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Was überlebte, kam in den Kochtopf

Am 13. Februar wurde auch der Dresdner Zoo zerstört – im Inferno starben Hunderte von Tieren

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Von Monika Dänhardt

Träge betrachtet die Löwin den Besucher hinter der Glasscheibe. Die Giraffen in ihrem schicken Haus rupfen ein paar Blätter von den aufgesteckten Ästen, und bei den Orang-Utans sorgt der gerade zwei Jahre alt gewordene Duran für Action. Hell und freundlich scheint die Wintersonne auf den Dresdner Zoo an diesem schönen Februartag im Jahre 2012.

Die Sonne schien auch, als Georg Prothmann 1945 das Gelände am Großen Garten an der Lennéstraße besuchte, um dann in der Volkszeitung vom 25. September davon zu berichten. Winfried Gensch, heute ehrenamtlicher Archivar des Dresdner Zoos, bis zur Pensionierung Oberassistent, hat Material über das traurigste Kapitel des Dresdner Zoos zusammengetragen, dabei den Artikel von Georg Prothmann entdeckt. Was darin beschrieben wird, lässt erahnen, welchem Inferno Tier und Mensch im Dresdner Zoo in der Nacht vom 13.zum 14. Februar 1945 unrettbar ausgesetzt waren: „Auf dem Konzertplatz neben dem völlig ausgebrannten Hauptgebäude roden Frauen abgestorbene Plantanen aus... Und überall jene Baumfragmente, denen die obere Stammhälfte wie von einem mutwilligen Titanen abgedreht wurden. Aufgewühlt ist der Erdboden ringsumher. Die Mauer des Lamageheges, in welchem zwei einsame Kamele als der wertvollste Teil des verbliebenen, einstmals mehr als 2000 Stück zählenden Tierbesitzes regungslos beieinander stehen … ist schwer lädiert.“

Raubkatzen erschossen

Der Autor glaubt kaum daran, dass der Dresdner Zoo je wieder bestehen wird: „Wenn man vom Tigerfelsen aus das Ganze überblickt, dann schüttelt man wohl den Kopf: Aufbauen? Nein! Schluss!“

Ähnlich liest sich eine Art Protokoll, welches wahrscheinlich der Elefantenpfleger Alfred Galle über den 13. und 14. Februar 1945 geführt hat:: „Nilpferde Volltreffer, alle 3 tot. Lunge geplatzt. Wurden auf Scheiterhaufen verbrannt. Raubtierhaus stand unverletzt, Brandphosphor-Kanister tropften auf Holzbohlen, konnten gelöscht werden. Löwen saßen in Ecke und schauten nach oben. Wurden am 14. Februar vormittags auf Befehl Rathaus erschossen. Raubkatzen Bürgerwiese vergraben, Bären hinter Vogelwiesengelände.“

Es blieb ein Dutzend

Schon der Erste Weltkrieg hatte den Dresdner Zoo einige Tiere gekostet. Obwohl die Gebäude und Gehege unversehrt blieben, starben Tiere durch zu wenig oder falsches Futter. So gab es keinen Fisch für die Seelöwen, kein Spezialfutter für die Antilopen. Auch die professionelle Pflege der Tiere war in den Kriegsjahren 1914 bis 1918 nicht möglich, da viele Pfleger an die Front berufen worden waren. Es gibt wenige Unterlagen über die Tierbestände vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Davor soll es etwa 2300 Tiere gegeben haben, 1915 nur noch etwas über 1500.

Vor dem Zweiten Weltkrieg konnten im Dresdner Zoo dann schon wieder fast 3500 Tiere beschaut werden, die 450 Tierarten repräsentierten. Davon gingen gleich zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wieder aus Futterproblemen Tiere ein. So starb beispielsweise ein Elefant an Kuhdiphtherie, die durch unkontrollierte Rüben aus Mecklenburg eingeschleppt worden war. Trotzdem, so ist aus den Unterlagen zu erkennen, überstand der Dresdner Zoo die Jahre bis 1945 relativ gut. Bis zum schicksalhaften 13. Februar wurde er von den Dresdnern besucht. Beim Betrachten der Tiere konnten sie den Kriegsalltag etwas vergessen.

Archivar Winfrid Gensch fand einen Brief vom Februar 1945 an den Leipziger Zoo, in dem für überlebende Tiere – etwa 120 – um Asyl gebeten wurde. Einige Hirscharten, Vögel, Kängurus, Affen gab es da noch. Aus Transportgründen konnten die meisten aber nicht nach Leipzig gebracht werden. Außerdem gab Gauleiter Mutschmann noch im März 1945 den Befehl zur Fortführung des Betriebes. Er war kaum umsetzbar, denn für die Tiere gab es weder artgerechte Anlagen noch Futter.

Bettelnde Tiere

Im Zoo verbliebene Mitarbeiter berichteten davon, wie Hirsche, Affen, Vögel vor Hunger alle Scheu überwanden und die Nähe der Menschen suchten, um Futter zu erbetteln. Doch die Menschen hatten selbst nichts.

Das Ansinnen, den Zoo wiederzueröffnen, machte schließlich der Angriff am 17. April endgültig zunichte. Jetzt beherrschten nur noch Trümmer das Gelände. Weitere Tiere waren umgekommen. Die Pfleger konnten jetzt nur noch etwa ein Dutzend Tiere „einsammeln“: Rhesusaffen, ein Kamel, ein Pony, ein Stachelschwein und eine Schildkröte.

Zwischen Februar und Ende des Zweiten Weltkrieges lauerter noch eine Gefahr auf die Tiere. Aus Hunger machten erst Dresdner, später Soldaten Jagd auf sie. Winfried Gensch erfuhr von zwei Geschichten. Den Angriff am 13. Februar hatte auch eine Giraffe überlebt. Doch man konnte sie weder unterbringen noch versorgen. Deshalb wurde sie vom Rathaus zur Erschießung freigegeben, ihr Fleisch in Portionen von 200 Gramm an die Bevölkerung verteilt.

Von den Dresdner Bären hatte ein kleiner Jungbär unter seiner toten Mutter überlebt. Er wurde gefunden und von den Tierpflegern einer Hündin zur Aufzucht gegeben. Der Bär soll sich prächtig entwickelt haben. Doch auch er wurde Opfer der Hungersnot. Nach Kriegsende entdeckten ihn russische Soldaten …

Flamingos als Reparation

Einen Verlust ganz anderer Art musste der Zoo Ende 1945 noch hinnehmen. Einige Dresdner Tiere hatten in Leipzig Asyl gefunden, wo der Zoo im Krieg wenig zerstört worden war. Doch Leipzig durfte seinen Tierbestand nicht vollständig behalten – auch Tiere wurden zur Reparation, also zur Wiedergutmachung, herangezogen. In den Transportwaggons, die aus Leipzig nach Russland gingen, befanden sich auch Flamingos aus Dresden.

Trotz der Not war noch im Jahr 1945 der Beschluss gefasst worden, das Areal wiederzubeleben. Am 9. Juni 1946 öffnete der Dresdner Zoo wieder. Der Bereich um das damalige Elefantenhaus war provisorisch für den überschaubaren Tierbestand hergerichtet worden. Attraktion der Eröffnung war damals die Löwin Dresda, ein Geschenk des Leipziger Zoos. Im vergangenen Jahr konnte der Dresdner Zoo sein 150-jähriges Jubiläum feiern.