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Was, Sie mit zwei Kindern?

Noch nie gab es seit 1990 so viele Arbeitslose in der Oberlausitz wie im Augenblick. Und viel besser soll die Lage nicht werden, prophezeit Bautzens Arbeitsamtsdirektor Irmscher. Bei 24 Prozent lag die Arbeitslosenquote Ende Februar im Bereich Löbau. Die Betroffenen sind frustriert. Erst recht, wenn sie mit der Beratung unzufrieden sind.

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Von Holger Gutte

Grit Boeck ist sauer. Das Wort Arbeitsamt kann die 33-Jährige schon nicht mehr hören. Uwe Krape, ihr Lebenspartner, spricht aus, was sie denkt: „Das Amt verwaltet doch nur die Arbeitslosen.“ „Ich dachte immer, beim Arbeitsamt werde ich beraten“, sagt Grit Boeck. Doch im Löbauer Arbeitsamt hat sie andere Erfahrungen gemacht. Hier fühlt sie sich als eine Nummer von vielen und auch so behandelt. Denn dass sie sich nicht um eine Arbeit oder Umschulung bemüht, kann ihr wirklich niemand vorwerfen.

Zwei Monate bevor das Erziehungsjahr für ihr zweites Kind zu Ende ging, hatte sie sich bereits beim Amt gemeldet. Sie wusste damals schon, dass sie in ihrem gelernten Beruf in der Oberlausitz keine Arbeit findet. In Riesa hat die Facharbeiterin für Elastverarbeitung im Reifenwerk Pneumant gearbeitet. Aber die Liebe hatte sie nun mal nach Ebersbach verschlagen. Mit ihrem Lebenspartner und den zwei gemeinsamen Kindern lebt sie seit 1999 in der Oberlandstadt. Hier haben sie ein Umgebindehaus restauriert. Wenn Grit Boeck jetzt noch Arbeit hätte, wäre sie so richtig glücklich. Sie will sich nicht damit abfinden, mit 33 und als Mutter in der Oberlausitz abge-schrieben zu sein.

Grit Boeck kann sich nicht an einen Besuch beim Arbeitsamt erinnern, bei dem sie das Gefühl hatte, dass man hier wirklich bemüht ist, ihr zu helfen. Das fing schon damit an, dass man in Löbau nicht wusste, wie sie als Elastverarbeiterin eingestuft werden soll. Die junge Mutter kann nicht verstehen, dass sie mehrmals um einen Termin bitten muss und keinen erhält, weil ihr Betreuer krank ist und es keine Vertretung gibt. Ein richtiges Beratungsgespräch hat Grit Boeck bis jetzt nicht kennen gelernt, sagt sie. Woher soll sie als Arbeitslose wissen, was für sie alles möglich wäre?

Physiotherapeutin oder Krankenschwester wären Berufe, die ihr Spaß machen würden. Als sie sich hierfür nach Umschulungen erkundigt, erhält sie zur Antwort: „Was, Sie mit zwei Kindern?“ Ihr Betreuer rät ihr dagegen zu einer Umschulung als Berufskraftfahrerin. Als sie hartnäckig bleibt, kann sie sich in die Liste für Krankenschwester einschreiben – als Nummer 53. Ihre arbeitslose Freundin macht es ihr einen Tag später nach. Dann schon als 63. Doch nur etwa 15 werden diese Chance für eine Neuanfang im Berufsleben erhalten.

Warum war das nicht im Herbst möglich, ärgert sich Grit Boeck. Seit Juni 2002 ist sie arbeitslos. Sie hat das Gefühl, dass sie ihrem Betreuer alle Informationen aus der Nase ziehen muss. Dass es im Löbauer Arbeitsamt anders geht, weiß sie von ihrer Freundin. Die konnte sich für zwei Umschulungen gleichzeitig bewerben. Grit Broecks Berater verschwieg diese Möglichkeit.

Angesichts der Erwerbslosen will Deutschlands neuer Arbeitsamtschef die Arbeit in seinen Ämtern reformieren. Auch die Pressesprecherin des Bautzener Arbeitsamtes, Mathilde Goldschmidt, würde ein leistungsorientiertes Gehalt oder etwa eine Prämie auf die Anzahl der vermittelten Arbeitslosen bei den Beschäftigten im Amt gut finden. Aber so eine Reform ist nicht in Sicht. „Da müssten ja die Tarifverträge geändert werden.“ Schon Realität ist dagegen etwas anderes. Seit Januar gibt es Bezugsscheine für Arbeitslose. Die erhält, wer nach Ansicht des Beraters die Voraussetzungen für eine bestimmte Umschulung mitbringt. So soll erreicht werden, dass nur noch umgeschult wird, wo eine reale Chance auf einen Arbeitsplatz besteht. Die Folge: Es gibt weniger Umschulungen.

Die Pressesprecherin des Arbeitsamtes kann sich nicht so richtig vorstellen, dass ihr Kollege in Löbau Grit Boeck schlecht berät. Es wird wohl eher die Flexibilität und Mobilität der Frau das Problem sein, vermutet sie.

Für die Ausbildung zur Physiotherapeutin muss sie ein paar Wochen außerhalb des Amtsbereiches auf Lehrgang gehen. Bei zwei kleinen Kindern ist das schwer zu organisieren, wenn keine Oma in der Nähe wohnt und auch der Lebenspartner arbeitet.

Was kann das Arbeitsamt also einer 33-jährigen Frau an Umschulung bieten, die bereit ist, täglich bis Bautzen, Görlitz, Zittau oder Löbau zu pendeln?