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Was Görlitz von Weimar lernen kann

Als Weimar sich 1992 um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt 1999 bewarb, hatte es die Klassikerstadt vergleichsweise einfach: Nicht nur, dass 1999 das zehnjährige Jubiläum der Wiedervereinigung...

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Von Lothar Meyer-Mertel

Als Weimar sich 1992 um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt 1999 bewarb, hatte es die Klassikerstadt vergleichsweise einfach: Nicht nur, dass 1999 das zehnjährige Jubiläum der Wiedervereinigung anstand, auch war Goethes 250. Geburtstag zu begehen – zwei Ereignisse, die gerade im Zusammentreffen augenfällige Überzeugungskraft entwickelten. Und schließlich war Weimar auch die einzige Stadt, die sich damals vorangetrieben von einem rührigen Oberbürgermeister in einer Zeit der Aufbaueuphorie Ost darum bemühte.

Heute sieht die Situation anders aus: Nicht zuletzt vom Vorbild Weimar 1999 angeregt, hoffen neben Görlitz 18 andere deutsche Städte und ganze Regionen auf den Titel der europäischen Kulturhauptstadt 2010 oder haben zumindest kundgetan, die Bewerbung abgeben zu wollen. Der Beweggrund ist dabei allerorten der gleiche: Um positive Effekte für die Stadtentwicklung geht es, um Belebung des Tourismus, um Investorenanreize und Stadtmarketing.

Zu Recht: Immerhin 750 Mio Euro, davon die Hälfte aus privater Hand, wurden zum Kulturstadtjahr 1999 in die öffentliche und touristische Infrastruktur in Weimar investiert. Die veranstaltende „Kulturstadt Weimar ’99 GmbH“ hatte einen Etat von über 40 Mio Euro zur Verfügung, über 1 000 Konzerte, Ausstellungen, Lesungen und Vorträge rankten sich um das Ereignis. Der Erfolg blieb nicht aus: Die Publizität Weimars war enorm, fast täglich wurde in den Medien über die thüringische Kleinstadt berichtet, mit rund 7 Mio Besuchern kamen etwa doppelt so viele Tagesgäste wie in normalen Jahren.

Ohne Frage profitiert Weimar noch heute vom Kulturstadtjahr, der dadurch erlangten Popularität und der geschaffenen Infrastruktur, auch wenn die Stadt unter erheblichem Einsparungsdruck steht und zuweilen vom eigenen kulturellen Reichtum überfordert ist. Immer noch sind die touristischen Zahlen besser als anderswo, immer noch schaut man nach Weimar. Doch es wird auch immer schwerer, mit dem Erbe des Kulturstadtjahres umzugehen, die Frage des „Was ist geblieben“ wird lauter, nachdem nach und nach alle prominenteren Funktionsträger von Weimar ’99 der Stadt den Rücken gekehrt haben. Drei Jahre danach wird in Weimar deutlich, dass der eigentliche Effekt des Kulturstadtjahres nicht jener ist, der sich in beeindruckenden Zahlen und Statistiken ausdrücken lässt. Weimar 1999 war vor allem ein Weg, nicht ein Ziel. Auf diesem Weg wurden die Kräfte gebündelt, die Leistungen konzentriert und die Individualinteressen dem Ganzen untergeordnet: Weimar 1999 war eine Idee, die von vielen Menschen gemeinsam gedacht werden konnte.

Das ist es denn auch, was die kulturell nicht weniger reiche und mindestens ebenso schöne Stadt Görlitz vom Beispiel Weimar lernen könnte: Viele Fäden machen zusammen ein Seil, und wenn dann auch noch alle gemeinsam daran ziehen, kann etwas Besonderes entstehen. Und dazu braucht man eigentlich noch nicht einmal den Titel der europäischen Kulturhauptstadt.

Der Autor hat zur Kulturhauptstadt Weimar 1999 das Kongresszentrum Weimarhalle in Weimar aufgebaut und ist seitdem darüber hinaus für Tourismus und Stadtmarketing der Klassikerstadt zuständig. Er wechselt im Herbst in ähnlicher Funktion nach Halle/Saale und hat seit einem Jahr seinen Zweitwohnsitz in Görlitz.