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Was die deutsche Kultusministerin denkt

Monika Grütters plaudert beim Muskauer Schlossgespräch aus dem Nähkästchen. Dem Publikum gefiel’s.

Erstes Schlossgespräch 2020 des Fördervereins in Bad Muskau: Gastgeber und Vereinsvorsitzender Michael Kretschmer im Dialog mit Bundeskulturministerin Monika Grütters.
Erstes Schlossgespräch 2020 des Fördervereins in Bad Muskau: Gastgeber und Vereinsvorsitzender Michael Kretschmer im Dialog mit Bundeskulturministerin Monika Grütters. © Joachim Rehle

Die Schlossgespräche gehören in der Region unbestritten zu den Veranstaltungshöhepunkten und ziehen Publikum aller Couleur an. Schließlich bringen sie der Provinz einen Touch Glamour, verbunden mit Unterhaltung sowie Promis aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft zum Anfassen und befragen.

Am Freitag erlebte das Schlossgespräch-Publikum eine Staatsministerin, die über ihren Alltag plauderte: ungezwungen, engagiert, fröhlich, authentisch, mit Komik und Tiefgang. Eine Mischung, die ankam. Dies lag nicht nur daran, dass es wegen Corona das erste diesjährige Schlossgespräch des Fördervereins Fürst-Pückler-Park Bad Muskau war und es wegen der einzuhaltenden Abstände im Festsaal nur wenige Plätze gab. Vor allem war der Abend amüsanten und lehrreich, weil Monika Grütters nicht nur erzählte, dass Deutschland weltweit das Land mit den meisten Orchestern und Theatern ist. Oder das hierzulande zehnmal mehr Menschen, als es Bundesliga-Zuschauer gibt, in Museen gehen. „Und wir liegen schon 3.000 Tage über dem geplanten Eröffnungstermin für den Flughafen BER. So einen Rekord kann auch nicht jedes Land und jede Hauptstadt aufweisen“, so Monika Grütters.

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Unruhige Nächte wegen Corona

Auf die Frage von Gastgeber und Förderverein-Vorsitzendem Michael Kretschmer, wann endliches „dieses Corona“ vorbei sei, bemerkte sie lakonisch: „Wir arbeiten daran.“ Und sie erklärte bereitwillig, warum sie nach sieben Jahren Amtszeit ihren Job noch immer mag. „Als Kulturstaatsministerin fährst du durch Deutschlands schönste Ecken. Statt an öden Autobahnen hältst Du an Bauwerken und Denkmalen an Landstraßen. Und wenn bei deinem Besuch dann noch jemand mit was Schönem zu essen kommt, bin ich glücklich über meinen Job.“ Ganz so einfach, stellte sich später heraus, ist der Alltag der aus Münster stammenden Professorin und Ministerin, die Germanistik, Kunstgeschichte und Politik studierte und in unterschiedlichen Branchen berufliche Erfahrungen sammelte, aber nicht. „Ich schlafe seit Monaten sehr schlecht, weil ich nicht weiß, wann und wie wir das Bühnengeschehen in Deutschland wieder anfahren können“, so die bekennende Musik-, Literatur und Kunstliebhaberin, die als Ministerin täglich die Auswirkungen des massiven coronabedingten Einbruchs im Kulturbereich erlebt.

Da Kultur in Deutschland nicht nur Bildungsbürgertum vorbehalten sei, sondern alle Milieus abdecke, sei sie froh, dass ihr Ressort als Einziges ein eigenes Corona-Unterstützungsprogramm habe. Konkret eine Milliarde Euro. „Sie lindern nicht alles, helfen aber vielen Solo-Selbstständigen, Kinobetreibern, Schriftstellern, Musikern, Tänzern und anderen.“

Kulturtourismus: eine Chance

Um Kunst und Kultur in Deutschland weiter zu erhalten und einem breiten Publikum jedes Alters zu ermöglichen, forderte Grütters – die sich als „Verteidigerin des ganzen Netzes der geistigen Tankstellen“ bezeichnet – in Bad Muskau mehr Mut zu Veränderung. Zum einen für Unterstützung zeitgenössischer Formate, zu denen sie junge Kunst und Streetart ebenso wie bildende Kunst aus der DDR zählt. Aber auch, um neue Wege zu gehen. Online-Abonnements für Orchester und Theater oder die spektakuläre Aufbereitung eigener Sammlungen, statt welche aus aller Welt zu holen, seien für den Kulturbetrieb möglich und Rückschlüsse aus Corona.

Was die Vermittlung von Geschichte in Museen betreffe, so gehe es nicht darum, neue Inhalte oder Formen zu schaffen, um sie interessant zu machen. Vielmehr müsse, um auch die Jugend für das kulturelle Erbe Deutschlands und der Welt zu begeistern, an modernsten und interaktiven Kommunikationsformen gearbeitet werden. Und es dürfe nicht weiter, in vorauseilender Gehorsamkeit, eingeknickt oder etwas abgesagt werden, nur weil es jemanden nicht gefallen oder zu Kritik führen könnte. „Es ist schlimm, dass wir heute reflexhaft zurückschrecken, weil etwas anderen nicht passt“, so Monika Grütters mit Blick auf kontroverse und aufgeheizte Diskussionen.

Der Buchtipp von der Ministerin

Als Beispiel nannte sie das umstrittene Kreuz auf dem Dach des wieder aufgebauten Berliner Schlosses mit Humboldt-Forum und das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin, das der friedlichen Revolution und deutschen Wiedervereinigung 1989/1990 gewidmet ist. Auch dessen Form und Standort, auf einem Gewölbe über einem Nebenarm der Spree, passe nicht allen. „Dann haben noch Wasserfledermäuse drei Mal den Baustart für das Denkmal torpediert. Trotzdem machen wir nun den Spatenstich, damit es in zwei Jahren fertig ist. Denn ich finde, dass wir den mutigen Menschen in der DDR das Denkmal schuldig sind.“ Und: Monika Grütters gab in Bad Muskau sogar einen Buchtipp ab. „Lesen Sie mal ,Die Walküre in Detmold‘! Das ist beste Unterhaltung, bei der man was über Kunst und Deutschland lernt.“

Bei der Fragerunde fürs Publikum zeigte sich ein Zuhörer aus Görlitz vom „so warm, erleuchtend und unterhaltsamem Gespräch“ so begeistert, dass er anregte, so ein Format im Fernsehen zu bringen. „So was hat man als Politiker auch nicht oft“, freute sich die Ministerin über’s Lob. 

Kultur-Mäzene sind schwer zu finden

Auch Thomas Schwarz aus Schleife wandte sich an sie.: „Unsere Region hat kulturelle Leuchttürme, aber auch den Strukturwandel vor der Tür, Potenzial für neue Ideen sowie Visionen und Attraktionen, die beispielsweise in Weißwasser im Neufert-Bau oder dem Volkshaus umsetzbar wären. Wenn die Straßen und ICE-Anbindung, die uns Herr Kretschmer versprach, kommen, könnten sie Gäste aus Berlin bringen. Was uns fehlt, sind aber Förderer und Mäzene. Vielleicht haben Sie jemanden, der in der Provinz spektakulär im Mittelpunkt stehen will?“ Grütters sagte zwar zu, „hier und da mal den Hinweis auf Sachsen“ geben zu wollen. Doch Mäzene oder private Sammler seien nicht übermäßig vorhanden. Wenn sich Kunst aber einen Ort suche, dann müsse er clever, interessant und attraktiv sein. „Dann klappt es auch in unbekannten Orten und ländlichen Regionen mit Kunst und Kultur.“ 

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Kulturtourismus im Rahmen des Strukturwandels in und um Weißwasser sieht auch Michael Kretschmer als einen Weg an. „Geld dafür ist die nächsten 20 Jahre da. Aber Ideen und Projekte müssen von unten nach oben kommen, vorbereitet, geplant und organisiert werden. Nicht anders herum.“ Dass derartige Projekte nicht „Wolkenkuckucksstein“ seien, beweise Rochlitz.

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