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Was Radebergs Silvester mit der Hut-Mode verbindet

Vor 100 Jahren setzte sich das Silvesterfeiern in öffentlichen Sälen auch in Radeberg durch. Eine große Rolle spielten dabei Hüte…

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Von Hans-Werner Gebauer

Radebergs Silvesterpunsch muss es einst in sich gehabt haben. Da wurde beispielsweise in der Januarsitzung des Jahres 1906 der Stadtrat Köckritz gefragt: „Sie haben wohl vom Silvesterpunsch noch einen schweren Kopf?“, als dieser gegen einen Beschluss stimmte. Das Feiern des Silvesterfestes war jedoch zu diesem Zeitpunkt eher eine Privatsache, wenn auch der Turnverein und einige Sparvereine schon den Jahreswechsel in einer Gaststätte öffentlich feierten.

Aber das gefiel; und mehr und mehr wurde es ein Trend, wie man heute sagen würde. Der sich vor hundert Jahren dann durchaus durgesetzt hatte. 1911 überboten sich die geschäftstüchtigen Gastwirte der großen Gasthäuser wie „Kaiserhof“, „Deutsches Haus“, „Schützenhaus“ oder „Roß“ bereits im Vorfeld des Jahreswechsels, um attraktive Feiern auszurichten. Die erlesenste Gesellschaft hatte dabei der „Kaiserhof“. Er lockte mit einem „Feinen Ball zum Jahreswechsel“. Die besten Musiker der Radeberger Stadtkapelle und Opernsänger der Dresdener Hofoper, dazu „Herren des Amüsierbetriebs“, heute würde man Moderatoren oder Comedians dazu sagen, bestimmten das Programm. Mit Ausschnitten aus dem damals umstrittenen Lustspiel „Die Hose“ von Carl Sternheim gab es eine Satire auf Radebergs Bürgerschaft. Man nahm sich selbst hoch, und keiner nahm es übel. Auch neueste Mode kam im „Kaiserhof“ zur Geltung, der sogenannte „steife Hut“ der Herrenwelt, und gestärkte Blusen der Frauen, die ohne Knitterfalten den Abend überstanden, waren der neueste Schrei an diesem Abend. Dazu auch wieder Damenhüte der Extravaganz. Mehrere Modistinnen der Bierstadt hatten sie für den Abend vorbereitet. Dieses Silvesterprogramm hatte sich bis Dresden und Bautzen herumgesprochen. Selbst dem kontrollierenden Gendarmen hatte es die Sprache ob der Eleganz der Garderobe und der Freizügigkeit des Programms verschlagen. „Er könne es nicht beurteilen“, schrieb er im Protokoll nieder…

Aber auch die anderen Gasthöfe hielten mit. An 17 Stellen war etwas los. Einen ziemlichen Auflauf gab es auf Radebergs Markt. Schon seit dem frühen Abend fand man sich hier zum Punschtrinken zusammen. Als die Kirchturm-Uhr die zwölf Schläge in die Nacht sandte, ertönte ein immer wiederholtes „Prosit Neujahr“ und „Prost Radeberg“, die sächsische Hymne wurde angestimmt und dem sächsischen König ein dreifaches „Hurra“ gewidmet. Dann knallte es, aber kein Feuerwerk – üblich waren damals Schüsse aus Schreckschusspistolen.

Und im „Kaiserhof“? Hier soll es erst gegen vier Uhr früh zum allgemeinen Aufbruch gekommen sein. Draußen standen immer noch Radeberger und ihre Gäste, um etwas von dem Glanz der Silvesterfeier zu sehen. Dass übrigens die heutige Silvesterfeier im Kaiserhof unter dem Motto „Gut behütet“ steht, ist ein Zufall. Aber ein passender…