merken
PLUS Sachsen

Was passiert jetzt in Rossendorf?

Das erste Interview mit Sebastian Schmidt, dem neuen Chef von Sachsens größtem Forschungsinstitut.

Professor Sebastian M. Schmidt ist der neue wissenschaftliche Vorstand vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf.
Professor Sebastian M. Schmidt ist der neue wissenschaftliche Vorstand vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf. © HZDR/Andre Wirsig

Es geht um extreme Materie für künftige Werkstoffe im Alltag, um riesige Großgeräte für den Kampf gegen Krebs und Viren. Sachsens größtes Forschungsinstitut hat einen neuen wissenschaftlichen Vorstand. Seit einigen Tagen leitet Sebastian Schmidt das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR). Seine Spezialgebiete sind unbekannte physikalische Phänomene, wie sie auch in Neutronensternen vorkommen und beim Urknall existierten. Sebastian Schmidt hat in Rostock studiert, in Dubna und in den USA geforscht, zuletzt als Forschungs-Manager in Jülich gearbeitet – und ist nun hier. SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön hat ihn zu seinem ersten Interview im neuen Amt getroffen.

Herr Schmidt, das ist verdammt dumm gelaufen: Sie kommen hierher und niemand ist da. Sie sind neuer wissenschaftlicher Leiter in Sachsens größtem Forschungsinstitut, nur gibt es derzeit nichts zu tun wegen Corona?

Anzeige
Auf zum Campustag an die HTW Dresden
Auf zum Campustag an die HTW Dresden

Die Hochschule für Technik und Wirtschaft stellt sich am 4. Juli Studierenden in spe vor.

Mein Plan war es, bis Juni jedes einzelne Institut hier zu besuchen, den meisten Doktoranden mal persönlich die Hand zu schütteln. Mit ihnen zu diskutieren und auch selbst dabei mit durchs Mikroskop zu schauen. Ja, all das musste ich verwerfen. Es ist aber nur verschoben.

Sie schauen doch nicht wirklich selbst noch ins Mikroskop …

… doch, da irren Sie sich. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, mir die Nähe zur Wissenschaft zu bewahren. Das war auch in Jülich so und kommt gut an bei den Mitarbeitern. Eine ehemalige Doktorandin hatte mir beim Abschied in Jülich gesagt: Ich hätte damals nie gedacht, dass mein erster Praktikant mal der Vorstand ist. Wenn ich eine Chance bekomme, das hier auch so zu machen, wenn die Kollegen nicht Angst haben, dass ich ihnen irgendetwas dabei kaputt mache, dann fände ich das echt toll.

Okay, derzeit gibt’s kein solches Praktikum. Was tun Sie anstelle dessen?

Ich habe derzeit überhaupt keine Reisetermine, das hat für die Einarbeitung in ein solches Forschungszentrum auch etwas für sich. Da ist Zeit, sich in künftige Abläufe hier hineinzudenken. Und überhaupt: Es gibt ja die digitale Kommunikation. Videokonferenzen statt Meetings.

Was finden Sie an Dresden-Rossendorf so spannend?

Es sind natürlich die Fachgebiete mit all den Mitarbeitern. Einige kenne ich ja seit vielen Jahren schon. Ich freue mich auf den Mix an wissenschaftlichen Großgeräten.

Gibt’s schon ein Lieblingsgerät?

Ich werde, so schnell es irgendwann mal geht, nach Hamburg fahren und mir dort unser Extremlabor HIBEF anschauen (Helmholtz International Beamline for Extreme Fields, d. R.). Dort geht es um die Physik der starken Felder. Auf diesem Gebiet habe ich selbst als Theoretiker gearbeitet. Dieses Labor ist echt ein Traum.

Ein Extremlabor, mit dem im Vakuum nach bisher unbekannten Formen der Materie gesucht wird. Ihr Vorgänger im Amt hat dies aufgebaut, jetzt ist es fertig und Sie nutzen es …

… genau, da habe ich Glück. Wir werden ganz fundamentale, für uns neue Zusammenhänge erkennen und studieren. Wir werden damit einige unserer Fragen zur Materie hoffentlich beantworten können. Und ich bin mir ganz sicher: Wir werden damit am Ende noch mehr Fragen haben. Solche, die nochmals andere Geräte erforderlich machen. Aber es gibt ja hier in Rossendorf noch jede Menge andere Top-Geräte mit großartigen Teams. Ich freue mich darauf: Energieforschung, Terahertzstrahlung, Umwelt und Medizin. Echt viel.

Ist davon etwas komplett neu für Sie ?

Das Ressourceninstitut in Freiberg mit viel Geowissenschaft, das ja auch zu unserem Forschungszentrum gehört. In diesem Fachgebiet bin ich neu. Die Themen dort klingen superspannend, aber da muss ich ehrlich gesagt noch was dazulernen.

Werden Sie noch eigene Forschungsprojekte haben, oder ist das nun vorbei?

Ja sicher werde ich meine ganze Kraft dahin einsetzen, dieses Zentrum zu managen. Aber, ich habe auch gelernt, dass ich das am besten kann, wenn ich mir die Nähe zur Wissenschaft bewahre. Wenn ich in meinem Fachgebiet unterwegs bin, dort im Meeting auch mal eine These in den Raum werfe, dann aber Feuer von den Doktoranden bekomme – das bringt mich schon immer wieder zurück auf den Boden. Und mal ganz abgesehen davon, bei einer wichtigen Veröffentlichung in einem wissenschaftlichen Journal selbst dabei zu sein, ja das ist es! Yes! Das hat mir bei meiner Arbeit im Management eigentlich immer geholfen.

Wie soll das gehen: Forschungsmanagement und eigene Wissenschaft?

Na sicher nicht unter der Woche. Aber vielleicht, wenn mal ein guter, langjähriger Kollege aus dem Ausland hier zu Gast ist oder ich ihn einlade, um dann an den Wochenenden oder in den Ferien so etwas zu entspinnen. Das werde ich nach wie vor so machen, da freue ich mich auch drauf.

Zurück zum Forschungszentrum: Wie viele neue Professoren brauchen Sie? Welche Investitionen haben Sie vor?

Zunächst brauchen wir eine wissenschaftliche Vision, und dann können wir über Personen und Investitionen und Strukturen reden. Das werde ich mit den Institutsleitern hier zusammen in den kommenden Monaten entwerfen. Eine Vision: Wo wollen wir in zehn Jahren stehen?

Und was ist Ihre Vision?

Das Zentrum ist gut ausgestattet. Das muss so bleiben, was weitere Investitionen bedeutet. Wir sollten die Physik und Medizin noch stärker miteinander verbinden, um zum Beispiel neue Bestrahlungsmethoden gegen Krebs zu bekommen. Neue Detektoren, die viel sensibler sind, mehr erkennen bei weniger Belastung für den Patienten. Mobile PET-Geräte. Wir möchten den Patienten in den kommenden Jahren neue, effizientere Therapiemöglichkeiten in der Krebsbehandlung zur Verfügung stellen, die es so jetzt noch gar nicht gibt. Wir könnten dann zum Beispiel tiefliegende Tumore besser behandeln, gewebeschonendere Methoden anwenden. Dazu brauchen wir unsere Kompetenz im Bereich der Beschleunigerphysik und der Medizin. So etwas ist sonst in Unikliniken nicht vorhanden. Dafür braucht man ein Großforschungszentrum wie unseres.

Eine zweite Vision jenseits der Medizin?

Das ist die Informationstechnologie. Es sind energiesparende neuartige Computer der Zukunft. Wenn es uns hier in Rossendorf gelingt, Quantenmaterialien zu entwickeln für künftige energiesparende und extrem leistungsstarke Quantencomputer und Quantenspeichersysteme, dann wäre das ein Durchbruch. Nicht nur für Dresden, sondern für die Welt. Das möchte ich in den nächsten sieben Jahren erreichen. Und länger darf’s auch nicht dauern.

Jedes Großforschungszentrum in Deutschland hat für solche großen Aufgaben sein wissenschaftliches Großgerät. Was planen Sie da für Rossendorf?

Weiterführende Artikel

Die 200-Millionen-Euro-Maschine für Dresden

Die 200-Millionen-Euro-Maschine für Dresden

Sachsens größtes Forschungszentrum hat einen neuen Chef. Erstmals berichtet Sebastian Schmidt, was hier in den kommenden Jahren passiert.

Dresdner Forscher nutzen neues Extremlabor

Dresdner Forscher nutzen neues Extremlabor

Große Hitze, enormer Druck und Supermagneten machen einen verborgenen Zustand des Universums sichtbar.

Wir erleben derzeit eine Terahertz-Revolution mit neuartigen Strahlungsquellen. Es geht zum Beispiel darum, einzelne Moleküle bei der Arbeit zu beobachten. Wir wollen in künstliche und biologische Materie hineinschauen und neue Materialien studieren. Dort sollten wir uns international an die Spitze setzen. Der Elektronenbeschleuniger Dali ist dafür die Voraussetzung mit einer Investition von etwa 200 Millionen Euro. Das Konzept dafür steht bereits. Wenn alles optimal läuft, dann haben wir Dali in diesem Jahrzehnt hier.

Interview: Stephan Schön

Mehr zum Thema Sachsen