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Was heißt es, ein Urteil zu sprechen?

Sie sind Rentner, Bauingenieure oder Lehrer. Ehrenamtliche Schöffen vertreten bei Gericht das Volk. Keine leichte Aufgabe.

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich

Oberlausitz. Der Mann auf der Anklagebank sieht nicht aus wie einer, den man für einen Serientäter halten könnte. Kerstin Liebig sieht ihn immer wieder an und schüttelt ungläubig den Kopf dabei. Vor allem, als der Vorsitzende Richter das ellenlange Vorstrafenregister vorliest. Unfassbar! Am liebsten würde sie den angeklagten Polen jetzt fragen, ob er katholisch ist, und wenn ja, wie er das denn sieht mit dem siebenten Gebot: Du darfst nicht stehlen!

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Aber so eine Frage würde nicht hierher gehören in den großen Saal des Bautzener Amtsgerichts, in dem Kerstin Liebig ganz vorn neben dem Richter sitzt. Emotionen darf sie sich als Schöffin nicht erlauben. Aufmerksam verfolgt sie die Verhandlung, die jetzt schon mehrere Stunden dauert. Ab und zu macht sie sich Notizen. Sie will sich ein eigenes Bild machen von dem Menschen hinter diesem Seriendieb, der schon zigmal im Gefängnis gesessen hat.

Was treibt jemanden dazu, immer wieder zu stehlen? Kerstin Liebig will das herausfinden. Möglichst viel will sie erfahren über die Motive und Beweggründe des Angeklagten. Denn am Ende werden der Richter und die beiden Schöffen links und rechts neben ihm die Höhe des Strafmaßes besprechen. Und Kerstin Liebigs Stimme wird dabei das gleiche Gewicht haben wie die Stimme des Richters – obwohl die 57-jährige Bautzenerin keine Juristin ist, sondern Lehrerin für Geschichte und Deutsch an der Oberschule in Neusalza-Spremberg.

Aber genau darum geht es: Die Schöffen sollen ganz bewusst juristische Laien sein, erklärt der Bautzener Amtsgerichtspräsident Markus Kadenbach. Sie sollen allein nach ihrem gesunden Menschenverstand und ihrer Lebenserfahrung urteilen. In der Regel kennen sie auch die Akten nicht und gewinnen ihre Eindrücke nur aus der Verhandlung. Auch für diejenigen, die vor Gericht stehen, ist das vielleicht von Bedeutung, sagt Kadenbach.

Immer dann, wenn Angeklagte für ihre Vergehen Gefängnisstrafen von mehr als zwei Jahren zu erwarten haben, sitzen den Richtern in den Strafverhandlungen zwei ehrenamtliche Schöffen zur Seite. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen, sind Rentner, Bauingenieure, Sozialpädagogen, Krankenschwestern oder Büroangestellte. Jeder, der zwischen 25 und 70 Jahren alt und ein unbescholtener Mensch ist, kann sich um das Ehrenamt bewerben. Ein leichter Job allerdings ist das nicht, wie Kerstin Liebig inzwischen weiß. Immerhin arbeitet sie schon zehn Jahre als Schöffin. Manche Schicksale und Lebensgeschichten beschäftigen sie noch lange nach der Urteilsverkündung, vor allem, wenn es um Drogen geht. Darum geht es oft in den Verhandlungen – um die Drogenabhängigen und um diejenigen, die mit den Abhängigen ihre schmutzigen Geschäfte machen. Kerstin Liebig macht das wütend, aber auch ratlos: „Als Lehrerin frage ich mich dann immer: Haben wir den jungen Leuten denn so wenig vermittelt?“ Oft redet sie deswegen auch mit ihren Schülern im Unterricht darüber, was sie in den Gerichtsverhandlungen erlebt. Sie will ihnen deutlich machen, wo das hinführen kann.

Die Arbeit als Schöffe ist zeitaufwendig. Nahezu jeden Monat hat Kerstin Liebig einen Verhandlungstag. Die Termine werden schon am Jahresanfang für ein ganzes Jahr festgelegt. Ihre Stunden an der Schule kann Kerstin Liebig so legen, dass an den Verhandlungstagen kein Unterricht ausfallen muss. Dafür ist sie dankbar. Denn Schöffen müssen für diese Arbeit normalerweise von ihrem Arbeitgeber freigestellt werden. Sie ist froh, dass das an ihrer Schule so gut geregelt werden konnte, sagt sie. Am Jahresende ist für sie Schluss. Nach zehn Jahren darf sie sich nicht noch einmal zur Wahl stellen.

Den Seriendieb verurteilt das Schöffengericht an diesem Tag zu einer mehr als dreijährigen Haftstrafe. Der Richter spricht das Urteil wie stets „im Namen des Volkes“. Kerstin Liebig hat es mitgesprochen.

Am 1. Januar 2019 beginnt die neue Wahlperiode für Schöffen an den Gerichten. Interessierte können sich bis Ende Juni formlos mit Angaben zur Person bei ihrer Stadt- oder Gemeindeverwaltung bewerben.