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Großenhain

Ein Stoffbeutel für König Kurt

Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach sorgt mit einem Geschenk für Sachsens ersten Ministerpräsidenten für Aufsehen.

Unter dem ungeduldigen Blick von Ehefrau Ingrid: Großenhains Oberbürgermeister Dr. Sven Mißbach (hinten rechts) nutzte die Gelegenheit und gratulierte dem 90-jährigen Kurt Biedenkopf auf der Straße.
Unter dem ungeduldigen Blick von Ehefrau Ingrid: Großenhains Oberbürgermeister Dr. Sven Mißbach (hinten rechts) nutzte die Gelegenheit und gratulierte dem 90-jährigen Kurt Biedenkopf auf der Straße. © Holm Helis

Großenhain/Dresden. Mit diesem Foto hat er ein Plätzchen in den sächsischen Annalen sicher. Denn während sich am Dienstagvormittag  tausende Menschen auf den Weg zur riesigen Geburtstagsfeier für Sachsens ersten Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf machen, ist er ihm bereits vor dem Dresdner Albertinum ganz nah. Jenem Ort, zu welchem die Polit-Prominenz um Kanzlerin Angela Merkel, die Alt-Bundespräsidenten Horst Köhler und Christian Wulff sowie Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth nämlich nach der Festveranstaltung in der Frauenkirche zum Empfang geleitet werden. 

Ein würdiger Rahmen, den auch der Röderstädter schnell zu Fuß erreichen will. Hastig läuft er deshalb über das Kopfsteinpflaster, bis plötzlich neben ihm ein Auto hält. Es ist der Moment, in dem der Großenhainer fischelant seine Chance ergreifen kann. Ein glücklicher Zufall, der in der Morgenpost am nächsten Tag fotografisch festgehalten werden wird mit der Bildzeile, der Jubilar habe ein Geschenk von einem Bürger überreicht bekommen.

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Und tatsächlich: Ein strahlender Kurt Biedenkopf zeigt so gar keine Berührungsängste und schaut mit scheinbarem Interesse auf den grünen Stoffbeutel, welchen ihm der vermeintliche Passant da überreichen möchte. Zum Rätselraten, was wohl darin sein mag,  bleibt ihm indes nicht viel Zeit. 

Die Gesellschaft, in deren Tross sich unter anderem auch Ministerpräsident Michael Kretschmer sowie zahlreiche Vertreter aus Kunst, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft befinden, hat es eilig.  Pünktlich sollen schließlich im Kreise enger Weggefährten Häppchen, Sekt und Kuchen gereicht werden und Gratulanten ihrem "König Kurt" die Aufwartung machen können. Da ist Eile und die Einhaltung des Protokolls verständlicherweise geboten – die Hauptperson darf erst recht nicht fehlen. 

Ein Reglement, um das der spontane Schenker natürlich weiß. Immerhin handelt es sich bei dem Mann in schwarzer Wolljacke und mit grünem Stoffbeutel nicht um irgend einen Fan des 90-jährigen Politikers. Nein, der vermeintliche Bürger ist Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach. Der parteilose Verwaltungschef zählte zum Kreis der geladenen Gäste wie beispielsweise auch seine Amtskollegen aus Ebersbach oder Gröditz und Meißens Landrat Arndt Steinbach. 

"Ich hatte mich am Morgen kurzfristig dafür entschieden, den Bildband von Großenhain und eine Glückwunschkarte mitzunehmen. Da ich aufgrund von aktuellen Terminen etwas knapp losgefahren bin, habe ich beides fix in den Stoffbeutel mit Großenhain-Schriftzug gepackt und bin losgedüst", erzählt Sven Mißbach lachend. 

In die Kirche sei er deshalb gewissermaßen auf den letzten Drücker geflitzt und wäre nur noch auf der Empore zum Sitzen gekommen. Entsprechend Zeit in Anspruch genommen habe das Laufen nach draußen – was angesichts des haltenden Wagens jedoch sein Gutes hatte. "Ich selbst habe ihn vorher noch nie persönlich gesprochen, aber ich wusste, dass er früher oft in Großenhain zu Gast gewesen ist. Eingedenk seiner unbestrittenen Verdienste für Sachsen war es mir ein Bedürfnis, die Gelegenheit zu nutzen", bekennt Sven Mißbach.

Der Rest ist schon fast erzählt. Kurt Biedenkopf strahlt und reagiert mit einem anerkennenden "Oh, Großenhain, das ist ja toll!". Um sich dann freundlich ins Albertinum zu verabschieden.  "Ingrid Biedenkopf, die bekanntermaßen die Fäden zieht, hat sich umgedreht und ihr Blick verriet, wir müssen los!" Manche Dinge ändern sich eben nie – wie im wahren Leben.   

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