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Was Herbergen von der Politik fordern

Kredite nützen den Gruppenhäusern wenig, um die Verluste aus der Corona-Zeit auszugleichen. Sie haben andere Vorstellungen. Und konkrete Ideen.

© dpa

Werden alle 24 Jugendherbergen in Sachsen die Corona-Krise überstehen? Seit Mitte Mai dürfen die Häuser, die vor allem von Klassenfahrten und Gruppenreisen leben, wieder Urlauber aufnehmen. Von einem Normalbetrieb sind die Herbergen jedoch immer noch weit entfernt. Das zeigen Beispiele aus der Sächsischen Schweiz. Ob Zirkelsteinresort, Kinderdorf Schneckenmühle, Kiez, Kinder- und Jugenddorf Erna, Burg Hohnstein, Natur- und Familienoase oder Ochelbaude: Inzwischen geht es bei vielen Betreibern um die blanke Existenz - vor allem im Hinblick auf die klamme Wintersaison. 

Um zu überleben sind die Häuser auf Hilfe vonseiten der Politik angewiesen, das wurde bei einem Runden Tisch in Halbestadt deutlich. Den hatte André Hahn, Bundestagsabgeordneter der Linken initiiert und Vertreter von Jugendherbergen aus dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge eingeladen. Auch Linke-Chefin Katja Kipping war dabei, um die Probleme mit nach Berlin zu nehmen und dort nach Lösungen zu suchen. Aufgabe des Bundes sei es, nicht nur den "Großen" zu helfen, sagte Kipping eingangs der Diskussionsrunde. Die Unterstützung dürfe zudem nicht an der Realität vorbeigehen. Deshalb sei es wichtig, an der Basis nachzufragen. 

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Zur Basis, wie es Kipping sagt, gehört das Kinder- und Jugenderholungszentrum Kiez in Sebnitz. "Das Sächsische Hilfsprogramm hat bislang am besten funktioniert", sagt Geschäftsführerin Katja Hartmann. Das Geld hätte man online beantragen können. Innerhalb von nur fünf Tagen sei die Summe von der Sächsischen Aufbaubank überwiesen worden. So geräuschlos, wie die Hilfe des Freistaates, funktioniere das Programm des Bundes jedoch nicht. Im Juli konnten Jugendherbergen eine Finanzspritze beantragen. Das Problem dabei: Um an das Geld zu kommen, müssen die Herbergen einen Steuerberater beauftragen. "Es war schwer einen zu finden, der das übernimmt", sagt Sven Hartmann, Technischer Leiter im Sebnitzer Kiez. Zudem sei das Hilfsprogramm schwer durchschaubar. Selbst der Steuerberater hätte Probleme und wisse nicht genau, welche Posten abgerechnet werden können oder ob ein Teil des Geldes am Ende wieder zurückgezahlt werden müsse. "Deshalb sind wir da sehr zurückhaltend rangegangen", sagt Hartmann.

Gemeinnützigkeit machte es doppelt schwer

Ums Geld geht es auch Heiko Weist von der Natur- und Familienoase in Halbestadt. "Als gemeinnützige Gesellschaft dürfen wir keine großen Gewinne erwirtschaften und haben deshalb kaum Rücklagen", sagt der Geschäftsführer. In der Krise solle er ein Darlehen bei der Sächsischen Aufbaubank bekommen. Einen Tag hieß es, es gäbe das Geld, am nächsten Tag wurde das verneint. Ein Hin- und Her, das Weist kritisiert. Verlässliche Unterstützung hätte es dagegen von der Bank für Sozialwirtschaft gegeben, mit der die Familienoase seit Längerem zusammenarbeitet. "Die Zeit hätten wir sonst nicht überlebt", macht er deutlich.

Dabei hätten die Jugendherbergen einen besonderen Auftrag - einen Bildungsauftrag. "Schulen machen bei uns nicht nur Halligalli. Sie verlagern ihren Lehrinhalt zu uns", sagt Katja Hartmann vom Sebnitzer Kiez. Die Politik sollte sich dessen bewusst sein und schon deshalb ein großes Interesse haben, dass die Jugendherbergslandschaft nicht weiter ausdünnt. "Das wäre ein fatales Signal", sagt sie. Um zu überleben seien die Häuser auf nicht zurückzahlbare Kredite angewiesen. 

Das Geld solle zudem vom Bund kommen, nicht von den Ländern. "Denn der Bund ist der bessere Schuldner", so Ivo Gebert vom Kinderdorf Schneckenmühle. Er solle das Geld an die Länder weiterreichen, die es dann entsprechend verteilen. "Wie das gemacht wird, ist mir egal. Es muss einfach passieren", fordert er. Auch Gebert appellierte an die Verantwortung, die die Jugendherbergen in Bezug auf die soziale Kompetenz der Kinder- und Jugendlichen hätten. Seit 30 Jahren engagiere er sich in der Jugendarbeit. "Bei Klassenfahrten kommt man ganz anders an die Kinder ran, gerade an Mädchen und Jungen, die aus schwierigen Familienverhältnissen stammen", erzählt er. Die Politik dürfe sich nicht aus der Jugendarbeit zurück ziehen. 

Ein Punkt, auf den Linke-Chefin Katja Kipping ansprang. Außerschulische Bildungsorte seien sehr wichtig für den sozialen Ausgleich. Ohne diese Orte würden manche Kinder, die in sozialen Brennpunkten leben, oft nie aus ihrem Viertel wegkommen. Deshalb seien Gruppenausflüge ein unverzichtbares Instrument.

Übernachtungspreise stabil halten

André Hahn appellierte an die Jugendherbergen, in der Not nicht an der Preisschraube zu drehen. Aufenthalte in Schullandheimen müssten vor diesem Hintergrund erschwinglich bleiben. Ein Punkt, der Zustimmung erntete.

Damit sich die Gruppenhäuser trotz klammer Kassen weiter entwickeln könnten, wurde zudem für neue Investitionsmittel plädiert. Im Moment gäbe es Förderrichtlinien, laut denen Jugendherbergen bei Sanierungen einen Eigenanteil von 30 Prozent übernehmen müssen. "Es läuft ein Antrag, diesen Anteil im Freistaat von 30 auf zehn Prozent zu senken", sagt Thomas Mauersberger, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Jugendherbergswerkes, Landesverband Sachsen. Ob dieser Satz gekippt werden kann, das sei wohl unwahrscheinlich. Es wäre aber eine unmittelbare Hilfe. "Sonst gibt es von den 24 Jugendherbergen in Sachsen morgen nicht mehr viele", macht er deutlich.

Auch eine Unterstützung der Zielgruppe, sprich der Schulen und Vereine, schlägt Mauersberger vor. In Brandenburg hätte es dieses Jahr eine Kampagne mit dem Titel "Lernen und Erholen" gegeben. Kinder aus sozial schwachen Familien hätten für 85 Euro eine Woche in einer Jugendherberge verbringen können. Den Rest der Kosten trägt das Land Brandenburg. "Gutscheine oder Programme wie dieses würde der ganzen Branche helfen", sagt Mauersberger.

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"Wir werden vermutlich länger mit dem Coronavirus und der Krise leben müssen", sagte Katja Kipping. Die Aufgabe der Politik sei es zu schauen, an welchen Stellen Unterstützung nötig sei. Dass bei den Jugendherbergen dringend Hilfe gebraucht wird, sei unmissverständlich deutlich geworden. 

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