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Leben und Stil

Was Sachsen gegen das rätselhafte Borna-Virus tun will

Die Tierkrankheit ist für Menschen eine tödliche Gefahr. Benannt ist sie nach einem Fall in einer sächsischen Stadt.

Ein Patient liegt auf der Intensivstation. Bei einer Infektion mit dem Borna-Virus können Ärzte nichts tun. Noch nicht.
Ein Patient liegt auf der Intensivstation. Bei einer Infektion mit dem Borna-Virus können Ärzte nichts tun. Noch nicht. © Kay Nietfeld/dpa

Es beginnt mit Kopfschmerzen, Fieber und Abgeschlagenheit. Es folgen neurologische Symptome wie Verwirrtheit, Verhaltensauffälligkeit, Sprach- und Gangstörungen. Innerhalb weniger Tage fallen die Betroffenen ins Koma und sterben. So beschreibt das Robert-Koch-Institut die Borna-Krankheit. Es handelt sich um eine Gehirnentzündung, die Wissenschaftler bis heute vor große Rätsel stellt.

Gehirnentzündungen enden häufig tödlich. Bei einigen Betroffenen konnten aber bislang keine konkreten Krankheitsursachen, zum Beispiel Bakterien, gefunden werden. Wissenschaftler des Instituts für Virusdiagnostik am Friedrich-Löffler-Institut Regensburg machen für solche ungeklärten Fälle jetzt sogenannte Borna-Viren verantwortlich. Sie sind bisher eher als Auslöser von Krankheiten unter Nutztieren bekannt, können aber auch Menschen gefährlich werden.

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Ihren Namen haben die Viren tatsächlich von der sächsischen Kleinstadt Borna. Dort war im Jahr 1894 ein ganzer Stall voller Kavalleriepferde daran erkrankt. Der Erreger wurde allerdings erst rund 40 Jahre später identifiziert. Lange Zeit wurde das Virus aber nur mit Tieren in Verbindung gebracht.

Seit 1995 sind 14 Todesfälle nach Gehirnentzündung in Deutschland bekannt, die auf eine Borna-Infektion zurückgeführt werden konnten. „Wie genau sich die Patienten angesteckt haben, ist uns unklar“, sagt Institutsleiter Martin Beer. Der jüngste Fall ist der eines elfjährigen Mädchens, das Ende 2019 an dieser Form der Gehirnentzündung starb.

So sieht es aus, wenn mit einem Antikörpernachweis das Borna-Virus im Gewebe nachgewiesen wird. 
So sieht es aus, wenn mit einem Antikörpernachweis das Borna-Virus im Gewebe nachgewiesen wird.  © Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin/dpa

Die Regensburger Mediziner vermuten neben den 14 nachgewiesenen Todesfällen eine viel höhere Dunkelziffer. Deshalb wurden dort Hirnproben von 56 Patienten aus Bayern untersucht, bei denen zwischen 1999 und 2019 eine Hirnentzündung diagnostiziert wurde. Bei 28 von ihnen sei keine bakterielle oder anderweitige Ursache für die Erkrankung gefunden worden, heißt es. Neun aus dieser Gruppe waren gestorben, bei sieben dieser tödlich verlaufenen Erkrankungen konnte jetzt der Borna-Virus nachgewiesen werden.

Auch in Sachsen soll nun ein Projekt starten, das die Verbreitung des Borna-Virus untersuchen soll. „Wir wollen die Förderung durch den Freistaat Sachsen und europäische Institutionen beantragen, sodass wir schnellstmöglich erste Proben entnehmen können“, sagt Dr. Thomas Grünewald, Leiter der Klinik für Infektionsmedizin am Klinikum Chemnitz. Die Infektiologen arbeiten dabei mit Veterinärmedizinern und dem öffentlichen Gesundheitsdienst zusammen. „Zunächst werden mögliche Überträger, sogenannte Vektoren untersucht, anschließend ihr menschliches Umfeld“, erklärt der Arzt.

Man verspreche sich davon auch Erkenntnisse zu Übertragungswegen der Krankheit. Denn nach dem bisherigen Kenntnisstand ist eine Ansteckung von Mensch zu Mensch sehr unwahrscheinlich, die von Nutz- oder Haustier zu Mensch jedoch noch nicht bekannt. Mensch und Tier seien sogenannte Endwirte, die den Erreger zwar in sich tragen, aber üblicherweise nicht verbreiten. Wie sind die Menschen also erkrankt?

Von Mäusen über Katzen zum Menschen

Feldspitzmäuse könnten eine Rolle spielen. Sie sind mit dem Erreger infiziert, können die Viren auch ausscheiden, erkranken aber selbst nicht. Die Ausscheidungen könnten für Mensch und Tier als Infektionsquelle in Betracht kommen. Von den 56 in Bayern erkrankten Menschen hätten viele Kontakt zu Katzen gehabt, die vielleicht Mäuse mit nach Hause gebracht haben, so Beer.

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Eine Therapie gibt es bislang nicht. Martin Beer ruft deshalb Ärzte in Borna-Erkrankungsgebieten auf, Patienten mit Gehirnentzündung ohne klare Erkrankungsursache auf den Virus zu testen. Die Krankheit trat bisher am häufigsten bei Tieren in Bayern, Thüringen, Sachsen-Anhalt und angrenzenden Teilen benachbarter Bundesländer auf. 

Ob Sachsen auch dazugehört, wird in drei Jahren klar sein, sagt Dr. Grünewald. Dann sollen erste Ergebnisse der zwei Jahre andauernden Untersuchungsphase vorliegen.