren und wo deshalb unter bestimmten Bedingungen die Behandlung einzelner, meist hochbetagter Patienten infrage gestellt wurde. Dabei ist eine solche Triage genannte Vorauswahl der Fälle, in denen eine Behandlung nicht mehr sinnvoll ist, anhand des Geburtsjahres unsinnig. 

Denn es ist ja nicht das reine Alter, das die Älteren zur Risikogruppe macht. Sondern, dass das Alter oft mit weiteren chronischen Erkrankungen einhergeht. Und diese Begleiterkrankungen sind die eigentlich erschwerenden Faktoren bei Covid-19. Das sind zum Beispiel Diabetes, Bluthochdruck, eine koronare Herzerkrankung oder eine Vorschädigung der Lunge etwa durch eine COPD.

Nun heißt es aber auch, dass im Alter die Immunabwehr des Körpers gegen Bakterien, Viren oder Pilze erlahmt?

Das ist neben den Begleiterkrankungen der zweite Risikofaktor. Das Immunsystem ist bei einem älteren Menschen schwächer, Mediziner nennen das Immunseneszenz. Schwächer heißt, es kann bei einem 80-Jährigen nicht mehr so schnell und so heftig reagieren wie bei einem jüngeren Menschen um die 40. Das liegt daran, dass weniger Lymphozyten, also weiße Blutkörperchen, gebildet werden. Vor allem die zu den Lymphozyten zählenden wichtigen T-Helferzellen, die die Schnelligkeit und auch Art der Immunantwort steuern, nehmen ab.

Jürgen Heppner ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, Lehrstuhlinhaber an der Universität Witten/Herdecke und Chefarzt der Geriatrie am Helios Klinikum Schwelm.
Jürgen Heppner ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, Lehrstuhlinhaber an der Universität Witten/Herdecke und Chefarzt der Geriatrie am Helios Klinikum Schwelm. © Helios Klinikum

Nun ist doch aber gerade eine überschießende Immunantwort das Hauptproblem bei einem schweren Covid-19-Verlauf. Das Immunsystem antwortet zu heftig auf die Viren und verursacht gerade dadurch erst Schäden an lebenswichtigen Organen wie Lunge oder Herz. Ist da ein schwächeres Immunsystem nicht eher von Vorteil?

Theoretisch stimmt das, aber das ist einer der Punkte, die noch nicht geklärt sind. Eine Vermutung ist, dass auch die Organe eines älteren Menschen generell geschwächt sind und deshalb auch eine mildere Immunantwort diese mehr in Mitleidenschaft zieht als die überschießende Reaktion bei einem Jüngeren mit gesunden Organen.

Gibt es eine Altersgrenze, ab der das Risiko für einen schwere Covid-19-Erkrankung deutlich steigt?

Das Risiko wächst bereits ab dem 50. Lebensjahr signifikant, nicht erst ab dem 70. oder 80., woran man dabei immer zuerst denkt. Weiter eingrenzen etwa auf einzelne Lebensjahrzehnte lässt sich das aber nicht. Denn wie gesagt, entscheidender als die Jahreszahl sind die Begleiterkrankungen. Und das belegt auch die Situation in den besonders vom Coronavirus betroffenen Ländern. Wenn nur das Alter ein Risikofaktor wäre, müsste sich ja in allen diesen Ländern zumindest mit einem vergleichbar entwickelten Gesundheitssystem ein ähnliches Bild zeigen. Doch das ist nicht so: Zum Beispiel ist in Großbritannien die Sterblichkeit der über 75-Jährigen deutlich höher als in Deutschland.

Welche Rolle spielt es, dass Menschen in höherem Lebensalter generell schwächer und anfälliger sind?

Eine große. Und deshalb ist Gebrechlichkeit neben den Begleiterkrankungen und dem schwächeren Immunsystem der dritte und letzte Risikofaktor für einen schweren Verlauf der Erkrankung. Generell ist der Organismus eines betagten Menschen in einem hochempfindlichen Zustand. Da reicht schon ein Anlass aus, um das „wacklige“ System aus dem Gleichgewicht zu bringen. 

Das kann eine Grippe sein, ein Schlaganfall, ein Sturz oder eine Infektion mit dem Coronavirus. Dann entgleist das gesamte System und der Betroffene kommt nicht mehr richtig auf die Beine. Bei solch einem typischen geriatrischen Patienten - körperlich geschwächt, mit mehreren Begleiterkrankungen und auf mehrere Medikamente angewiesen - weiß man als Arzt dann gar nicht, wo man mit der Behandlung anfangen soll, weil plötzlich so viel zusammenkommt.

Nehmen wir das Beispiel Covid-19. Eigentlich müsste man sofort die Infektion bekämpfen, muss aber die Wechselwirkungen mit den anderen Arzneien beachten, die der Patient zum Teil schon über Jahre nimmt und durch die möglicherweise auch schon die Leber in Mitleidenschaft gezogen wurde. Und dann ist plötzlich eine Beatmung ratsam, doch die könnte für die vorgeschädigte Lunge des Patienten zum Risiko werden. Schließlich rast womöglich das Herz durch das Fieber und der Arzt muss die Gefahr eines Infarktes bannen und so weiter.

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Eine jüngst veröffentlichte Analyse von rund 10 000 Patienten, die wegen eines schweren Verlaufs von Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden mussten, zeigt eine besonders hohe Sterblichkeit von älteren Menschen, die ans Beatmungsgerät angeschlossen wurden. Bei beatmeten Patienten in der Altersgruppe von 70 bis 79 Jahren starben 63 Prozent und ab 80 Jahren sogar 72 Prozent. Richtet eine Beatmung bei betagten Menschen also mehr Schaden an, als sie Nutzen bringt?

Viele Laien denken: Nun ist er an der Maschine, also ist er bald tot. Doch nicht das Beatmungsgerät ist das Risiko, sondern der Gesundheitszustand, der den Arzt dazu zwingt, die Beatmung einzuleiten. Es ist ja auch nichts Neues, dass auf Intensivstationen die Sterblichkeit höher ist: Da bekommen sehr kranke Menschen sehr viel Medizin, was den Organismus noch weiter aus dem Gleichgewicht bringt.

Eine Beatmung ist neben der Behandlung bei einer Blutvergiftung die schwierigste Therapie, die auf der Intensivstation stattfindet. Da wird ja nicht einfach Luft in die Lunge gepumpt, sondern es muss dabei wahnsinnig viel beachtet werden: der richtige Druck, der ausreichend Sauerstoff in die Lunge bringt, ohne sie zu schädigen, das richtige Volumen an eingebrachter Atemluft, der korrekte Sitz des Tubus, der passende Zeitpunkt, die Beatmung zu beginnen, und vieles mehr. Das ist schon eine sehr komplizierte Therapie.

Bei der also auch einiges schieflaufen kann?

Natürlich ist ein hoher Ausbildungsgrad des Personals im Umgang mit dem Gerät und viel medizinische Erfahrung des Arztes bei der Wahl der Therapie für den Erfolg wesentlich. Dabei muss man den Behandlern aber zugutehalten, dass Covid-19 eine Erkrankung ist, die wir erst seit wenigen Monaten kennen, wo der Erfahrungshorizont also entsprechend begrenzt ist. In den ersten Wochen, als es losging mit den massenhaften Einweisungen von Covid-19-Patienten ins Krankenhaus, hatte man zunächst den völlig falschen Eindruck, dass es sich um eine Krankheit der Lunge handle.

Mittlerweile weiß man, dass die Atemwege lediglich die Eintrittspforte für das Virus sind, die Krankheit aber viele andere Organe in Mitleidenschaft zieht. Und auch jetzt läuft die Forschung darüber weiter, wann der richtige Zeitpunkt ist, eine Beatmung zu beginnen, und welche Technik dafür die am besten geeignete ist. Beim Coronavirus ist die Medizin noch immer in einer Lernkurve.

Rauchen verursacht diverse Erkrankungen - was wiederum auch einen schweren Corona-Verlauf begünstigen kann.
Rauchen verursacht diverse Erkrankungen - was wiederum auch einen schweren Corona-Verlauf begünstigen kann. © Thomas Kretschel (Symbolbild)

Also rechtfertigen es diese Risiken, dass die Älteren vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus besonders geschützt werden, teilweise ja durchaus mit „rabiaten“ Methoden, wie einer Quarantäne zu Hause oder Besuchsverboten in Pflegeheimen?

Sicher muss man diese Menschen schützen. Aber ich bin kein Verfechter davon, sie aus Schutz quasi einzusperren. Das sind erwachsene Menschen, die selbst entscheiden können, welche Risiken sie eingehen wollen, um trotzdem einen lebenswerten Alltag zu haben, und die weiter ihre Angehörigen und Freunde treffen möchten. Ein generelles „Wegsperren“ ist der falsche Weg.

Jetzt gibt es Kritiker, die fragen, ob man nicht durch ein Besuchsverbot zum Schutz vor einer Infektion möglicherweise mehr Gesundheitsschäden verursacht als das Virus selbst. Zum Beispiel weil man die Pflegeheimbewohner dadurch der Einsamkeit und einer folgenden Depression ausliefert.

In der Tat ist das ein Problem, wenn man so handelt, dass „Lebensschutz“ vor „Depressionsschutz“ geht. Und es stimmt, alles, was mit Einsperren oder Isolierung zu tun hat, kann gerade bei Älteren sehr schnell in die Einsamkeit führen. Deshalb entwickeln immer mehr Pflegeheime intelligente Besuchskonzepte, um beides - also den Schutz vor einer Infektion und die Erhaltung des sozialen Netzes - unter einen Hut zu bekommen. Da gibt es dann zum Beispiel Besuchsräume, in denen eine Plexiglasscheibe Schutz vor einer Übertragung des Virus bietet. Oder es gibt „Fensterbesuche“, wofür die Heime Räume im Erdgeschoss zur Verfügung stellen, wo man Kontakt zu Besuchern durchs Fenster halten kann.

Was raten Sie älteren Menschen, um eine schwere Covid-19-Erkrankung zu vermeiden?

Generell natürlich, eine Ansteckung mit dem Coronavirus zu vermeiden, also Abstand halten, Masken tragen und Hände waschen - und nicht leichtsinnig werden. Genauso wichtig ist es aber auch, dass die älteren Patienten laufende Behandlungen anderer Erkrankungen nicht aus Angst vor Corona einfach beenden oder Medikamente absetzen.

Es geisterten ja Geschichten herum, dass bestimmte Bluthochdruckmedikamente oder Kortisonpräparate eine Ansteckung mit dem Coronavirus begünstigen würden. Wenn man dazu Fragen oder Ängste hat, dann sollte man immer Rücksprache mit dem Hausarzt halten, bevor man irgendetwas tut. Denn wenn sich plötzlich Symptome einer chronischen Erkrankung verschlechtern und man deswegen ins Krankenhaus muss, setzt man sich unter Umständen genau dem Ansteckungsrisiko aus, das man vermeiden wollte.

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Und wann sollten Senioren wegen des Verdachts auf eine Covid-19-Erkrankung zum Doktor?

Ältere Patienten sollten mehr noch als jüngere immer bei den ersten Anzeichen einer Atemwegserkrankung mit dem Arzt Kontakt aufnehmen, selbst wenn die nur leicht sind. Denn durch die schon angesprochene Immunseneszenz sind die ersten Symptome von Covid-19 bei ihnen oft nur leicht.

Da es aber für eine erfolgreiche Behandlung sehr wichtig ist, sie so früh wie möglich zu starten, sollte man im Alter selbst leichte Symptome nicht ignorieren. Das kann eine leicht erhöhte Temperatur von 37,5 Grad sein oder das Gefühl, dass das Essen plötzlich nicht mehr wie gewohnt schmeckt oder dass ich die Zigarre vom Nachbarn, die mich früher immer gestört hat, nicht mehr riechen kann. Wenn so etwas kommt, sollte man es nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn das könnten erste Anzeichen von Covid-19 sein.

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