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Leben und Stil

Was Seelenprügel bei Kindern anrichten kann

DIe Psychologin Anke Ballmann behauptet, dass in vielen Kitas geschrien, gedemütigt und bloßgestellt wird. Wie Eltern damit umgehen können.

Angeschrien worden?
Angeschrien worden? © 123rf.com

Psychische Gewalt in Kindertagesstätten war bisher ein Tabuthema. Mit ihrem Buch „Seelenprügel – Was Kindern in Kitas wirklich passiert“ hat die Münchner Bildungsexpertin Anke Elisabeth Ballmann in Fachkreisen eine breite Diskussion angeregt. Im Interview spricht sie darüber, wie Eltern Seelenprügel erkennen und was sie dagegen tun können.

Frau Ballmann, was sind Seelenprügel? Und was machen sie mit dem Kind?

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Unter Seelenprügel verstehe ich seelische Misshandlungen, wenn die Kinder also zum Beispiel angeschrien, gedemütigt, bloßgestellt oder isoliert werden. Auf den ersten Blick hinterlassen Seelenprügel keine erkennbaren Spuren, aber mittel- und langfristig zeigen die Kinder Verhaltensauffälligkeiten. Seelenprügel können dazu führen, dass Kinder ängstlich oder sehr angespannt sind, dass sie sich zurückziehen oder aggressiv werden und dass sie ihre Interessen verlieren. Nicht zuletzt wird auch die psychische Gesundheit im Erwachsenenalter dadurch beeinträchtigt.

Ihr Buch lässt vermuten, dass Kinder heute in jeder Einrichtung einer solchen „Behandlung“ ausgesetzt sind. Wie kommen Sie zu Ihrem Befund?

Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen. In Österreich wurde eine Bachelorarbeit zum Thema verborgene Gewalt zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern im elementarpädagogischen Bereich veröffentlicht. Das Ergebnis war, dass mehr als 50 Prozent aller Pädagoginnen gewaltvolle Handlungen in der pädagogischen Praxis beobachteten. Das bestätigen meine eigenen Erfahrungen: Ich arbeite schon seit mehr als zehn Jahren in Kitas, war in dieser Zeit in rund 500 Einrichtungen und habe dabei mit mehr als 9.000 Erwachsenen gearbeitet. Bei meinen Veranstaltungen bitte ich die Teilnehmer, sich zu melden, wenn sie noch nie psychische Gewalt ausgeübt oder beobachtet haben. Bislang hat sich noch nie jemand gemeldet. Wichtig ist mir, festzuhalten, dass der übergroße Teil der Erzieher einen guten Job macht, aber in fast jedem Team gibt es mindestens ein schwarzes Schaf, das leider noch von zu vielen Kollegen geschützt wird. Mir war es wichtig, dass das Thema nicht mehr tabuisiert wird. Mir geht es darum, dass die schwarzen Schafe nicht mehr länger so weiterarbeiten, weil sie Schaden anrichten.

Über die ostdeutschen Bundesländer heißt es, dass vergleichsweise autoritär erzogen wird. Macht es das den Seelenprüglern leichter?

Ich weiß nicht, ob in Sachsen autoritärer erzogen wird als anderswo. Wenn es wirklich so ist, dann macht es dies aber den Seelenprüglern leichter. Es gibt zwischen Kindern und Erwachsenen so etwas wie ein natürliches Machtgefälle, und wo Macht ist, da kann auch Machtmissbrauch geschehen. In dem Moment, in dem ich meine Macht missbrauche, bin ich höchstwahrscheinlich psychisch gewalttätig.

Auf der anderen Seite wird von den Eltern konsequente Erziehung gefordert. Wann sorgt das für Verletzungen der Kinderseele?

Immer dann, wenn Regeln ohne Beziehung aufgestellt werden, wenn Macht missbraucht wird. Man weiß aus Untersuchungen, dass, wenn viele Verbote und Sanktionen in Familien stattfinden, die Jugendlichen häufiger Suizidgedanken haben oder mehr Cannabis konsumieren. Die Kinder, die autoritär erzogen wurden, haben größere Schulprobleme, sie brechen öfter die Schule ab, sie haben oft gesundheitliche Probleme. Kinder, die dagegen partizipativ erzogen worden sind, also gemeinsam mit den Erwachsenen ihr Leben mitgestalten konnten, haben in der Schule bessere Noten, sind sozial kompetenter, aufmerksamer und weniger aggressiv.

Wie Eltern mit ihren Kindern zu Hause umgehen, obliegt weitgehend ihrer Verantwortung. Aber wie erkennen Eltern, dass die Kinder in einer Einrichtung Seelenprügel ausgesetzt werden?

Auch Eltern dürfen zu Hause mit ihren Kindern nicht machen, was sie wollen! Die Kinderrechte gelten auch zu Hause! Ob es in einer Einrichtung zu psychischer Gewalt kommt, ist schwer zu erkennen, weil Kinder oft nichts erzählen, weil sie zu jung sind, um sich entsprechend verständlich zu machen. Wenn sie etwas erzählen, wird ihnen oft nicht geglaubt. Eltern sollten deshalb auf ihr Verhalten achten. Wenn zu Hause alles wunderbar ist und ein Kind plötzlich nicht mehr in die Einrichtung gehen will oder oft weint, wenn es abgeholt wird, dann stimmt irgendetwas nicht. Dann müssen Eltern genauer hinschauen!

Was können sie in diesem Fall tun?

Zuerst das Gespräch mit den Erzieherinnen suchen. Aber nicht, indem sie Vorwürfe erheben. Sie sollten vielmehr erzählen, wie sich das Kind zu Hause verhält und fragen, wie es in der Einrichtung ist. Wenn man dann das Gefühl hat, dass etwas vorgefallen ist, muss man vielleicht das Gespräch mit der Leitung führen. Der nächste Schritt wäre ein Gespräch mit dem Träger.

Andererseits haben die Eltern doch durch den Mangel an Kitaplätzen schlichtweg nicht die Wahl.

Ich glaube, ganz viele denken, dass sie keine Wahl haben. Ganz oft ist das wahrscheinlich auch tatsächlich so. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Einrichtungen flächendeckend gut und sehr gut sind.

Sind die Aufsichtsgremien wie Leitungen, Elternbeiräte, Träger, Fachberatungen und die Kultusministerien nur zahnlose Papiertiger?

Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube aber, dass die Aufsichtsbehörden vieles gar nicht erfahren. Der Personalschlüssel stimmt zum Beispiel auf dem Papier immer, aber im Alltag stimmt er nicht, weil Erzieherinnen krank sind, Urlaub haben oder zur Weiterbildung sind. Ich möchte, dass sich auf individueller Ebene etwas ändert, dass einzelne Menschen darüber nachdenken, wie sie mit Kindern umgehen. Nachdenken kann ich nicht von oben verordnen, dafür braucht man eine Bereitschaft.

Nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung hat Sachsen in der Krippe deutschlandweit den schlechtesten, im Kindergarten den zweitschlechtesten Personalschlüssel. Der Kultusminister verweist auf den hohen Ausbildungsgrad des Personals. Was schützt besser vor Seelenprügel: mehr Erzieher oder besser ausgebildete Fachkräfte?

Wenn Sie das „oder“ durch ein „und“ ersetzen, sind wir nahe an der Lösung. Wir brauchen mehr gut ausgebildetes Personal. Wenn wir wenige gute Erzieherinnen haben, sind die in ein paar Jahren kaputt. Wenn wir viel schlechtes Personal haben, haben wir eine schlechte Qualität.

Was raten Sie Erziehern in puncto Kosteklecks und Mittagsschlaf?

Sie können den Kindern unbekanntes Essen anbieten, aber sie dürfen sie auf gar keinen Fall zwingen, etwas zu probieren. Ein Nein ist ein Nein, egal in welchem Alter. Es gibt Kinder, die wollen eine Zeit lang bestimmtes Essen nicht essen, die lehnen alles Neue ab. Neophobie nennt sich das. Je weniger man Kinder zwingt, desto schneller löst sich die wieder auf. Zum Thema Mittagsschlaf: Kinder haben das Recht auf Partizipation. Wenn ein Kind müde ist, dann kann es schlafen, wenn es nicht müde ist, dann muss es nicht schlafen. So einfach ist das.

Das Gespräch führte Christian Wobst.

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