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Was passiert mit Fiel, wenn der Erfolg ausbleibt?

Er ist Publikumsliebling bei Dynamo, Fußballgott, einer zum Anfassen. Dass Cristian Fiel jetzt auch Cheftrainer ist, macht die Sache aber kompliziert. 

Der Fußball ist seine Leidenschaft, drüber geht nur die Familie. Den Ehering trägt Cristian Fiel auch auf dem Fußballplatz – und am rechten Handgelenk ein Band von seiner Tochter.
Der Fußball ist seine Leidenschaft, drüber geht nur die Familie. Den Ehering trägt Cristian Fiel auch auf dem Fußballplatz – und am rechten Handgelenk ein Band von seiner Tochter. © Lutz Hentschel

Als es vor genau drei Wochen zur ultimativen Mutprobe kommt, ist er sofort dabei. „Bungee-Jumping habe ich noch nie gemacht. Das ist eine krasse Erfahrung“, sagt Cristian Fiel, und er stürzt sich als Erster an dem Gummiseil in die Tiefe. Aber nicht, weil der Dynamo-Cheftrainer besonders mutig ist, wie er anschließend erzählt. Er habe sich sogar in die Hosen gemacht, es sich aber nicht anmerken lassen, meint Fiel. Und froh sei er gewesen, als er dann unten saß und die Spieler noch kommen mussten.

Das Bungee-Beispiel aus dem Trainingslager in Österreich könnte viel besser nicht sein. Fiel geht voran, und alle folgen ihm. „Wenn was passiert, soll es mir passieren. Und dann sollen die Spieler nicht mehr springen, sondern einfach wieder runterlaufen“, erklärt Fiel später noch, was ebenso perfekt passt zu dieser Saisonvorbereitung, in der immer wieder auch die Begriffe Mut und mutig fallen.

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Eine krasse Erfahrung, das steht schon jetzt fest, sind die vergangenen Wochen und Monate für allen Beteiligten – und das irgendwie jeden Tag aufs Neue. Dabei geht es erst am Samstag mit dem Heimspiel gegen Nürnberg so richtig los.

Fiel, in Dresden seit seinen fünf Jahren im Dynamo-Trikot gewissermaßen Publikumsliebling und Fußballgott in Personalunion, weiß genau um diese Fallhöhe, und deshalb relativiert er, erklärt und ordnet ein, wo und was er kann. Das fängt schon mit der Mutprobe an. Die als Synonym für seine sehr offensive, risikobehaftete und tatsächlich auch mutige Spielweise zu nehmen, ist ihm zu weit hergeholt.

Ob groß oder klein, Fiel ist der Liebling der Fans – und nimmt sich Zeit für jedes Foto.
Ob groß oder klein, Fiel ist der Liebling der Fans – und nimmt sich Zeit für jedes Foto. © Lutz Hentschel

Zu einem Löwen in den Käfig steigen, um Mut zu beweisen, würde er nämlich nicht. „Weil ich nicht bescheuert bin“, betont der 39-Jährige und redet sich jetzt, wo es um seine Leidenschaft Fußball geht, gleich mal in Rage. „Was heißt mutige Spielweise? Ich bin der Überzeugung, wenn du den Ball forderst, immer in Bewegung bist, Räume findest und noch die Ruhe am Ball hast, ist das gar nicht so mutig ...“ Das sei doch nichts von einer anderen Welt, findet er.

Kann man so sehen. Auf jeden Fall, und das hat die Vorbereitung gezeigt, ist sein Anspruch zu spielen, ziemlich anspruchsvoll. Vielleicht nicht für Spieler mit seinem technischen Können, aber durchaus komplex für eine Mannschaft, die in der Vorsaison zweieinhalb Trainerwechsel mitgemacht hat und zum zweiten Mal in Folge viel länger als erwartet um den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga zittern musste. Fiels Devise: Lieber den Ball haben, als hinterherzurennen – verbunden mit der Ansage, auch aus der Abwehr herauszuspielen, statt die Bälle nach vorn zu schlagen.

Geht es gut, werden sie ihren Fielo noch mehr feiern. Dann dürfte Dynamo mit großer Wahrscheinlichkeit eine erfolgreiche Saison spielen – und es für den Trainer bis zur schwarz-gelben Heiligsprechung durch die Fans nicht mehr weit sein.

Bleibt der Erfolg aus, richtet sich der Unmut womöglich sogar zuerst gegen  die Spieler – und Fiel wird sie vermutlich einmal mehr in Schutz nehmen. Doch was passiert eigentlich, wenn Dynamo auf einem Abstiegsplatz steht? Bei diesem Auftaktprogramm ist alles möglich: Bundesliga-Absteiger Nürnberg zu Hause, die Partie bei Aufsteiger Karlsruhe, danach gegen Heidenheim, anschließend in Darmstadt und gegen St. Pauli. Fiel mag keine Prognosen, er stellt lediglich fest, und das seit Wochen fast wortgleich: „Wir werden bereit sein.“

Ob das auch auf ihn selbst und seine erste ganze Saison als Cheftrainer im Männerbereich zutrifft?

Er hatte ja noch nicht mal den Trainerschein in der Tasche, als seine Herzensangelegenheit Dynamo im Februar dieses Jahres angefragt hat – und er nicht ablehnen konnte. Mit Sportchef Ralf Minge ist es schließlich genau so verabredet gewesen, dass Fiel irgendwann die Profimannschaft übernimmt. Nur der Zeitplan ist ein anderer gewesen und der Start in die neue Karriere nicht ohne Risiko.

Mit vier Siegen, vier Unentschieden sowie drei Niederlagen in elf Spielen gelingt ihm die Mission Klassenerhalt – und vor allem eine atmosphärische Trendwende. Der im schwäbischen Esslingen geborene Spanier mit südländischem Temperament war in dieser kritischen Phase zuallererst als Motivator gefordert, und das ist ihm eindrucksvoll gelungen.

Jetzt aber muss er eine gesamte Saison gestalten. Fiel, der den notorisch aufgeregten Verein mit dem nicht minder impulsiven Umfeld seit 2010 kennen- und liebengelernt hat und mit seiner Familie mittlerweile fest verwurzelt ist in Dresden, muss auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Muss schlechte Spiele erklären, permanent nach innen und außen moderieren.

Fast wie eine Naturgewalt

Schon jetzt wird Fiel verglichen mit dem spanischen Übertrainer Pep Guardiola, der gemeinsamen Herkunft und Spielidee wegen. Und er wird gemessen an seinen vielen Vorgängern bei Dynamo, Dabei möchte der frühere Mittelfeldmann vom Typ Spielmacher eigentlich nur er selbst sein – und seinen eigenen Weg finden. Regelmäßige Erfolge machen das Vorhaben leichter. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht.

Fiel bei der Arbeit zuzusehen, ist Erlebnis und Erkenntnis zugleich. Fast wie eine Naturgewalt. Er ruft, gestikuliert, macht vor, korrigiert, und vor allem kommentiert er. Führt immer wieder kurze Einzelgespräche und nimmt doch die ganze Mannschaft mit. Zusammenhalt und Teamgeist sind bei ihm keine Floskeln, auch nicht, wenn er von harter Arbeit und intensiver Vorbereitung spricht. Er meint und lebt das. Seinen Spielern gefällt’s. Auch sie loben ihn beinahe überschwänglich. „Der Fielo hat absolut den Nerv der Mannschaft getroffen. Es ist eine reine Freude, ihn zu beobachten“, schwärmt Minge.

Fiel selbst gibt sich betont bescheiden und fühlt sich dennoch geschmeichelt. Eitelkeit ist keine Eigenschaft, für die man sich schämen müsste. „Komplimente hin, Komplimente her. Wenn man keine Spiele gewinnt, ist das alles vergessen. Deshalb konzentriere ich mich darauf, hart zu arbeiten mit den Jungs“, sagt er.

Noch so ein Ausdruck, der immer wieder auftaucht. Seine Spieler sind nicht etwa Männer, er spricht sie mit Jungens an. Was zum einen damit zu tun haben dürfte, dass Fiel zuvor B-Jugend-Trainer war, was zum anderen jedoch auch nicht ganz falsch ist. Ein Großteil der Mannschaft ist nicht viel älter als Anfang 20.

Am Ende zählen nur Punkte

Interessant, ergänzt Minge, wird es ohnehin erst jetzt, wenn die Härtefälle kommen und Fiel Spieler auf die Bank setzen muss. Auch der Sportchef ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass am Ende nur Punkte zählen – und der Tabellenplatz. Fiels Bilanz in der Vorbereitung könnte da allerdings auch Bedenken auslösen: ein Sieg aus sechs Spielen – und vier Niederlagen. Was also, wenn die Mannschaft bereit ist und der Trainer sowieso, aber die Ergebnisse ausbleiben? Dynamo wäre nicht der erste Klub, dessen mutiger Weg mit einem Vereinsidol als Chefcoach scheitert. Gibt es dann einen Plan B und für Fiel einen Weg zurück zum Nachwuchs?

Womöglich hat er auch das mit Minge schon besprochen – und mit der Familie. „Meine Frau kennt mich ja lange. Sie musste mich schon als Spieler ertragen. Aber jetzt bekommen meine Kinder auch vieles mit“, sagt Fiel und erzählt von seinem zwölfjährigen Sohn, der am Ende der Vorsaison befürchtete, wegziehen zu müssen, wenn das mit dem Klassenerhalt nicht klappt. 

Inzwischen hat ihm der Papa ein Versprechen geben müssen: „Dass wir viele Spiele gewinnen und wir in Dresden bleiben“, sagt Fiel – und korrigiert sich sofort: „Dass wir versuchen, so viele Spiele wie möglich zu gewinnen.“ Um nicht mehr oder weniger geht es in dieser Saison.

Dann sind auch bei Dynamo alle zufrieden, fürs Erste. „Alles andere“, das meint Fiel so, wie er es sagt, und blickt gen Himmel, „entscheidet der Herr da oben.“

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