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Leben und Stil

Was passiert, wenn alle gesetzlich versichert sind?

Würde die Privatversicherung in Deutschland abgeschafft, würden die Krankenkassenbeiträge spürbar sinken. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Fast 9 Millionen Menschen in Deutschland sind privat versichert.
Fast 9 Millionen Menschen in Deutschland sind privat versichert. © Angelika Warmuth/dpa

Gütersloh. Fast 9 Millionen Menschen in Deutschland sind privat versichert. Wenn alle Bürger gesetzlich versichert wären, könnten die Krankenkassenbeiträge einer Studie zufolge spürbar sinken. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Montag veröffentlichte repräsentative Studie des Berliner Iges-Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Das liegt vor allem an den Einkommen der Privatversicherten: Laut Iges-Analyse verdienen Privatversicherte - demnach Gutverdiener, Beamte, einkommensstarke Selbstständige - durchschnittlich mindestens 56 Prozent mehr als gesetzlich Versicherte. Sie seien zudem tendenziell gesünder. 

Wie stark würde der Krankenkassenbeitrag sinken?

Kämen die jetzt Privatversicherten in die GKV, könnte diese mit einem Nettofinanzüberschuss von jährlich 8,7 bis 10,6 Milliarden Euro rechnen. Der Beitragssatz ließe sich um 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte senken. Jeder aktuell GKV-Versicherte und sein Arbeitgeber könnten so zusammen im Schnitt 145 Euro pro Jahr sparen. 

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Wie viele Menschen sind privat versichert?

Die Iges-Studie basiert auf den aktuellsten Daten (2016) aus einer Befragung von rund 12.000 Haushalten. 2016 - wie auch aktuell - waren rund 8,8 Millionen Menschen privat versichert. Die GKV zählte 2016 rund 70,4 Millionen Versicherte, derzeit sind es vor allem zuwanderungsbedingt gut 73,2 Millionen, sagt der Gesundheitsexperte der Stiftung, Stefan Etgeton, der dpa.

Wie viel verdienen Ärzte?

  • Die Vergütung für niedergelassene Ärzte falle bei Leistungen für Privatpatienten etwa 2,5-fach höher aus. Gleiche man Ärzten die Honorarverluste bei einem PKV-Wegfall aus, sei ein noch um 0,2 bis 0,3 Punkte niedrigerer Beitragssatz möglich. 

Etgeton kritisiert, der durchschnittliche GKV-Versicherte zahle jedes Jahr mehr als nötig, damit sich Gutverdiener, Beamte und Selbstständige dem Solidarausgleich entziehen könnten. In Umfragen befürworte eine Mehrheit der Bürger eine integrierte Krankenversicherung ohne Aufspaltung nach Einkommenshöhe oder Berufsgruppe.

Sind Privatversicherte gesünder?

  • Nach der Analyse kamen 17 Prozent der Privatversicherten mindestens einmal im Jahr ins Krankenhaus, bei den gesetzlich Versicherten waren es 23 Prozent. 
  • Die PKV-Mitglieder seien 3,6 Tage im Jahr arbeitsunfähig gewesen, die GKV-Versicherten konnten 5,6 Tage krankheitsbedingt nicht zur Arbeit kommen. 
  • Der Anteil der Menschen mit Behinderung, Pflegebedürftigkeit, mit chronischen Rückenbeschwerden, Gelenkerkrankungen oder auch Schlafstörungen liege bei GKV-lern höher als bei PKV-lern. 

Als einen Grund nennt die Analyse: Die PKV schließe Menschen mit Vorerkrankungen oder Behinderungen durch hohe Zugangshürden praktisch aus.

Wie groß sind die Chancen für nur eine Versicherung?

Derzeit hält Etgeton sei eine Verschmelzung der beiden Säulen nicht für realistisch. Aber eine stärkere Einbindung von PKV-Mitgliedern in die GKV sei machbar und könne Einiges bringen. Der DGB mahnte gesetzliche Änderungen an, da viele gar nicht in die GKV wechseln könnten oder die Bedingungen dafür zu schlecht seien. 

Die GKV hatte 2019 rund eine Milliarde Euro Verlust gemacht. Den allgemeinen festen Beitrag von 14,6 Prozent und den variablen Zusatzbeitrag der Kassen teilen sich Arbeitgeber und -nehmer hälftig.

Wo überall gibt es das duale System?

In Europa leiste sich nur Deutschland ein duales System. Weltweit gebe es ein Zwei-Säulen-Prinzip sonst nur noch in Chile. "Nur wenn sich alle Versicherten unabhängig vom Einkommen zusammentun, um die Risiken zwischen Gesunden und Kranken auszugleichen, kann eine tragfähige Solidargemeinschaft entstehen", betont Stiftungsvorstand Brigitte Mohn. Der soziale Zusammenhalt werde geschwächt.

Was spricht gegen eine Bürgerversicherung?

Der dbb Beamtenbund widerspricht. Das System funktioniere gerade wegen des "bewährten Miteinanders" von GKV und PKV, meint dbb-Chef Ulrich Silberbach. "Unsere Gesundheitsversorgung ist eine der besten der Welt." Im dualen Gesundheitssystem profitierten ausnahmslos alle von den Umsätzen der PKV-Versicherten. Man solle nicht mit "Sozialpranger" arbeiten. Ähnlich formuliert der Verband der PKV: Der Milliarden-Mehrumsatz der PKV komme dem Gesundheitswesen insgesamt zugute. Ohne diesen müssten GKV-Versicherte sogar noch draufzahlen.

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Die Bundesärztekammer merkt an: Finanzstärkere würden sich bei einer Einheitsversicherung womöglich einen exklusiven Zugang zur Spitzenmedizin sichern - als Selbstzahler oder über teure Zusatzversicherungen. Damit sei der Weg in "eine echte Zwei-Klassenmedizin" bereitet. Die SPD-Fraktion fordert dagegen eine Bürgerversicherung, "in die alle einzahlen und durch die alle die notwendigen medizinischen Leistungen bekommen." Auch die Grünen sehen neuen Rückenwind für eine Bürgerversicherung. Die lehnt die Kassenärztliche Bundesvereinigung ab, schlägt aber vor: "Das Beste aus zwei Welten zusammenführen." (dpa)

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