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Was taugen Kinderkontroll-Apps?

Um ausufernde Nutzung von Handy und Tablet gibt es oft Streit. Wie Eltern die Übersicht behalten, ohne zu bevormunden.

Heimlich im Bett noch mal digital unterwegs. Da hilft nur noch eine digitale Sperre.
Heimlich im Bett noch mal digital unterwegs. Da hilft nur noch eine digitale Sperre. © 123rf

Ein Viertel aller Eltern findet, dass ihr Kind zu viel Zeit mit dem Smartphone oder Tablet verbringt. Die Coronakrise hat das Problem noch verschärft. Da hilft nur noch eine digitale Sperre. Doch damit entstehen aus Sicht von Kinderschützern andere Probleme.

Was genau macht eine Kindersicherungs-App?

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Unter dem Begriff „Kindersicherung“ verstehe jeder etwas anderes, sagt Jonas Lochmann, App-Entwickler aus Halle. „Die einen meinen ein Werkzeug zur Zeitbegrenzung, andere einen Internetfilter oder die Möglichkeit, nur noch eine begrenzte Menge von kindgerechten Inhalten verfügbar zu machen.“ Wieder andere suchten eine Sperre, die verhindert, dass das Kind Unsinn anstellt, wenn ihm das elterliche Gerät leihweise überlassen wird. Lochmann selbst beschränkte sich auf das Thema Zeitbegrenzung, als er vor einigen Jahren eine App für Google Android programmierte. Das Ziel sei klar definiert gewesen: „Ich wollte meinen kleinen Bruder dazu bringen, weniger Zeit vor dem Smartphone zu verbringen.“ Die fertige App namens JoLo Kindersicherung ist seit 2015 im Google Play Store abrufbar. Anfang 2019 hat Lochmann eine Nachfolger-App namens TimeLimit.io veröffentlicht, die mehr Funktionen hat. Zu den bekannteren Apps in dieser Sparte zählen außerdem ScreenTime Kids, Kids Zone, die Salfeld Kindersicherung oder Google Family Link.

Wie finde ich die passende App für meine Zwecke?

Die Auswahl an guten Apps sei überschaubar, sagt Miriam Ruhenstroth, Projektleiterin der Onlineplattform mobilsicher.de. Beim bislang letzten Test einschlägiger Software haben demnach die JoLo Kindersicherung und KidsZone am besten abgeschnitten. Allerdings, so schränkt Ruhenstroth ein, hätten dabei weniger der Funktionsumfang und die optimale Bedienbarkeit im Fokus gestanden, sondern vielmehr der Datenschutz und die Wahrung der Privatsphäre. JoLo punktete mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sowie bewusstem Verzicht auf Tracking und detailliertes Monitoring. Mit anderen Worten: Eltern nutzen mit dieser App nicht alle Möglichkeiten der Überwachung, die technisch möglich wären. 

Größer angelegte Überprüfungen von Kindersicherungs-Apps, etwa von der Stiftung Warentest, hat es bislang nicht gegeben. Liest man App-Rezensionen im Google Play Store und im App Store von Apple, finden sich überwiegend sehr positive und sehr negative Urteile. Das liegt in der Natur der Sache: Volle Punktzahl geben meist Eltern, die sich freuen, den Smartphone-Dauerkonsum ihrer Kinder gestoppt zu haben, für die vernichtenden Urteile ist oft der gemaßregelte Nachwuchs verantwortlich. Manchmal stammen die schlechten Noten aber auch von Erwachsenen, die feststellen mussten, dass ihre Zöglinge die Sperre heimlich umgehen konnten.

Wo finde ich Hinweise zu Schwachstellen einer App?

Googelt man den Namen der betreffenden App und kombiniert ihn mit Begriffen wie „Hack“ oder „Workaround“, sind die gewünschten Infos nur wenige Klicks entfernt. Selbst bei „Bildschirmzeit“, der ins Betriebssystem iOS integrierten Kindersicherung von Apple, gebe es solche Lücken, sagt Miriam Ruthenstroth. Beliebt ist beispielsweise das Umgehen der gesperrten Youtube-App: Es genügt, sich die Links zu den gewünschten Videos per Kurznachrichtendienst iMessage zu schicken oder schicken zu lassen. Denn aus der Messenger-App heraus, lässt sich das Video trotz App-Sperre starten. Auf der Internetseite „Protect Young Eyes“ findet sich ein Dutzend dieser Tricks. Seitenbetreiber Chris McKenna gibt Eltern aber auch Tipps, wie sich derlei Lücken schließen lassen. 

Das Ganze sei ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel, bestätigt Jonas Lochmann. Ähnlich sieht es auch Miriam Ruthenstroth: „Einen Weg, Sperren oder Limits zu umgehen, wird es immer geben.“ Ihr Rat ist daher, mit dem Kind über die Notwendigkeit der Beschränkungen zu reden. „Eine App kann nur der Begleiter für vorher gemachte Absprachen sein. Wenn man das versäumt, wird es auch nicht klappen.“ Um Regeln zu fixieren, bietet sich ein Mediennutzungsvertrag zwischen Eltern und Kind an, wie ihn etwa die EU-Initiative Klicksafe unter www.mediennutzungsvertrag.de bereitstellt.

Ab wann übertreibe ich es mit der Kontrolle?

Manche Kindersicherungs-App gleicht einer prall gefüllten Werkzeugkiste. Wer will, kann deutlich mehr machen als Nutzungszeiten zu limitieren, Apps zu sperren und Inhalte zu filtern. „Beispielsweise ist es möglich, bei WhatsApp oder anderen Messengern alles mitzulesen“, sagt Miriam Ruhenstroth. So etwas sei jedoch übergriffig gegenüber dem Kind. Gleiches gelte für die permanente Ortung. Noch schlimmer ist Fernüberwachungssoftware, die sich auf dem Zielgerät verstecken lässt. Solche Apps seien „unredlich“ und zielten eher auf Nutzer, die ihre Partner oder Mitarbeiter heimlich ausspähen wollen. Software à la M-Spy oder Flexi-Spy sei keine Option für verantwortungsbewusste Eltern. Auch gängige Sicherheitspakete wie Security Total von Kaspersky sieht die Verbraucherschützerin skeptisch. „Da sind Apps dabei, die alle möglichen Berechtigungen auf dem Gerät fordern.“ Die Expertin empfiehlt stattdessen singuläre Lösungen, die nur begrenzten Einblick in die Nutzungsgewohnheiten des Kindes geben und die meisten Daten lokal speichern. Sobald Eltern die Daten vom Kindergerät auch auf ihrem eigenen Smartphone oder auf einer Webseite sehen können, sei davon auszugehen, dass diese Daten zuvor auf dem Server des App-Anbieters gelandet sind, so Ruthenstroth.

Was kosten Kinderüberwachungs-Apps?

Es gibt unterschiedliche Bezahlmodelle. Häufig muss für Kindersicherungs-Apps ein Abo abgeschlossen werden. JoLo zum Beispiel kostet in der Basisversion 1,99 Euro pro Jahr, mit Funktionspaket knapp fünf Euro. Bei TimeLimit.io sind es zehn Euro pro Jahr oder ein Euro pro Monat. Die Betreiber von Screen Time Kids bieten eine siebentägige Gratisversion an und nehmen danach 6,49 Euro pro Monat. Mit der Premiumvariante können pro Konto bis zu fünf Geräte verwaltet werden. Bei der Salfeld Kindersicherung kostet eine 24-Monats-Lizenz für ein Gerät 29,95 Euro, für drei Geräte 49,95 Euro. Von dauerhaft kostenlosen Apps rät Ruthenstroth ab: Hier bezahlten Nutzer mit vielen sensiblen Daten.

So finden Sie gute Apps für Kinder:

  • Das Deutsche Jugendinstitut pflegt eine Datenbank von Kinder-Apps, die nach Zielgruppe (z.B. Kindergartenkinder), Genre (z.B. Bilderbuch-Apps) und Themen (z.B. Märchen) durchsucht werden kann.

  • Ein Angebot des Portals www.jugendschutz.net für Eltern, Kinder und Multiplikatoren listet ebenfalls gute Apps auf. Ergänzt werden diese durch Tipps der Stiftung Lesen zu guten Kinderbuch-Apps.

  • Spielbar.de ist eine Computerspiele-Plattform, die von der Bundeszentrale für politische Bildung betrieben wird. Die Seite soll Eltern und Pädagogen helfen, einen besseren Zugang zur Welt von Fortnite, Minecraft & Co. zu finden. Ein Glossar erklärt Fachbegriffe.

  • Der Spieleratgeber NRW ist eine pädagogische Infoplattform zu Apps, Computer- und Konsolenspielen.

    Quelle: Verbraucherzentrale Sachsen

Familienkompass 2020:

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  • Hintergrund: Der Familienkompass ist eine sachsenweite Umfrage zur Kinder- und Familienfreundlichkeit. Das gemeinsame Projekt der SZ, der Freien Presse und der Leipziger Volkszeitung in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Dresden endet zum Beginn der Sommerferien.

  • Wo? SZ-Leser finden den Fragebogen unter www.sächsische.de/familienkompass.

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