merken
PLUS

Görlitz

"Anwohner müssen auch Toleranz haben"

Eine Woche lang war Mirko Schultze, Stadtrat der Linken, jeden Abend am Görlitzer Wilhelmsplatz. Was da abging, erzählt er im SZ-Interview.

Linken-Stadtrat Mirko Schultze war eine Woche lang auf dem Görlitzer Wilhelmsplatz
Linken-Stadtrat Mirko Schultze war eine Woche lang auf dem Görlitzer Wilhelmsplatz © Foto: privat

Herr Schultze, sind die Abende auf dem Wilhelmsplatz eher einsam, oder sind Sie mit Anwohnern ins Gespräch gekommen?

Wir sind jetzt den vierten Abend hier. Und tatsächlich sind immer Anwohner zu uns gekommen. Es waren keine Massen, aber es kamen an jedem Abend Leute, ganz unterschiedliche. Am Montag waren Jugendliche da, hier aus dem Stadtteil, die Bürgerinitiative schaute vorbei, und vorhin gerade eine Anwohnerin, die den Vorschlag gemacht hat, dass man das Denkmal am Wilhelmsplatz ein bisschen beleuchten könnte. Nicht sehr hell, aber vielleicht findet sich eine Möglichkeit, dass der Ort nicht ganz so dunkel und dadurch gemütlich für eine versteckte Gruppe ist. Wir hatten schon solch einen Wutbürger hier, der uns erklärt hat, dass hier die Ausländer an allem schuld sind. Aber damit muss man rechnen, wenn man sich hierher stellt.

Anzeige
Studium für Pflegeprofis
Studium für Pflegeprofis

Studium & Praxis vereinen? Bis zum 1. Oktober an der ehs Dresden für die innovativen pflegerischen Bachelor- & Masterstudiengänge bewerben!

Gab es Vorkommnisse oder Dinge, die sie geärgert haben?

In der kurzen Zeit, in der ich da war, ja. Ich finde, dass man es nicht unbedingt durchgehen lassen muss, wenn man hier abends einen Spaziergang mit seinem Hund macht, und der mit anderen Hunden aneinander gerät. Das ist echt Lärmbelästigung, wenn hier nach 22 Uhr ein solches Gekläffe losgeht. Da sollte man als Halter seinen Hund unter Kontrolle haben. Mich ärgert auch, wenn man hier eine Runde um den Platz geht, wie viel Müll doch stehengeblieben ist, vor allem Bierflaschen. Hier gibt es überall Müllkörbe, da kann man die einfach hinschaffen.

Gibt es Beschwerden der Anwohner, die Sie nicht bestätigen können?

Ich kann nachvollziehen, dass Anwohner nicht nachts halb drei geweckt werden wollen, wenn Besoffene meinen, auf dem Platz rumbrüllen und sich Flaschen hinterherwerfen zu müssen. Das ist nicht akzeptabel. Nicht nachvollziehen kann ich dagegen, wenn Leute sagen: Wir wollen nicht, dass hier nachmittags oder am früheren Abend Kinder spielen, weil uns das zu laut ist, oder: Wir finden das komisch, dass die ganzen ausländischen Familien hier auf Decken sitzen. Dann sage ich: Da müssen die Anwohner auch die Toleranz haben. Wenn sie in die Innenstadt ziehen, wohnen sie nicht an der Landeskrone. Die Grünflachen sind dafür da, dass sie von allen genutzt werden. Da verstehe ich die Vorstellung nicht, dass man hier eine unberührte Wiese mit Blumen hat, auf der sich niemand bewegt und kein Lärm entsteht.

Es gab im Vorfeld die Vermutung, wenn Sie angekündigt jeden Abend aufschlagen, dann werden Sie bestimmt kein realistisches Bild zu sehen bekommen.

Das ist nicht von der Hand zu weisen. Sehr wahrscheinlich finden die Jugendlichen, die manchmal am Denkmal sitzen, es nicht mehr so gemütlich, wenn wir davor stehen. Na klar, hält man sich zurück, wenn man weiß, da ist jemand anwesend. Aber ich habe in der Nähe des Wilhelmsplatzes mein Büro, ich wohne in der Nähe, ich bewege mich also öfter mal über diesen Platz. Der Sinn solcher Aktionen ist ja auch, mit Leuten ins Gespräch zu kommen.

Was müsste sich ändern auf dem Platz?

Ich fand den Vorschlag gar nicht schlecht, das Denkmal ein bisschen anzuleuchten, aber nicht so, dass der ganze Platz erhellt ist. Was man auch verstärkt machen könnte, sind regelmäßige Kontrollen. Das hat auch nichts mit Repression zu tun, es geht einfach ums Vor-Ort-Sein. Man muss auch überlegen, wie man mit bestimmten Jugendgruppen ins Gespräch kommt, um ihnen alternative Angebote zu machen. Und man muss fragen, was ist eigentlich der Grund für erhöhten Alkoholkonsum. Es ist ja nicht so, dass der Zehnjährige, der hier Fußball spielt, das Problem darstellt. Es geht eher um Grenzüberschreitungen, wenn Menschen zu viel getrunken haben. Darauf kann man ein Stück weit eingehen, indem man mit mehr Sozialarbeitern Streetwork macht, und zwar generationsübergreifend. Klar, kostet das Geld. Aber was ist der Preis auf der anderen Seite? Dass die Anwohner sich beschweren, wegziehen oder wir hier einen dauerhaften Konflikt haben?

Mehr lokale Artikel:

www.sächsische.de/goerlitz

www.sächsische.de/niesky

Mehr zum Thema Görlitz