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Was Mütter kurz vor dem Tod für ihre Kinder aufschrieben

Lesung. Zum weltweiten Aids-Tag haben zwei Görlitzer Interviews und Erzählungen gesammelt, um die Menschen hier vor Ort wachzurütteln.

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Von Varinia Bernau

Diese eine Geschichte hat Martina Rosenbladt besonders berührt: Von einer Frau, etwas über 40, bei der auf einer Kur, viele Jahre nach ihrer Drogensucht, das tödliche HI-Virus entdeckt wird. „Wie sie mit Vorurteilen kämpft, wie sie ihren Kindern die Krankheit erklärt, das hat mich sehr nachdenklich gestimmt“, sagt die Görlitzerin.

Anlässlich des heutigen Welt-Aids-Tages hat Martina Rosenbladt diese Geschichte hervorgeholt. Um sie vorzulesen. Um auch andere Görlitzer zu berühren.

Drei HIV-Infizierte und ein an Aids Erkrankter sind dem Gesundheitsamt in der Stadt bekannt. Die Dunkelziffer wird dreimal höher geschätzt. „Aids ist hier nicht im Bewusstsein“, zeigt sich Swen Röder überzeugt, der den Leseabend gemeinsam mit Martina Rosenbladt auf die Beine gestellt hat. Weit verbreitet sei in Görlitz der Irrglaube, dass Aids eine Krankheit sei, die unter Schwulen, unter Jugendlichen mit sexuellen Abenteuern kursiert. Viele lehnten sich zurück, überzeugt, dass sie das Thema nichts angehe. Eine gewisse Sorglosigkeit habe sich eingestellt, die gefährlich werden könnte.

Im vergangenen Jahr, erinnert sich Swen Röder, ging der weltweite Gedenktag an die Immunschwäche fast spurlos an Görlitz vorüber. „Da habe ich kühn behauptet: Im nächsten Jahr, da mache ich was“, erzählt er. „Erst zu Hause hab’ ich mir die Frage gestellt: Ähm..., was denn eigentlich?“

Bei seiner Suche fiel ihm irgendwann diese Interviewsammlung in die Hände: Erkrankte und Ärzte, Angehörige und Kollegen berichten von ihren Erfahrungen. Daraus lesen die beiden vor. Er, der 29-Jährige, der in der Stadt aufgewachsen und mit ihr so verbunden ist, dass er auch Stadtführungen nach dem Feierabend macht. Sie, die 51-Jährige, die vor drei Jahren aus Lübeck kam und seither an Görlitz hängt.

Am Infostand schnell vorbei

„Wir wollen auch ein bisschen das kulturelle Leben in unserer Stadt bereichern“, sagen beide. Sich über sehr persönliche Texte an das Thema heranzupirschen – dazu haben sich die zwei entschieden, um die Menschen besser zu erreichen: „An einem Infostand gehen die Leute doch meist vorbei, nehmen sich bestenfalls noch ein paar Blättchen mit, die dann zu Hause in der Schublade landen“, sagt Martina Rosenbladt.

Auch aus Notizen von afrikanischen Frauen werden sie heute lesen: An Aids erkrankte Mütter haben darin niedergeschrieben, was sie ihren Kindern hinterlassen wollten. Erinnerungen daran, wie sie den Vater der Kleinen kennenlernten, oder Wünsche für ihren weiteren Weg, den sie nicht mehr begleiten konnten. „Beim Thema Aids können wir Afrika nicht ganz außen vor lassen“, sagt Swen Röder. Im Süden des Kontinents leben besonders viele der weltweit über 40 Millionen HIV-Infizierten.

Die Lesung findet heute Abend um 18.30 Uhr im Café Flair, Brüderstraße 3, statt. Der Eintritt ist kostenlos, es kann aber für die Aids-Hilfe in Ostsachsen gespendet werden. Der Radiosender SAEK zeichnet die Veranstaltung auf und überträgt sie am 8. 12. um 20 Uhr auf 105,8 MHz und im Internet unter www.goerlitz.de/radio.

Beratungen zur Aids-Erkrankung gibt es beim Gesundheitsamt. Ansprechpartnerin ist Regina Lawitzky: 672301