merken
PLUS Pirna

Warum der Landkreis auf den Brexit wartet

Fördermittel aus Europa liegen auf Eis, solange sich Großbritannien nicht für einen Abschiedstermin entschieden hat. Das Geld wird dringend erwartet.

Dirk Scholz aus Reichenau hat dank EU-Geldern seinen Betrieb erweitert und bietet nun auch E-Bikes an.
Dirk Scholz aus Reichenau hat dank EU-Geldern seinen Betrieb erweitert und bietet nun auch E-Bikes an. © Egbert Kamprath

Die große Politik hielt im Erbgericht in Höckendorf Einzug. Im beschaulichen Osterzgebirge, abseits der Metropolen und Autobahnen, fand die jährliche Regionalkonferenz der Leader-Regionen statt. Das sind ländliche Gebiete, die mit Geldern aus einem europäischen Förderprogramm unterstützt werden. Dabei ging es auch um den Brexit. Wie Großbritanniens Austritt aus der EU mit den Leader-Regionen zu tun hat, fasst Sächsische.de zusammen.

Fördert Leader auch private oder gewerbliche Projekte?

Gesundheit und Wellness
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit und Wellness haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Ein Projekt, das es ohne diese Förderung nie gegeben hätte, ist das E-Bike-Geschäft von Dirk Scholz in Reichenau. Seit 29 Jahren ist er in der Region als Zweiradmechaniker und Mechatroniker tätig. Motorradfreunde nehmen seine Dienste gern in Anspruch. Nun wurde das Geschäft um E-Bikes erweitert. "Deren Verkauf und Wartung sind nun unser zweites Standbein", sagt Scholz. Ein Anbau und drei Arbeitsplätze sind so in Reichenau entstanden. 

Dass es eine Nachfrage im Osterzgebirge geben müsste, hat sich bestätigt. Die Bilanz nach dem ersten vollständigen Jahr mit dem neuen Angebot sei sehr positiv. Scholz ist sicher, dass noch mehr Potenzial im Geschäft mit den E-Bikes steckt. Das gilt sowohl mit Blick auf Einheimische als auch auf Gäste der Region. Von zwei Hotels gibt es immer mal wieder Anfragen, ob Test-Fahrräder zur Verfügung stehen. "Ein Leihgeschäft, so groß wie an der Ostsee, wird es aber so schnell nicht geben", sagt Scholz.

Zum einen ist der Besucheransturm nicht so groß. Zum anderen braucht es im bergigen Osterzgebirge auch etwas leistungsfähigere Technik. Die Kompetenz von Dirk Scholz und seinen Mitarbeitern wird von den Kunden geschätzt. "Ohne die Unterstützung mit Geld aus dem Leader-Förderprogramm hätte ich das aber nicht machen können", sagt Scholz.

Das war nur ein Beispiel von vielen, die zur Regionalkonferenz in Höckendorf vorgestellt wurden. Seit 2014 läuft das Förderprogramm für alle ländlichen Regionen in der EU. Unterstützt werden kommunale Projekte, aber eben auch private und gewerbliche. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sind bisher 431 Projekte gefördert worden. 

Warum gibt es einen Stau bei der Fördermittelvergabe?

Für das nächste Jahr stehen weitere Vorhaben vor dem Beginn. Doch es geht nichts voran. Grund dafür ist hauptsächlich der immer wieder aufgeschobene Brexit. Weil unklar ist, wie lange Großbritannien noch Einzahler in der EU ist, bleibt vage, wie viel Fördermittel für Leader-Projekte zur Verfügung stehen. "Das Programm wird auf jeden Fall fortgeführt. Klären Sie für sich in den Regionen schon mal die Handlungsfelder und Förderschwerpunkte", sagte Hartmut Berndt von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Leader-Aktionsgruppen. Eines sei aber sicher: Es wird weniger Geld geben, das verteilt werden kann. "2019 war das letzte Jahr der großen Bewilligungen", erklärte Manfred Elsner. Er ist Vorsitzender des Vereins Landschaf(f)t Zukunft, dem Träger für die Leader-Förderung in der Region.

Weil es unterschiedliche Förderschwerpunkte gibt, werden hierzulande die Regionen Sächsische Schweiz und "Silbernes Erzgebirge" getrennt gemanagt. Die Sächsische Schweiz umfasst den gleichnamigen Altkreis. Zum Silbernen Erzgebirge gehören neben dem früheren Weißeritzkreis auch noch Teile des Kreises Mittelsachsen sowie die Gemeinde Seiffen, die im Landkreis Erzgebirge liegt.

Welche Kommunen profitieren am meisten vom Förderprogramm?

Bisher hat die Gemeinde Klingenberg im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge  die meisten kommunalen Projekte (13) umgesetzt. Kein einziges schafften dagegen acht der 36 Kommunen im Landkreis. Das sind Dohna, Müglitztal, Dohma, Reinhardtsdorf-Schöna, Sebnitz, Hartmannsdorf-Reichenau, Dorfhain und Bannewitz. Allerdings nutzten dort private oder gewerbliche Antragsteller die Förderung.

Die meisten Projekte wurden nach Klingenberg (33) in Stolpen (31) verwirklicht, was dort eine Gesamtinvestitionssumme von rund 5,6 Millionen Euro zur Folge hatte. Ähnlich viel Geld ist über Leader in Wilsdruff investiert worden, wovon rund 2,57 Millionen Euro Fördermittel waren. Keine andere Kommune im Landkreis hat mehr erhalten.

Obwohl es um die Entwicklung ländlicher Gebiete geht, haben auch Pirna oder Freital vom Programm profitiert. In den Städten ist jedoch straßengenau festgelegt, welche Gebiete förderfähig sind. Das war zum Beispiel bei der Straßenbeleuchtung im Pirnaer Ortsteil Mockethal der Fall.

So viel Fördermittel über das Leader-Programm flossen in die jeweiligen Kommunen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.
So viel Fördermittel über das Leader-Programm flossen in die jeweiligen Kommunen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. © SZ Grafik

Wer entscheidet, was schließlich gefördert wird?

Im Silbernen Erzgebirge wurden 489 Vorhabensanträge eingereicht, für 331 wurden bisher Fördermittel bewilligt. Nach einem vorher festgelegten Punktesystem legt der Koordinierungskreis der jeweiligen Region ein Ranking der Projekte fest. Am 11. Dezember fallen fürs Silberne Erzgebirge die nächsten Entscheidungen.

Jede Region hat Handlungsfelder festgelegt und sich Ziele gesetzt. "Bei privatem Wohnen liegen wir weit über dem Ziel. Bei der Wirtschaft werden wir es aber nicht mehr erreichen", sagt Regionalmanagerin Bettina Bezold. Zwar wurden von ihr und den anderen Mitarbeitern insgesamt 877 persönliche Gespräche geführt, der Beratungsbedarf ist aber weitaus größer. "Im Bereich medizinisch-pflegerische Versorgung mussten wir erst mal Interesse wecken", sagt Bezold.

Weiterführende Artikel

Weiter EU-Geld für Projekte auf dem Land?

Weiter EU-Geld für Projekte auf dem Land?

Ein Zuschuss von 95.000 Euro für einen Wohnungsbau. Das Leader-Programm machte das möglich. Doch dort beginnt eine Umbruchphase.

Brexit: Jetzt muss nur noch Queen Ja sagen

Brexit: Jetzt muss nur noch Queen Ja sagen

Nach dem Unterhaus gaben nun auch die Lords im Oberhaus ihre Zustimmung zum Ratifizierungsgesetz. Nun muss Elizabeth II. noch zustimmen.

Der Reichenauer Unternehmer Dirk Scholz ist dabei der Handwerkskammer Dresden sehr dankbar. Die habe ihn vor Ort besucht und sehr gut beraten. "Das kann ich jedem nur empfehlen, sich erst mal an seine Innung oder Kammer zu wenden", sagt Scholz. Was passen könnte, dazu berät auch gern das jeweilige Regionalmanagement, heißt es von den Verantwortlichen. Die nächste Förderperiode läuft von 2021 bis 2027.

Weitere Informationen zur Regionalkonferenz gibt es hier.

Hier lesen Sie noch mehr Nachrichten aus Pirna, Freital, Dippoldiswalde und Sebnitz.

Mehr zum Thema Pirna