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Feuilleton

Was das Römische Reich mit der AfD zu tun hat

Der Dresdner Stadtschreiber hat eine ganz eigene Erklärung für das Ergebnis der Landtagswahlen. Eine Kolumne.

© Ronald Bonß

Von Bernd Wagner

Als nach Preußen ausgewanderter Sachse habe ich in meinem Geburtsland zu Recht kein Wahlrecht, obwohl ich gern überall mitreden würde. Aber niemand kann mich am Mitfühlen und Mitdenken hindern, und da auch ich Teil einer allumfassenden Medien-Netz-Gemeinschaft bin, die mich, wie ehemals die Erbsünder des Christentums und die Kollektivschuldner des Nationalsozialismus, mitverantwortlich macht für jeden Missstand auf diesem Planeten, so halte ich dieses Wir auch im Fall der sächsischen Landtagswahlen für gerechtfertigt. Ja, ich halte es für notwendig. Nicht im sozialistischen Sinne des „Vom Ich zum Wir“ oder gar in der von Volker Braun formulierten verschärften Variante „Wir und nicht sie“, sondern als Ich, das als Mitglied einer Polis politisch zu empfinden angehalten ist.

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Einem solchen Bewusstsein widerspricht allerdings das Lagerdenken, das jede Schuld dem Andersdenkenden zuschiebt und ihn zum Feind erklärt. Es ist so alt wie der Dualismus im Leben selbst und hat sich zuletzt als Linke und Rechte formiert und tut es in den meisten Köpfen noch immer. Zu Unrecht, wie mir scheint, denn inzwischen haben sich zwei verwandte, doch keineswegs deckungsgleiche Denkrichtungen etabliert.

In der einer Kolumne angemessenen Kürze ausgedrückt, sieht die eine die gesamte Menschheit als „Schicksalsgemeinschaft“ und meint, dass deren Probleme nur durch eine allgemeine Entgrenzung, das heißt eine Globalisierung möglichst vieler Lebensbereiche zu lösen sind. Das andere Lager hält das angesichts von demnächst zehn Milliarden Erdbewohnern für eine Unmöglichkeit und besteht auf den begrenzteren gesellschaftlichen Ordnungen, wie sie der Nationalstaat geschaffen hat. Ich verweigere mich dem Populismus, die eine oder die andere Variante als populistisch zu bezeichnen, sondern suche nach Gründen für diese Haltungen.

Zum Beispiel, warum in Sachsen und den anderen östlichen Bundesländern ein ungleich größerer Teil der Wähler als im Westen die Problemlösungen auf nationaler Ebene vorzieht. Wenn wir uns der friedlichen Schlachtrufe von 1989 entsinnen, dürfte das klarer werden. Von „Wir sind das Volk“ reichten sie über „Wir sind e i n Volk“ bis zu „Deutschland einig Vaterland“. Das bedeutete, dass eine in einem Imperium domestizierte Bevölkerung zurück in den Nationalstaat wollte, der nicht nur heimatliche Geborgenheit, sondern auch die Gewährung demokratischer Rechte und Freiheiten versprach. Die meisten, längst in einem postnationalen Stadium angekommenen Brüder und Schwestern im Westen waren darüber verwundert. Nation bedeutete für sie Nationalismus und dieser die Vorstufe zum Nationalsozialismus. Von ihm durch die Aufnahme in eine internationale, in die westliche Wertegemeinschaft befreit worden zu sein, betrachteten sie als ihre größte Errungenschaft. Für sie waren New York, Paris und die Mittelmeerstrände näher als Mecklenburg und die Oberlausitz.

Die anhaltende Virulenz dieser Ost-West-Teilung liegt unter anderem daran, dass sie bedeutend älter ist als Stacheldraht und Todesstreifen. Sie geht bis auf den römischen Limes zurück, der das Siedlungsgebiet der Germanen in ein latinisiertes und ein davon unbetroffenes Territorium teilte. Im Mittelalter war der deutsche Osten das Werk von Kolonisten, die, wie überall, besonders hartnäckig an ihren aus dem Mutterland mitgebrachten Gebräuchen und Vorstellungen festhielten. Von hier, vom Norden und Osten, gingen alle großen nationalen, alle deutschen Einigungsbestrebungen aus. Angefangen mit der mitteldeutschen Reformation, die eine Gegenreaktion auf den römischen Kosmopolitismus war. Die antinapoleonischen Befreiungskriege hatten ihr Zentrum in Preußen, das später zum Kernland des Deutschen Reiches wurde. Und vom nationalen Verantwortungsgefühl preußischer Generalstabsoffiziere gegenüber imperialen Gelüsten war auch der bedeutendste Widerstandsversuch im Dritten Reich geprägt.

Bin ich zu weit gegangen, da doch von Landtagswahlen die Rede sein sollte? Aber ich glaube, dass eine möglichst gründliche gegenseitige Kenntnisnahme die Voraussetzung für jedes Gespräch und dieses notwendiger denn je ist. Beide hier kurz skizzierten Positionen zeichneten in ihren extremen Ausformungen für die großen Katastrophen der Vergangenheit verantwortlich. Wenn aus dem herrschenden geistigen Bürgerkrieg kein realer werden soll, müssen wir zum Dialog übergehen.

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