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Was mit Zittaus Schutzpatronin passierte

Die kunstvolle Brunnenfigur Zittavia prägte bis vor über 80 Jahren das Stadtbild. Dann verschwand sie - für immer.

Der Zittavia-Brunnen auf dem Rathausplatz in einer um 1910 entstandenen Aufnahme. Man beachte die Marktfrau am Fuße des Brunnens.
Der Zittavia-Brunnen auf dem Rathausplatz in einer um 1910 entstandenen Aufnahme. Man beachte die Marktfrau am Fuße des Brunnens. © SZ/Archiv

Ostern steht bevor. Damit dürfte auch die Winterruhe von Zittaus historischen Brunnen bald wieder vorüber sein. Nicht alle werden wieder sprudeln. Einige gibt es schon lange nicht mehr. Dazu gehört auch der Zittavia-Brunnen. Schon vor Jahrzehnten musste er der steigenden Verkehrsflut weichen.

Von diesem Brunnen hörte ich in meiner Kindheit aus dem Munde älterer Frauen, die auf einer Bank sitzend bei Handarbeiten über Vieles schwatzten. Ich spielte Mäuschen und erfuhr so, dass Zittau einmal einen wunderschönen Brunnen besaß, der auf einem Rondell auf dem Rathausplatz stand.

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Inmitten einer Brunnenschale thronte auf einer Säule die bronzene Figur der Zittavia, die als Schutzpatronin von Zittau galt. „Irgendwann wurde der Born abgebaut und verschwand“, wusste die eine der Damen. Fast verschwunden war der Zittavia-Brunnen auch aus Erzählungen. Selbst Ansichtskarten zeigten sein Bild nicht mehr. Es war so, als hätte es ihn nie gegeben.

Es vergingen Jahrzehnte, bis ich in der Christian-Weise-Bibliothek in einem Büchlein mit dem Titel "Die Zierbrunnen der Stadt Zittau", geschrieben von Manfred Titscher, erschienen 2008 im Oberlausitzer Verlag, ein ganzes Kapitel über den Zittavia-Brunnen fand. Demnach begann die Geschichte dieses Brunnens in Dresden. Ende 1884 ging an den Zittauer Rat vom Vorsitzenden des Verwaltungskomitees der Tiedge-Stiftung (sie war dem Andenken des Dichters Christoph August Tiedge gewidmet) die Frage, ob die Stadt aus deren Mitteln einen Brunnen haben möchte.

Gern stimmte der Rat zu und stritt danach lange zu Brunnenthemen. Auch wurde ein passender Standort gesucht und schließlich auf dem Rathausplatz gefunden. Der hier bereits stehende Springbrunnen wurde an die Ringpromenade umgesetzt. Dem schloss sich in Dresden ein Wettbewerb zur Brunnengestaltung an. Acht Bildhauer beteiligten sich. 

Das Modell von Heinrich Bäumer gewann. Bäumer hatte auf eine quadratische Säule die Figur der Zittavia als Sinnbild und Schutzgöttin Zittaus gestellt. Sie thronte würdevoll in historischem Gewand, die rechte Hand schützend ausgestreckt, die linke hielt ein Bündel goldener Ähren. Auch die Figuren an den Seitenteilen kamen aus der Tiedge-Stiftung. Sie stellten Handel, Industrie, Gewerbe sowie Gartenbau dar und wiesen auch auf die kriegerischen Ereignisse der Stadt hin.

Vier Löwenköpfe bildeten die Wasserspeier.Nun konnte der Brunnenbau beginnen. Den steinernen Aufbau entwarf der Architekt Haltendorf, das Postament aus dunkelgrünem Syanit entstand in der Steinschleiferei Berndt in Beiersdorf. Der Bronzeguss von Figur und Seitenteilen wurde durch die Gießerei Howald in Braunschweig ausgeführt. 

Dieser Brunnenstein erinnert seit 2016 wieder an den Standort des kunstvollen Wasserspeiers.
Dieser Brunnenstein erinnert seit 2016 wieder an den Standort des kunstvollen Wasserspeiers. © Heike Schwalbe

1889 war es soweit – der Zittavia-Brunnen wurde feierlich enthüllt. Allseits erklangen Lobes- und Dankesworte an die Schöpfer, besonders an die Tiedge-Stiftung. Der Dichter Tiedge, der von Zittau begeistert war, hätte daran bestimmt seine Freude gehabt. In einigen Schriften wird dieser Born deshalb auch Tiedge-Brunnen genannt. 50 Jahre lang erfreuten sich die Einwohner und Besucher der Stadt an der Brunnenfigur der Zittavia. Doch der innerstädtische Verkehr nahm stetig zu, auch wenn von 1904 bis 1919 die Straßenbahn hier ungehindert vorbeikam.

So wurde der Ruf nach dem Abbau des Brunnens laut und lauter, besonders von Seiten der Busfahrer. Und in der Tageszeitung war zu lesen: "… In der Innenstadt ist kaum noch Platz für ihn …" 1939 wurde diesen Forderungen schließlich nachgegeben. Da man einen neuen Standort so schnell nicht fand, wurde die Zittavia in den städtischen Holzhof zur Aufbewahrung gebracht.

Das war offenbar kein guter Platz für die Schutzpatronin, denn sie verschwand. Wohin und auf wessen Anordnung? Die "Zittauer Nachrichten" versuchten, das am 20. April 1940 aufzuklären und berichteten, dass die 750 Kilogramm schwere Bronzefigur der Zittavia und zwei Urnen vom König-Albert-Denkmal "dem Führer geopfert" wurden. Das Metall soll in einer Sammelstelle abgeliefert und später eingeschmolzen worden sein.

Das ist nun 80 Jahre her. Nichts mehr war 1940 vom Zittavia-Brunnen zu sehen. Die Stadt Zittau konnte nun endlich auf dem Rathausplatz ihren Traum vom Parkplatz für Fahrzeuge verwirklichen – und hier kann noch heute geparkt werden. Als der Rathausplatz 2016 tiefgründig saniert wurde, stieß man auf die Grundmauern des einstigen Brunnens.

Ich freute mich, als nach der Pflasterung diese Stelle mit dem Brunnensymbol gekennzeichnet wurde. Eines Tages vielleicht, wenn Zittau wieder als „die Reiche“ gilt, könnte diese kunstvolle Figur der Zittauer Schutzgöttin nach altem Vorbild wieder erstehen, zur Freude aller Zittauer und Freunde der Stadt. Vor dem Rathaus, inmitten der schönen Palmen, wäre ein geeigneter Platz für sie, finde ich.

Warum Zittavia?

Bereits 1238 wurde eine Burgherrin von Sitavia in einem Dokument erwähnt und in Sagen tauchte sie seit dem 16. Jahrhundert als Begründerin Zittaus auf. Im Zittauer „Sagenpfad“ heißt es: In der Johannisnacht, wenn sie ihre Gruft auf dem Johanniskirchhof, gehüllt in einem bunt strahlenden Lichterkranz, verlässt, kann man ihr in der Zittauer Innenstadt begegnen. Bei ihrem Stadtrundgang überzeugt sie sich vom Fortbestehen und Wohlergehen ihrer Gründung. Sie ist der gute Geist Zittaus und wacht über das Blühen der Stadt. Sie bringt allen Glück, die ihr freundliches Auge trifft.

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