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Zittau

Was den Todesfahrer vor dem Knast rettet

Der Afghanistan-Veteran baute zwischen Kiesdorf und Ostritz einen Unfall, sollte dafür 18 Monate ins Gefängnis und wehrte sich. Das neue Urteil brachte nun die Witwe zum Weinen.

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Symbolbild ©  dpa / Symbolbild

Der 33-jährige Eibauer Zeitsoldat, der vom Zittauer Amtsrichter Kai Ronsdorf im Dezember 2018 wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs zu einer 18-monatigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung  verurteilt worden war, muss nun doch nicht ins Gefängnis. Seine Berufung vor dem Landgericht Görlitz war erfolgreich. Der Vorsitzende Richter Uwe Böcker gestand ihm eine Bewährung zu und reduzierte die (jetzt nur angedrohte) Freiheitsstrafe auf 17 Monate. 

Der Eibauer war am 9. Juni 2017 gegen 22 Uhr, offenbar betrunken und übermüdet, auf der Straße zwischen Kiesdorf und Ostritz mit seinem Renault in einer Rechtskurve auf die Gegenfahrbahn geraten. Dort prallte er auf einen 54-jährigen Motorradfahrer frontal auf. Das Opfer verstarb noch an der Unfallstelle. Dafür war er im Dezember 2018 verurteilt worden, und dagegen war er in Berufung gegangen. 

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Nach einem Hinweis des Gerichtes hatte er die Berufung auf den Schuldspruch beschränkt. Die eigentliche Verurteilung für die Tat war damit bereits vor dem Berufungsverfahren am Landgericht rechtskräftig. Es ging am Donnerstagvormittag "nur" noch um die Strafhöhe. 

Der Angeklagte und sein Verteidiger machten vor allem geltend, dass besondere Umstände im Vorfeld dieses tragischen Unfalls zu berücksichtigen seien, und dass das Zittauer Amtsgericht bei der Entscheidung, ob die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden könne, die Sozialprognose des Eibauers nicht berücksichtigt habe. Den Schilderungen des Eibauers zufolge war die Situation für ihn vor dem tragischen Geschehen tatsächlich schwierig. 

Er hatte Probleme in seiner Beziehung (ein leiblicher Sohn und eine Ziehtochter), die aus einer räumlichen Trennung herrührten. Der Zeitsoldat  war fernab der Heimat stationiert, die Probleme ertränkte er in Alkohol. Dabei spielten auch seine Afghanistan-Erfahrungen (sechs Monate im Jahr 2009) eine Rolle. Er hatte seine Abhängigkeit erkannt und sich ab Januar 2017 in Berlin behandeln lassen. Dort habe es das Versprechen einer heimatnahen Versetzung gegeben, wenn die Therapie erfolgreich sei. Dieses Versprechen sei nicht eingehalten worden, das Gebäude der Hoffnungen darauf war am Tag dem Unfall zusammengestürzt. So schilderte es der Angeklagte. 

Es sei zu einem Rückfall gekommen. So richtig klar vor Gericht wurde allerdings nicht, ob der Eibauer inzwischen einräumt, den Schnaps vor dem Unfall getrunken zu haben. Zweieinhalb Stunden nach dem Unfall wurde ein Promillewert von 1,56 gemessen. Vor dem Zittauer Amtsgericht hatte er behauptet, vor der Todesfahrt lediglich eine Flasche Bier getrunken zu haben, danach den Schnaps. 

Diesmal sprach er erneut diese eine Flasche Bier an, von Schnaps war keine Rede mehr, Nachfragen dazu gab es nicht. Offensichtlich wertete das Gericht die Beschränkung der Berufung auf den Schuldspruch auch als Geständnis, dass die Feststellungen des Amtsgerichts stimmten, dass er den Alkohol nämlich vor der Tat zu sich genommen hatte. An den Unfall selbst erinnert er sich nur wenig. Plötzlich sei das Licht auf ihn zugekommen. Dann sei es schon zu spät gewesen.

Schon das Zittauer Amtsgericht hatte viele Dinge benannt, die für den Angeklagten sprachen: keine Vorstrafen, die lange Zeit zwischen Tat und Verhandlung,  die geleistete und von Zeugen bestätigte Erste Hilfe vor Ort und das Aufsuchen einer Therapie nach dem Unfall. Der Verteidigung fehlte die Sozialprognose und damit die Aussage, ob es wahrscheinlich ist, dass der Eibauer weiterhin mit dem Gesetz in Konflikt geraten könnte oder nicht. 

Dabei wurde der 33-Jährige praktisch als Muster-Angeklagter dargestellt: Therapien erfolgreich abgeschlossen, beim Comeback-Verein erfolgreich nachbetreut,  seitdem abstinent, mit einer neue Lebensperspektive. Der Eibauer hat an der Fachschule des Berufsförderungsdienstes eine Ausbildung in Sozialpädagogik und Psychiatrie begonnen, will seine Erfahrungen weitergeben und ein warnendes Beispiel sein.  Der Verteidiger bat darum,  die Strafe zur Bewährung auszusetzen.

Allerdings: Einen Täter-Opfer-Ausgleich hat der Eibauer nie gesucht. Die anwesende Witwe des Motorradfahrers sagte, es habe in den fast zwei Jahren nichts vom Angeklagten gegeben, auch keinen Brief.  Der Staatsanwalt forderte eine Zurückweisung der Berufung und begründete das unter anderem so: "Wenn alkoholisierte Todesfahrer mit einer Bewährungsstrafe davonkommen, versteht das niemand mehr, erst recht nicht, wenn ein solches Urteil im Namen das Volkes gesprochen wird."

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Richter Uwe Böcker aber folgte den Argumenten des Angeklagten und seines Verteidigers. An den Staatsanwalt gerichtet sagte er: "Es stimmt einfach nicht, dass eine solche Tat automatisch eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung nach sich zieht. Das widerspricht der höchstrichterlichen Rechtssprechung des Bundesgerichtshofes. Ich habe bei meiner Suche dazu gleich zehn entsprechende Beispiel gefunden. Die Witwe des Opfers nahm das Urteil unter Tränen zur Kenntnis. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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