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Feuilleton

Was gibt Ihnen Hoffnung, Herr Wolf?

Ein Bestatter aus Ottendorf-Okrilla erzählt, wie er Menschen hilft, auf ganz andere Weise Abschied zu nehmen. Ein Teil der Serie "Ich & Wir".

„Der Tod gehört zum Leben“, sagt Benjamin Wolf. Er lebt in Dresden und betreibt in Ottendorf-Okrilla das Bestattungsinstitut Muschter. In der Begleitung der Angehörigen, so findet er, hilft ein fester Händedruck oft mehr als viele steife Worte.
„Der Tod gehört zum Leben“, sagt Benjamin Wolf. Er lebt in Dresden und betreibt in Ottendorf-Okrilla das Bestattungsinstitut Muschter. In der Begleitung der Angehörigen, so findet er, hilft ein fester Händedruck oft mehr als viele steife Worte. © Thomas Kretschel

Es gibt Bestatter, die sagen zu den Angehörigen: „Geben Sie mir mal Ihre Unterlagen, die Rentennummer bräuchte ich noch, um den Rest kümmere ich mich.“ Da wird ein Protokoll geschrieben und an den nächsten Angestellten übergeben. Die Angehörigen sind dann ratlos, was jetzt überhaupt passieren wird mit dem Verstorbenen. Darum erkläre ich immer: „Wir haben Ihren Vater gestern aus dem Pflegeheim geholt, jetzt liegt er bei uns in der Kühlzelle.“ Ich beschreibe ihnen auch deutlich, wie etwa eine Einäscherung stattfindet oder biete an, dass sie gemeinsam mit mir den Toten waschen und versorgen.

Eine Familie wollte den Verstorbenen im eigenen Wintergarten aufbahren, in dem Haus, in dem er 50 Jahre gelebt hatte, mit der Zeit, die sie brauchten. Der Anruf kam mitten in der Nacht. Ich fuhr noch zur Tankstelle und holte Blumen, wir rasierten den Toten mitten in der Nacht und dekorierten den Wintergarten. Sie machten um ihn herum Musik und sangen, Nachbarn kamen, das Haus war voll. Es war wunderschön.

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Zum Beruf des Bestatters bin ich durch persönliche Erlebnisse gekommen. Meine Eltern betrieben in Leipzig eine Alten-Pflegeeinrichtung, in der wir auch wohnten. Natürlich starb da immer mal jemand. Das Thema Lebensende hat mich also immer begleitet. Allerdings wurde es nie groß thematisiert. Mein Vater sagte mir zwar, wenn jemand gestorben war. Aber wenn der Bestatter kam, blieb die Tür verschlossen und ich musste in der Wohnung bleiben. Ich rannte dann schnell ans Fenster und schaute, wie der Sarg in den Wagen getragen wurde.

Als ich neun Jahre alt war, nahm sich meine Patentante das Leben. Sie war für mich wie eine Mutter gewesen. Meine Eltern teilten mir den Tod zwar mit, aber sie sagten, dass sie die Treppe heruntergefallen sei. Sie sagten, die Wahrheit würden sie mir erst erzählen, wenn ich 14 wäre. Ich ging nicht zur Beerdigung, stand aber einen Tag später neben dem Grab und stellte mir vor, wie die Leiche aussähe, wenn ich sie ausgraben würde. Ich konnte durch die fehlenden Informationen einfach nicht verarbeiten, was passiert war.

Damals fing meine Auseinandersetzung mit dem Tod an. Ich trieb mich auf Schock-Internetseiten herum, sah mir Bilder von verwesenden Körperteilen an. So etwas tut einem jungen Menschen nicht gut. Mir ging es lange nicht gut und es war schwer für mich, die Hoffnung zu behalten. Das zog sich bis in meine Jugend. Aus diesem Tief half mir mit Anfang 20 meine christliche Überzeugung. Und ich nahm mir vor, bestimmte Sätze nicht mehr auszusprechen: „Wenn alle Stricke reißen“ oder „Ich trinke meinen Kaffee so schwarz wie meine Seele“. Diese Plattitüden hatten mich früher durchs Leben getragen und ich entschied nun, sie nicht mehr zu sagen. Denn was man sagt, macht etwas mit einem.

Während der Schulzeit hatte ich schon mal ein Praktikum bei einem Bestatter gemacht und verfolgte das nun weiter. Ich arbeitete bei mehreren privaten und großen städtischen Bestattungsunternehmen. An meine erste Tote erinnere ich mich gut. Es war 2005 in einem Hospiz. Ich weiß noch, wie die Frau in sich zusammensackte, als wir sie vom Bett in den Sarg legten.

2018 nahm ich schließlich einen Kredit auf und übernahm das Bestattungsunternehmen Muschter. Wer ein so großes Projekt schon mal in Angriff genommen hat, weiß, mit welch Aufwand das verbunden ist und wie nervenaufreibend es sein kann, in die Selbstständigkeit zu gehen. Zum Glück habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben und es schließlich geschafft.

Ich will, dass wir einen Wandel in der Trauerkultur erleben. Der Tod gehört zum Leben. Wir müssen klar und deutlich über ihn sprechen, gleichzeitig liebevoll und achtend. Ich mache ungern einen auf Fachidiot. Krawatte und Hemd trage ich, aber ich rede ganz normal mit den Menschen. Ich würde nie sagen, dass jemand „verschieden“ ist. Ich sage: Er ist verstorben, er ist tot. Nur so können wir den Tod als das Normale begreifen, das er nun mal ist. Ich kann, glaube ich, ganz gut spüren, was die Angehörigen brauchen. Meistens ist es einfach Beistand. Da macht ein fester Händedruck ohne Worte viel aus. Die Berührung an der Schulter hingegen empfinden viele als zu nah. Es gab auch schon Fälle, da habe ich den Angehörigen nach der Bestattung gesagt: „Ist das eine Scheiße“, aber das geht natürlich nur sehr selten und ich wusste in dem Moment genau, das ist o.k. jetzt.

Das sächsische Bestattungsgesetz sieht vor, dass der Körper 24 Stunden nach dem Tod gekühlt werden muss. Danach sind die Angehörigen darauf angewiesen, dass der Bestatter sie in die Kühlzelle lässt. Ich finde das problematisch. Wie absurd ist die Frage: „Darf ich bitte noch mal zu meinem Vater?“ Wenn ich irgendwann mal viel Geld und mein eigenes Haus habe, möchte ich die Möglichkeit schaffen, dass die Toten dort in einem Raum liegen können, in dem die Angehörigen ihrem Verstorbenen rund um die Uhr nah sein können. Aus meiner eigenen Nicht-Erfahrung beim Tod meiner Tante weiß ich, wie wichtig das für die Verarbeitung ist. Vor allem für Kinder.

Als ich einen Vater von zwei Kindern bestattet habe, der kurz vor Weihnachten gestorben war, sagte ich der Familie: „Wenn ihr zum Papa wollt, ruft an.“ Sie haben das auch angenommen über die Feiertage. Mit dieser Familie habe ich noch sporadisch Kontakt. Mein Beruf schafft Verbindung. Ich bin für sie ein Mensch geworden, der wichtig ist.

Die Trauerfeier ist für mich ein Teil des Lebens des Menschen. Wir versuchen oft, dies in der Dekoration aufzugreifen. Letztes Jahr hatten wir eine Trauerfeier mit dem Motorrad, den Skistöcken und den Vereinsklamotten des Verstorbenen. Jetzt bereite ich eine Feier vor, auf der Webstuhl und Wollknäuel Teil der Dekoration sind, weil Handarbeit der Person viel bedeutete. Wir bieten oft an, dass die Angehörigen den Sarg gemeinsam bemalen oder Sprüche darauf schreiben.

Die Frage „Kann ich das?“ stelle ich mir fast jeden Tag. Es gab schon Situationen, in denen ich mich gefragt habe, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Zum Beispiel, als ich das Baby abgeholt habe, das nach der Geburt gestorben war. Ich bin bewusst allein in das Krankenhaus gefahren, um es zu holen. So konnte ich es in meinem Tempo machen. Eine Kühlzelle aufzuziehen, in dem auf diesem großen Blech ein kleines Bündel Handtuch liegt mit einem winzigen Baby drin, dafür braucht man Zeit.

Als ich letztes Jahr die Firma übernommen habe, war sie sowohl äußerlich als auch vom Ruf her in keinem guten Zustand. Wir haben monatelang die Filialen renoviert und ein neues Image aufgebaut. Wir wollen für die Themen Tod und Trauer sensibilisieren und tun das auch über soziale Medien. Leider kam im August der Rückschlag. Meine Frau und ich gehen manchmal zu Demonstrationen gegen Fremdenfeindlichkeit. Auf einer dieser Demos wurden wir heimlich fotografiert. Im August tauchten Flyer auf mit unserem Firmenlogo. Dazu die Demo-Fotos und der Satz: „Lieber noch tragen wir Deutschland zu Grabe.“ Ich kann nur vermuten, wer hinter dieser Aktion steht. Die Polizei verfolgt den Fall, ist aber noch nicht weitergekommen.

Es gab danach noch weitere Versuche des Rufmords. Trauernde, die wir betreut haben, wurden angerufen und es wurden Lügengeschichten über uns erzählt. Auf einer Demonstration umringte uns ein Mob von Menschen, die uns fotografierten und meinen Namen grölten. Kürzlich manipulierte jemand unseren Privatwagen. Ich hatte oft Angst, aber ich möchte den Kopf nicht in den Sand stecken. Ich werde mir auch mein politisches Engagement nicht nehmen lassen und hoffe einfach, dass sich die Vorfälle nicht zu sehr auf mein Unternehmen auswirken.

Es ist kein Wunder, dass wir in unserer Gesellschaft eine Trauerkultur verloren haben. Emotionen haben ja generell wenig Raum. Wer traurig ist, hat Depressionen und wird zum Arzt geschickt. Wir alle würden mehr aufeinander achten, wenn Gefühle sein dürften.

Ich bin jetzt 30 und verheiratet. Meine Frau, die auch mit in meinem Unternehmen arbeitet, hat zwei Kinder aus der ersten Partnerschaft, mit denen wir zusammenleben. Ob ich auf leibliche Kinder hoffe? Ich weiß es nicht. Ich habe ja schon ein Baby: mein Unternehmen, das mir viel abverlangt. Mein Handy ist immer an, ich arbeite oft spät am Abend und habe nachts Bereitschaft.

Ich habe heute ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Wir wollen demnächst zusammenziehen. Und wir sind auf der Suche nach einer Familiengrabstätte, in der auch meine Eltern, Schwiegereltern und Geschwister Platz haben. Natürlich habe ich schriftlich festgelegt, wie ich mir meine Bestattung wünsche. Das sollte jeder tun! Leider ist es die Regel, dass die Menschen sich zu Lebzeiten keine Gedanken über ihren Tod machen. Das macht es für Bestatter schwierig.

Ich möchte „eine schöne Leich‘“ haben, wie man auf Wienerisch zu einer schönen Trauerfeier sagt. Bei meiner Bestattung möchte ich ein ansehnlicher Toter sein, damit sich alle Menschen, die das wollen, von mir verabschieden können. Ich weiß, wie wichtig das ist. Sie sollen mich sehen und fühlen können, meine Hand halten und spüren, wie kalt sie ist, damit sie begreifen, dass ich tot bin. Ich wünsche mir einen schönen, hellen Holzsarg und viele Blumen. Einige Lieder habe ich festgelegt, die gespielt werden sollen.

Wenn meine Eltern eines Tages sterben, möchte ich sie selbst versorgen. Das Versorgen der Toten ist für mich sehr besonders, es sind immer unheimlich tiefgehende Momente, für die ich mir Zeit nehme, selbst wenn die Angehörigen die Verstorbenen nicht mehr sehen möchten. Einmal habe ich einen Mann versorgt, der Suizid begangen hatte. Er war gegen einen Baum gefahren und zum großen Teil verbrannt. Andere Bestatter hätten in so einem Fall einfach das Sterbehemd über ihn gelegt. Ich beschloss jedoch, diesem Menschen trotz allem mit – ja, Liebe zu begegnen. Ich zog mir einen Kittel und einen Mundschutz sowie Handschuhe an, wie eine Schutzschicht, und versorgte ihn in aller Ruhe. Ich wusste, dass ihn niemand mehr sehen würde, dennoch reinigte ich ihn und legte seine Hände übereinander, bevor er in den Sarg kam. Auch dieser Mensch hatte es verdient, gewürdigt zu werden.

Wenn ich sagen kann: Ich habe den Dienst an diesem Menschen getan, so gut, wie ich konnte, dann habe ich Ruhe.

Notiert von Johanna Lemke

In der Serie „Ich und Wir“ erzählen Menschen aus Sachsen, wie sie die Brüche in der Gesellschaft erleben.