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Was der Bischof zur Krise seiner Kirche sagt

„Fremde sind nicht zuerst eine Gefahr“, erklärt der Görlitzer Wolfgang Ipolt. Er sprach mit der SZ über den Protest in der Demokratie.

Der katholische Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt in diesem Juni bei der Fronleichnamsfeier am Wilhelmsplatz.
Der katholische Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt in diesem Juni bei der Fronleichnamsfeier am Wilhelmsplatz. © Nikolai Schmidt

Herr Bischof, der Papst hat einen Brief an die Katholiken in Deutschland geschrieben. Manche lesen darin die Botschaft von Franziskus: Glaubt fest, dann wird alles gut. Veränderungen sind nicht so wichtig. Sehen Sie das auch so?

Nein, das würde die Bedeutung dieses Briefes sehr vereinfachen. Der Papst hat diesen Brief an alle Gläubigen geschrieben, um uns daran zu erinnern, der Botschaft des Evangeliums treu zu bleiben, und vor allem nicht nur an uns in Deutschland zu denken, wenn wir über Erneuerung der Kirche reden, sondern immer die gesamte Kirche im Blick zu behalten. Natürlich hat der Papst in seinem Brief auch sehr deutlich auf die Erosion und den Verlust des Glaubens in unserem Land hingewiesen; und das ist ja wohl in beiden großen Kirchen nicht zu übersehen.

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Aber ist der Vertrauensverlust der katholischen Kirche angesichts tausender Missbrauchsfälle in der Vergangenheit nicht mittlerweile so groß, dass die Kirche sich tiefgreifend verändern muss?

Als katholische Kirche in Deutschland wollen wir in den kommenden zwei Jahren zusammen mit den Gläubigen auf einem synodalen Weg über Veränderungen reden. Anlass dazu war der von Ihnen angesprochene Vertrauensverlust. Wir haben vier Themen identifiziert, wo wir neues Vertrauen gewinnen wollen und müssen. Da geht es um die Macht in der Kirche, um die priesterliche Lebensform, um die Weiterentwicklung der Sexualmoral und um Dienste und Ämter, die auch Frauen übernehmen können. Dass es für diesen Prozess erst der Aufdeckung der Missbrauchsfälle bedurfte, ist bedauerlich. Vor allem haben die Menschen uns übelgenommen, dass wir versucht haben, die Missbrauchsfälle unter den Teppich zu kehren und die Institution Kirche oft mehr geschützt haben als die Opfer. Das hat uns tatsächlich sehr viele Sympathien gekostet. Dabei liegt es ja auf der Hand: Wo die Kirche dem Evangelium untreu geworden ist, wo sie ihren hohen Ansprüchen nicht gerecht wird, da muss sie sich ändern. Wir nennen das im christlichen Sprachgebrauch „Buße“ und „Umkehr“.

Die Gläubigen erwarten große Veränderungen von dem synodalen Weg.

Die Erwartungen sind groß, dass, etwas überspitzt gesagt, ab morgen sozusagen eine „neue Kirche“ entstehen wird. Das ist nicht zu erwarten. Papst Franziskus rät uns in seinem Brief: „… müssten wir uns also fragen, was der Geist heute der Kirche sagt, um die Zeichen der Zeit zu erkennen, was nicht gleichbedeutend ist mit einem bloßen Anpassen an den Zeitgeist. Alle Bemühungen des Hörens, des Beratens und der Unterscheidung zielen darauf ab, dass die Kirche ... treuer, verfügbarer, gewandter und transparenter wird… Lassen wir uns die missionarische Kraft nicht nehmen.“ Zudem tun wir in Deutschland gut daran, bei unseren Problemen immer den Sensus für die Weltkirche zu behalten.

Wie meinen Sie das?

Manche Diskussionen oder Forderungen bei uns empfinde ich ein wenig provinziell und zu wenig von einer Glaubensperspektive durchdrungen. Papst Franziskus erinnert darum: „Es geht um das Leben und das Empfinden mit der Kirche und in der Kirche, das uns in nicht wenigen Situationen auch Leiden in der Kirche und an der Kirche verursachen wird. Die Weltkirche lebt in und aus den Teilkirchen, so wie die Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen…“ Die Frage zum Beispiel, ob Frauen die Priesterweihe erhalten können, wird in vielen Ländern und Kulturen ganz anders gesehen als bei uns. Eine Entscheidung darüber wird beim synodalen Weg in Deutschland nicht fallen.

Wenn Sie aber sagen über die Priesterweihe von Frauen, über das Pflichtzölibat der Priester oder die kirchliche Sexualmoral können sie nicht reden, worüber wollen sie dann sprechen? Es sind ja katholische Christen die genau das verlangen.

Ich bin sicher, dass der synodale Weg sinnvoll ist und er auch wichtige Empfehlungen bringen wird. Auch wenn wir über die Priesterweihe für Frauen nicht entscheiden können, so können wir uns doch fragen, wo und wie wir mehr Frauen verantwortliche Aufgaben in der Kirche anvertrauen können. Als ich Bischof wurde, habe ich zum Beispiel das Amt des Generalvikars von dem des Ökonomen des Bistums getrennt. Das macht jetzt eine Frau, die dafür auch die nötige Kompetenz mitbringt. Dazu gibt es noch andere leitende Positionen, die nicht unbedingt mit einem Priester besetzt sein müssen. Der synodale Weg kann, so hoffe ich, eine neue Verständigung zwischen den Bischöfen und dem Gottesvolk darüber schaffen, was bleibend in der Kirche ist und wo Veränderungen heute angezeigt sind.

Der Priestermangel in der Kirche dürfte doch auch ein Grund für diese Entwicklung sein. Im Bistum müssen sie teilweise auf polnische oder indische Priester zurückgreifen. Das ist zwar kirchlich kein Problem, weil die katholische Kirche sich als Weltkirche versteht, aber vielleicht doch dem einen oder anderen Gläubigen nicht recht.

Probleme sollte man nie aus der Sicht des Mangels angehen. Ich habe derzeit genügend Priester für unser Bistum. Das ist natürlich nicht in allen Diözesen Deutschlands so. Übrigens, der Mangel an Pfarrern oder Priestern trifft ja nicht nur Diözesen der katholischen Kirche, sondern auch die Evangelische Kirche. Ein Beruf in der Kirche wird nur dort interessant und erstrebenswert sein, wo auch Glauben ist. Wo der Glaube schwindet, schwinden auch die Berufungen für einen seelsorglichen Dienst.

Für viele junge Menschen ist der Pflichtzölibat für Priester abschreckend genug, um diesen Beruf zu ergreifen.

Der Zölibat ist eine Lebensform, die nur aus dem Glauben zu verstehen ist. Es ist die Lebensform Jesu, die ein Mensch – in diesem Fall der Priester – damit übernimmt, um seinem Glauben und seiner Verkündigung Gewicht zu verleihen. Das bleibt „an-stößig“ im echten Sinn dieses Wortes – und zugleich interessant. Aus meiner Sicht ist es aber heute für junge Menschen eher schwierig, eine lebenslange Bindung einzugehen, einen Beruf für immer auszuüben. Priester ist man (nach unserem Verständnis) auf Lebenszeit. Das ist ohne Zweifel eine Herausforderung.

Das Verlangen nach Veränderung greift nicht nur in der katholischen Kirche um sich, sondern auch in der Gesellschaft überhaupt. Frust, Enttäuschungen führen dazu, dass extreme Parteien Zulauf haben. Die Europawahl hat das ja gezeigt.

Ich glaube, viele Menschen haben aus reinem Protest anders als in der Vergangenheit gewählt. Haben sie wirklich die Wahlprogramme gelesen? Viele haben sich gesagt: Die regierenden Parteien haben dieses oder jenes nicht hinbekommen, jetzt sollen es mal andere versuchen. Mir scheint, es gibt 30 Jahre nach der Wiedervereinigung im Osten Deutschlands das Gefühl, wir sind abgehängt, die Regierung hat uns vergessen, wir haben immer noch nicht die gleichen Renten und Löhne, manche Investitionen in die Infrastruktur lassen zu lange auf sich warten. Dieses Gefühl der Ungeduld hat meiner Meinung nach dazu beigetragen, dass mancher den etablierten Volksparteien das Vertrauen entzogen hat. Das muss man ernst nehmen. Ob es andere besser machen werden, ist fraglich und wird sich zeigen.

Gibt es ein Rezept, das herauszufinden?

Ich rate allen, aufmerksam die Wahlprogramme zu lesen. Da gibt es klare Unterschiede zwischen den Parteien.

Aber keine Partei regiert allein, und Kompromisse stehen nicht hoch im Kurs.

Aber ohne Kompromisse geht es nicht. Politik ist oft ganz pragmatisch, die täglichen Herausforderungen benötigen verantwortliche Lösungen, auf die die Menschen mit Recht warten. Ich füge hinzu: Es gibt für mich keine dezidiert christliche Politik, sehr wohl aber gibt es christliche Politiker, die aus ihrer Überzeugung handeln. Sie sind wichtig für den Wertekanon und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Das Unterscheidende der Parteien entdeckt man vor allem beim Menschenbild und den daraus sich ergebenden Folgerungen – da unterscheiden sie sich in bestimmten Punkten doch sehr.

Auch Katholiken wählen die AfD.

Das ist sicher so, und das muss jeder vor seinem Gewissen verantworten. Meine persönliche Kritik an dieser Partei würde ich so zusammenfassen: Sie ist zu stark national, zu wenig international orientiert. Das zeigt sich unter anderem in der Flüchtlingsfrage. Wenn Fremde zuerst als Gefahr angesehen werden, kann ich dem nicht zustimmen. Die AfD schürt zu sehr die Ängste, die Chancen der Freiheit, auch der offenen Grenzen, werden zu wenig gesehen und wertgeschätzt. Dafür aber habe ich 1989 demonstriert.

Das ist wieder die Sicht der katholischen Weltkirche und des Bischofs des Bistums Görlitz, in dessen Gemeinden, wie in Görlitz oder Guben, zahlreiche polnische Christen in der Kirchenbank sitzen.

Genau das ist typisch für uns. Wir haben in unserer Region einfach wenige Erfahrungen mit Ausländern; das hat etwas mit unserer Geschichte zu tun. Ich rate gern jungen Menschen, für ein Jahr als „Missionar auf Zeit“ oder für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Afrika oder Indonesien zu gehen, um dort das Leben der Menschen und der Kirche kennenzulernen. Meistens kehren sie bereichert von einem solchen Jahr zurück; die inneren Schranken gegen das Fremde sind geringer geworden. Ich drücke es gern so aus: Für mich ist ein junger Mensch aus unserem Bistum erst wirklich katholisch, wenn er zum Beispiel in Amerika studiert und dort auch zum Gottesdienst geht – nicht nur zu Hause.

Die Bischofskonferenz hat sich soeben mit dem Populismus auseinandergesetzt, ihn einerseits abgelehnt, andererseits aber empfohlen, das Gespräch mit populistischen Parteien und Politikern zu suchen. Wie ist das bei Ihnen?

Ich selbst hatte dazu bisher wenig Gelegenheit, bis auf ein Gespräch mit Herrn Wippel vor längerer Zeit. Ein Gespräch ist immer sinnvoll und besser als der Versuch, jemanden zu isolieren. Jedes Gespräch ist ein Gewinn für die Beteiligten und ich hoffe, dass immer eine gewisse Nachdenklichkeit zurückbleibt.

Der Caritasverband der Diözese hat sich jetzt mit Blick auf die Landtagswahl gegen Rassismus und für Offenheit ausgesprochen. Empfinden Sie das als hilfreich?

Ich bin froh, dass der Caritasverband sich so positioniert hat. Und ich wünsche mir auch, dass unser Diözesanrat, die Laienvertretung der Katholiken unseres Bistums, sich mit gleicher Stimme äußert. Ich setze sehr auf ein demokratisches Grundverständnis unserer Gläubigen.

Sie selbst werden sich vor der Wahl nicht äußern?

Nein, Wahlempfehlungen vom Bischof sind nicht üblich. Ich fordere aber alle auf, wählen zu gehen und von ihrem Recht verantwortlich Gebrauch zu machen. Ich hoffe, dass katholische Christen sich dabei von der Sorge um die Demokratie und um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft leiten lassen.

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