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Was tun, wenn nicht mal Peter Schreier zieht?

Die Großenhainer Kulturausflüge finden kaum Publikum. Jetzt geht es um die Existenz der Reihe.

Von Susanne Plecher

Die Ernüchterung der Veranstalter war groß, noch bevor es überhaupt losging. Nicht einmal 30 Gäste hatten am Sonnabend den Weg ins BSZ gefunden. Dort präsentierten Kammersänger Peter Schreier und Pianist Camillo Radicke einen feinsinnig-sensiblen Mendelssohn-Bartholdy-Abend. Gerade mal ein Fünftel der Karten war verkauft. Kälter kann einem das Desinteresse kaum entgegenschlagen.

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Ein Desaster. „Es liegt kein guter Stern auf der Reihe“, sagt Robert Reiß konsterniert. Er ist der Vorsitzende des Fördervereins der Musikschule und Erfinder der Großenhainer Kulturausflüge. 2012 hatte er die Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, um Geld einzuspielen für die Aufgabe des Fördervereins: Musikschüler und die Schule selbst zu unterstützen. Schon die ersten drei Veranstaltungen waren eher schlecht als recht gelaufen. 2013 holte sich Reiß Dieter Lösche vom Lions Club ins Boot und plante mit ihm die nächsten drei Kulturausflüge. Lösche war lange in leitender Position an der Dresdner Semperoper und bringt entsprechende Kontakte mit. Einen weltbekannten Sänger und Dirigenten wie Peter Schreier nach Großenhain zu holen, wäre dem Förderverein ohne Lösche wohl nicht geglückt. Entsprechend begeistert zeigte sich Reiß in seiner Einführungsrede, sprach von einer „Sternstunde des Fördervereins“, in der solch hochkarätige Musiker auftreten. Eine Sternstunde, an der nur leider nicht sehr viele Gäste teilhatten.

Denjenigen, die gekommen waren, bot der gemeinsame Auftritt des Kammersängers und des Pianisten von Weltruf jedoch hohen Kunstgenuss. Schreier, der seine internationale Gesangskarriere 2005 beendet hatte, las aus Briefen vor, die die Musikergeschwister Felix und Fanny Mendelssohn-Bartholdy einander in 25 Jahren geschrieben hatten. In amüsantem, gelegentlich lästerndem Tonfall haben sich die beiden darin über Fragen des Komponierens, über gesellschaftliche und familiäre Belange ausgetauscht. Camillo Radicke spielte dazu „Lieder ohne Worte“, die Mendelssohn komponiert hatte. „Und zwar, weil die Musik beim Hörer Gefühle erzeugen kann, die er den Worten nicht zutraute“, wie Peter Schreier erklärte.

BSZ-Leiter Bernd Kniese hatte extra den Flügel stimmen lassen. „Für mich war es unwahrscheinlich ergreifend, Peter Schreier noch einmal zu sehen“, sagt Rosemarie Zschoche. Schreier hat sie mit seiner Musik ein Leben lang begleitet. Sie war schon extra zu Konzerten nach Dresden gereist, als er noch im Kreuzchor sang, und hat dabei sogar seinen ersten Soloauftritt miterlebt.

Später hörte sie sich häufig die Matthäus-Passion und das Weihnachtsoratorium an. „Damals hat man keine Karten bekommen. Die Veranstaltungen waren schon ein halbes Jahr vorher ausverkauft“, erinnert sie sich. In der BSZ-Aula war am Sonnabend hingegen nur jeder fünfte Stuhl besetzt. Robert Reiß stellt nun die Fragen, auf die dringend eine Antwort gefunden werden muss. Bei aller Enttäuschung bleibt er sachlich. Wo waren die Mitglieder des Fördervereins? Von 28 Leuten war bis auf den Vorstand keiner da. Erschöpft sich eine Mitgliedschaft im Verständnis der meisten Menschen heutzutage im Bezahlen des jährlichen Beitrages?

Wenn ja, wie ist damit umzugehen? Wo waren die Lehrer und Schüler der Musikschule? Deren Leiterin Annekathrin Gerbeth ist die Einzige, die anwesend war. Sie stellt sich verteidigend vor ihre Lehrer: Die meisten leben in Dresden, Radebeul, Meißen. Da fährt abends keiner nach Großenhain. „Das lasse ich nicht gelten“, meint Reiß. Er fragt nach, warum keiner der Lehrer, für deren Einrichtung der Förderverein sich schließlich starkmache, selbst in den Förderverein eintrete. „Da läuft doch etwas falsch“, schätzt er ein. Am wichtigsten ist jedoch die Frage, warum die Großenhainer selbst nicht zur Veranstaltung gekommen sind. Geht das Angebot an ihrem Interesse komplett vorbei? Oder hätten sich mehr Leute eingefunden, wenn sie es nur gewusst hätten? Schließlich sind die Plakate und Flyer erst letzte Woche verteilt worden, hat der Kartenvorverkauf erst sechs Tage vor dem Klavierabend begonnen. Natürlich ist das viel zu spät gewesen, da sind sich Dieter Lösche und Robert Reiß einig.