SZ + Görlitz
Merken

Kreis nutzt die Erfahrungen des früheren Bauamtschefs 

Dieter Peschel ist eigentlich im Ruhestand. Doch er kümmert sich um Sonderaufgaben. Und er hofft auf eine andere Fördermittelpolitik.

Von Ingo Kramer
 6 Min.
Teilen
Folgen
Die Baustelle des Landratsamtes in Görlitz war eine der größten für Amtsleiter Dieter Peschel. Dieses Foto stammt vom Mai 2011.
Die Baustelle des Landratsamtes in Görlitz war eine der größten für Amtsleiter Dieter Peschel. Dieses Foto stammt vom Mai 2011. © Archivfoto: Pawel Sosnowski

Dieter Peschel ist umgezogen. Nicht mehr ganz oben unter dem Dach des Landratsamtes in der Görlitzer Bahnhofstraße hat der 65-Jährige sein Büro, sondern im Parterre.

Aber Dieter Peschel ist ja seit 1. Januar auch nicht mehr der Chef des Bauamtes, sondern Ruheständler. Und als solcher will er sich gar nicht wichtig machen, auch nicht in die Zeitung drängen. Aber weil die SZ nun einmal bei ihm angefragt hat, schaut der Thiemendorfer noch einmal zurück auf sein langes Berufsleben – und nach vorn auf seine neue Tätigkeit als „Projektleiter für Sonderaufgaben“, für die er eine 20-Stunden-Stelle angenommen und das neue Büro erhalten hat.

Schon zu DDR-Zeiten drei Abschlüsse

Peschel ist Baumensch durch und durch, hat einen Abschluss als Bauingenieur, einen zweiten als Ingenieur für Erhaltung im Hochbau und einen dritten für Mauerwerkstrockenlegung. Schon zu DDR-Zeiten fuhr er zweigleisig, war in der Grube Hagenwerder tätig und machte nebenbei Mauerwerkstrockenlegungen. Von 1989 bis 1991 hat er nebenbei Bautenschutz durchgeführt – und wurde in dieser Funktion erstmals ins Görlitzer Rathaus gerufen, wo die Fenster kaputt zu sein schienen. Er schaute sie sich an – und stellte fest: „Durch all den Taubenkot waren sie bestens konserviert.“ Sie mussten also nicht getauscht, sondern nur gewartet werden.

Als Gutachter ins Rathaus

Der damalige Baudezernent Gerd Kolley fragte Peschel daraufhin, ob er als Gutachter im Rathaus einsteigen will. Peschel sagte zu. Schon vier Jahre später wurde er Bauamtsleiter bei der Stadt, hatte in den Bereichen Hochbau, Tiefbau, Liegenschaften, Grünflächen und im Betriebshof über 200 Leute unter sich. In seine Zeit bei der Stadt Görlitz fallen so viele Riesenprojekte, dass es Peschel kaum gelingt, alle aufzuzählen. Mit der Sanierung der Dachtragwerke der drei Stadttürme fing alles an, später kamen so anspruchsvolle Objekte wie Schönhof, Waid-, Rat- und Biblisches Haus dazu. Da Peschel vom Fach ist, stieg er auch als Amtsleiter noch selbst auf die Dächer, nahm Steine auf und schaute, „dass das umgesetzt wurde, was wir ausgeschrieben hatten.“ Doch auch die Schließung der Stadthalle Ende 2004 gehört mit in seine Bilanz. „Die hatte ein riesiges wirtschaftliches Defizit“, erinnert sich Peschel. Deshalb, aber auch wegen der baulichen Defizite, sei die Schließung nötig gewesen.

Neubeginn im Jahr 2008

Mit der Kreisgebietsreform 2008 kam für Peschel die Chance, sich beruflich noch einmal zu verändern. Schon ein Jahr vor dieser Reform ließ er sich zum Landkreis abordnen, um mit den Vorbereitungen für den Bau des neuen Landratsamtes in Görlitz zu beginnen. „Das war in technischer Hinsicht eine große Herausforderung, aber es ist gut gelaufen“, sagt er heute. Dass es am Ende eine Million Euro teurer wurde als geplant, sei im Vergleich zu den heutigen Kostenerhöhungen überschaubar gewesen: „Das waren unter zehn Prozent Kostensteigerung, davon träumen wir heute.“ Peschel wechselte damals auf eigenen Wunsch von der Stadt zum Kreis, denn seine Frau ist die Kämmerin der Stadt. „Das Bauamt benötigt Geld, da war also immer eine Verbindung da“, sagt er. Eine berufliche Trennung fand er gut. Den Wechsel zum Kreis habe er keine Minute bereut.

Zuständig für Straßen und Schulen

Der Bau des neuen Landratsamtes war freilich nur eine von vielen Aufgaben. Eine Zweite im Zuge der Kreisreform: drei Eigenständige zu einem gemeinsamen Bauamt zusammenführen. Peschel übernahm dessen Leitung und war damit auf einmal zuständig für den Straßenbau im gesamten Landkreis, aber auch für den Hochbau und somit die Schulsanierungen. Jetzt hat er sich die Mühe gemacht, einmal alle Baumaßnahmen des Landkreises für die Jahre 2008 bis 2019 aufzulisten. Fast 114 Millionen Euro hat der Landkreis in dieser Zeit im Hochbau investiert, darunter 25 Millionen in der Stadt Görlitz. Deutlich höher liegen die Anteile von Zittau (28,5 Millionen) und vor allem Löbau (38,3 Millionen). Das meiste Geld dort floss in die Schulen. Im Straßen- und Tiefbau kommt Peschel auf fast 70 Millionen Euro. Fast die Hälfte davon wurde im Raum Zittau verbaut, dahinter folgen Niesky und Löbau.

Einiges bleibt für den Nachfolger

„Jetzt sind wir mit den Investitionen in die Schulen fast durch“, sagt Peschel zufrieden. Nur in Weißwasser stehe noch ein Objekt aus, aber das kann in den nächsten zwei Jahren fertig werden. Weitaus mehr zu tun bleibt im Straßen- und Brückenbau. Allein über 100 Brücken müssen in Schuss gehalten werden. Und es gibt einiges, was er gern noch fertiggestellt hätte, was aber nicht mehr zu schaffen war: Die Fortführung des Kreisbahnradweges von Königshain nach Arnsdorf-Hilbersdorf, der Radweg von Großschönau nach Jonsdorf, die Kreisstraße Kiesdorf-Dittersbach, die Ortsumfahrung Kodersdorf oder die Stützwand vor der Schule in Mittelherwigsdorf.

Genug Geld ist nie da

Müsste die öffentliche Hand mehr investieren, um Straßen, Brücken und (sanierte) Schulen auch künftig zu erhalten? Jein, sagt Peschel. Genug Geld sei nie da, Bedarf hingegen nach wie vor: „Aber wir müssen sachlich und nüchtern denken – und da läuft die Erhaltung recht gut.“ Bei den Schulen sei er zuversichtlich, für Straßen und Brücken habe der Kreis pro Jahr im Durchschnitt sechs bis sieben Millionen Euro Fördermittel vom Freistaat erhalten. Das sei eine gute Summe gewesen, mit der sich etwas anfangen ließ. Einzig 2019 sei „richtig enttäuschend“ verlaufen: „Da haben wir nur eine halbe Million erhalten.“ Den anderen Landkreisen sei es nicht besser ergangen. Die Gründe seien in der Fördermittelpolitik des Freistaates zu suchen, sagt Peschel: „Die muss dringend überdacht werden.“ Er gehe aber davon aus, dass die neue Staatsregierung das auch so sieht und die Politik korrigiert wird.

Immer noch Spaß an der Arbeit

Peschel ist zum Jahresende in den Ruhestand gegangen, sein Nachfolger seit 1. Januar ist der 37-jährige Torsten Steinert. Dass sich Peschel aber noch nicht ganz zur Ruhe setzt, sei ein beiderseitiger Wunsch gewesen: Er selbst hat Spaß an seiner Arbeit und will gern noch ein bisschen weitermachen, der Landrat aber wollte das auch, weil er Peschels Arbeit schätzt. „Dass Leute im Ruhestand noch unterstützen, ist auch nicht unüblich, das gibt's in unterschiedlichen Ämtern“, sagt Peschel. Als „Projektleiter für Sonderaufgaben“ unterstützt er verschiedene Fachämter bei der Fördermittelakquise.

„Es geht darum, die Netzwerke, die ich mir seit der Wende aufgebaut habe, weiter zu nutzen“, sagt der 65-Jährige. Das betrifft Fördermittel für die Landratsamts-Erweiterung, aber auch für andere Projekte. Wie lange er das machen wird, steht noch nicht fest. Erst einmal bis Ende des Jahres, danach will Peschel gemeinsam mit der Dienstleitung entscheiden, ob er weitermacht. Ansonsten sei ein Ausscheiden im gegenseitigen Einverständnis jederzeit möglich. In Thiemendorf bewirtschaftet er immerhin ein 3.000 Quadratmeter großes Grundstück: „Dort wartet auch genug Arbeit auf mich.“

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.