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Was TV-Legende Oertel mit einem Kasten Radeberger machte

Vor 50 Jahren wurde in Radeberg die Sendung „Schlager einer kleinen Stadt“ gedreht. Die SZ erzählt Geschichten dazu.

© Repro: SZ

Von Jens Fritzsche

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Was jeder noch vor dem Beginn des Herbstes sehen sollte.

An die Dreharbeiten in der Radeberger Brauerei kann er sich noch ganz genau erinnern. Und auch daran, dass er am Ende einen Kasten Radeberger Pilsner im Kofferraum seines Autos mit nach Berlin nehmen konnte. „Dabei trinke ich gar kein Bier“, sagt TV-Legende Heinz-Florian Oertel – und so verteilte er das gefragte Pilsner aus Radeberg damals in seinem Freundeskreis.

Damals, das war der Herbst 1964. Damals war das Fernsehteam um Oertel in Radeberg, um hier die erste Folge der neuen Fernseh-Reihe „Schlager einer kleinen Stadt“ zu drehen. Und damals ein echter Renner, freut sich Heinz-Florian Oertel noch heute. Durchaus namhafte Schlagerstars waren in der jeweiligen Stadt zu Gast – und zwischen den Liedern besuchte Oertel dann interessante Betriebe der Stadt oder stellte spannende Persönlichkeiten vor. „Diese interessanten Geschichten, das machte den Reiz dieser Reihe aus“, verrät der heute 87-jährige Oertel. Die Idee solcher Sendereihen, sagt er, war ihm dabei Ende der 1950er Jahre gekommen. Begonnen hatte dabei alles mit einer Radio-Sendung namens „Schlager in der Schönhauser Allee“. Schlager und lustige Geschichten aus Berlin, lautete das Motto dieser Sendung. Daraus wurde wenig später dann eine Fernseh-Reihe unter dem Titel „Schlager aus Berlin“. Und weil das beim Publikum ankam, „reiste ich dann durch die Hauptstädte der damaligen Bruderländer der DDR, Warschau, Moskau oder auch Bukarest“, erinnert sich Heinz-Florian Oertel. Die Reihe hieß dann „Schlager einer großen Stadt“. Und weil die großen Städte irgendwann mal „alle“ waren – „kam mir die Idee mit den Schlagern einer kleinen Stadt“, denkt die TV-Legende Oertel zurück. Wer allerdings auf die Idee gekommen war, die neue Sendereihe mit Radeberg zu beginnen, „das weiß ich leider nicht mehr – ist ja auch nun schon 50 Jahre her …“

Aber an die Tage in Radeberg kann sich der noch heute in Berlin lebende Heinz-Florian Oertel durchaus noch genau erinnern. „Es waren wirklich sehr angenehme Drehtage in Radeberg – die Leute dort waren sehr freundlich; und natürlich musste ich auch viel über das Thema Sport erzählen“, weiß er noch. Oertel war damals bekanntlich einer der beliebtesten und vor allem professionellsten Sport-Kommentatoren des DDR-Fernsehens. Einer, der sich für die Sportler interessierte, der jede Geschichte, die er über einen Sportler zu berichten wusste, auch wirklich noch selbst im persönlichen Gespräch recherchiert hatte. „Damals gab es ja auch noch kein Internet, man konnte also nicht einfach nur googlen – und sozusagen mit fremdem Wissen prahlen“, ärgert er sich hörbar über heutige Kommentatoren. So kam es aber jedenfalls, dass Oertel die meisten Großen der Sportwelt persönlich kannte, bei einigen sogar auch mal nach Hause eingeladen wurde. Von all dem musste – und muss er bis heute – immer wieder erzählen. Auch heute noch ist Heinz-Florian Oertel ja regelmäßig mit Lesungen unterwegs. Im Verlag „Neues Berlin“ sind 2007 und 2009 seine jüngsten Werke „Gott sei Dank – Schluss mit der Schwatzgesellschaft“ und „Pfui Teufel – über Verdrängtes und Vergessenes“ erschienen.

Aber nicht nur Heinz-Florian Oertel hat noch heute beste Erinnerungen an Radeberg. Auch die von ihm interviewten Radeberger schwärmen noch heute begeistert von den Drehtagen. „Herr Oertel war sehr offen, lustig – da war nichts vom Zettel abgelesen oder am Ende vorgegeben, was wir zu sagen hatten“, erinnert sich zum Beispiel Siegfried Barth.

Der Radeberger war damals – im Herbst 1964 – als Labor-Leiter für die Entwicklung von Fernsehgeräten im Radeberger Rafena-Werk verantwortlich. Und deshalb musste er ran, als das DDR-Fernsehen in Radeberg die mittlerweile fast schon legendäre Radeberg-Folge der „Schlager einer kleinen Stadt“ drehte. Und so hatte Oertel dann Siegfried Barth auch danach gefragt, wie er sich Fernsehtechnik zum Beispiel im Jahr 1999 vorstellt. „In jedem Fall Farbfernsehen, vielleicht auch dreidimensionales Fernsehen“, hatte der Radeberger geantwortet. „Das war ja aber keine große Überraschung, daran hatten wir damals ja bereits gearbeitet“, sagt der Radeberger 50 Jahre später.

Und verrät dann, dass auch er sich damals mit Oertel übers Thema Sport unterhalten hatte. „Über Dynamo Dresden nämlich, aber das haben sie dann nicht gesendet“, sagt Siegfried Barth lachend. 1999 werde, hatte der Radeberger nämlich damals erklärt, Dynamo DDR-Fußballmeister sein. „Das war ja den DDR-Oberen nicht so genehm – aber vielleicht passte es auch bloß nicht in die Sendung…“ Eine Episode, über die auch Heinz-Florian Oertel heute schmunzelt: „Das mit Dynamo Dresden und dem Berliner Fußball war keine so einfache Sache damals – aber in diesem Fall passte es wahrscheinlich auch nicht wirklich in die Sendung …“

Mit dieser Folge endet unsere kleine Serie rund um die vor 50 Jahren in Radeberg gedrehte Folge „Schlager einer kleinen Stadt“.

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