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Was vom Goldzug-Traum geblieben ist

2015 sorgte die Geschichte von einem Nazischatz unter Walbrzych für Rieseninteresse – kein Ruhm von Dauer.

In einem Bunker unter Jelenia Góra wurde ein Zug voller Goldbarren als Spaß für Touristen aufgestellt.
In einem Bunker unter Jelenia Góra wurde ein Zug voller Goldbarren als Spaß für Touristen aufgestellt. © SZ-Archiv / Wolfgang Wittchen

Eine halbe Milliarde Zloty an kostenloser Werbung – das hat die Aufregung rund um einen „Goldzug“ der polnischen Stadt Walbrzych (Waldenburg) beschert. Das zumindest behauptet der Journalist Jacek Zych, Chefredakteur des Internetportals Dziennik walbrzych.pl. Die Zeitschrift „Angora“ hat kürzlich mit ihm gesprochen und das Thema noch einmal aufgerollt, das 2015 im Nachbarland hochkochte.

Und das weltweit für Schlagzeilen sorgte. Der Deutsche Andreas Richter, wegen Heirat nach Polen gezogen, und der polnische Bauunternehmer Piotr Koper versetzten 2015 die Region in Aufruhr. Sie hatten die Erzählung des ehemaligen Bergmanns Tadeusz Slowikowski aufgegriffen. Danach habe ein Zug zwischen Dezember 1944 und Januar 1945 die Stadt Breslau verlassen. Er sei beladen gewesen mit Kostbarkeiten und Kunstwerken – wohl von den Nationalsozialisten geraubte Schätze. Sie hätten die Fracht vor der heranrückenden Roten Armee in Sicherheit bringen wollen.

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Da unter Waldenburg und dem Eulengebirge ein Tunnelsystem im Entstehen war, der „Komplex Riese“, könnte der Zug dort versteckt worden sein. Piotr Koper, gebürtig aus Bielsko-Biala in Schlesien, Technologe für Holz und Bauwesen, hörte davon. Er begann zu recherchieren, so erzählt er dem Magazin „Angora“. Fand angebliche Zeitzeugen. Die gaben an, „sie hätten den Tunnel gesehen, und der Zug soll auf der Station Freiburg (heute Swiebodzice bei Walbrzych) gestanden haben“, so Koper. Es soll ein Stabs- oder ein Panzerzug gewesen sein. Er sei irgendwohin verschwunden.

Selbst ernannte Experten fanden sich ein

Von einem „Goldzug“ habe er nie gesprochen. Den Begriff hätten die Medien erfunden, so Koper. 120 Redaktionen, Rundfunk- und Fernsehsender seien in die Region gekommen. Darunter waren die britische BBC, ein indischer und japanischer TV-Kanal sowie der arabische Nachrichtensender Al Dschasira. Selbst ernannte Experten fanden sich ein. Und dazu jede Menge Touristen. Die hatte zuvor besonders das mittlerweile aufwendig sanierte Schloss Fürstenstein angelockt. Dies sei heute nicht anders, oder wieder so.

Dies jedenfalls meint Anna Żabska, Leiterin der Schlossverwaltung. Auf dem Höhepunkt der Goldzug-Begeisterung war die heute 40-jährige Chefin des Bergbaumuseums „Stara Kopalnia“. Der Sächsischen Zeitung sagte sie damals im Interview, egal wie die Suche ausgehe, Walbrzych habe seinen Goldzug schon gefunden. Sie meinte damit den immensen kostenlosen Rummel, die Aufmerksamkeit für die Stadt. „Das hätten wir nie bezahlen können“, so Anna Żabska. Doch man habe diese Chance nicht genutzt, kritisiert Journalist Jacek Zych.

Die Verwaltung sei nie wirklich interessiert gewesen. Die Schatzsucher hätten kein Wohlwollen erfahren. „Es fehlte Enthusiasmus. Schade. Die Stadt hätte bei minimalen Ausgaben viel gewinnen können“, so Zych. Inzwischen ist der Zug fast vergessen. Denn gefunden wurde er bis heute nicht. Der Deutsche Andreas Richter ist aus dem Projekt ausgestiegen. Piotr Koper fehlen Geld und Genehmigungen, um wirklich weitermachen zu können.

T-Shirts mit dem Layout des Zuges angefertigt

Die Journalisten sind nur noch gelegentlich da, vor allem um über Schloss-Neuheiten zu berichten. Und auch die Urlauber kommen wieder – wegen Fürstenstein mit Wurzeln aus dem 13. Jahrhundert, wegen des Parks und wegen des alljährlichen Blumen-Festivals im Schlossgelände. Das musste 2020 wegen Corona aber abgesagt werden. Anna Żabska aber wehrt sich gegen den Vorwurf der vertanen Gelegenheit. Man habe damals sogar ein Ticketpaket unter dem Namen „Explore wAubrzych“ aufgelegt.

Das „au“ im Namen ist das Kürzel für Lateinisch „aurum“, zu Deutsch Gold. Darin eingebunden waren Schloss Fürstenstein, das Bergwerk „Stara Kopalnia“ sowie der Palmengarten. Als Logo diente der „Goldzug“. Aber das habe die Erwartungen zunächst nicht erfüllt. Es seien T-Shirts mit dem Layout des Zuges sowie weitere Souvenirs angefertigt worden.

Dafür habe die Stadt die Kosten getragen. Nun werde das Ticket „Explore wAubrzych“ aber immer besser angenommen. 2018 schloss sich das Porzellan-Museum dem Verbund an. 2019 habe man insgesamt 8.000 Kombi-Karten verkauft, so Żabska. Und sie ergänzt: „Dafür ist aber Fürstenstein das Zugpferd.“ Insgesamt seien letztes Jahr eine halbe Million Gäste ins Schloss gekommen – 27 Prozent mehr als 2018. Besucher können nun auch im Rahmen einer Führung die Tunnel unter dem Schloss besichtigen (SZ berichtete).

Stiftung will Geheimnisse Niederschlesiens aufdecken

Dort werden Fragen rund um den Goldzug und den „Komplex Riese“ betrachtet, dessen Sinn bis heute nicht geklärt ist. Andere „Schatzsucher“ sind mehr oder weniger erfolgreich auf den Goldzug-Hype aufgesprungen. Eine Löwenberger Brauerei produzierte ein Goldzugbier. Beworben wird es inzwischen nicht mehr. Es ist wohl noch in einem Restaurant in Walbrzych erhältlich.

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In einem Bunkersystem in Jelenia Góra (Hirschberg) hat ein Unternehmen ein Erlebnismuseum aufgebaut. Ein Ausstellungsstück ist ein Zug mit Kisten voller Goldbarren, als ironische Anspielung. Piotr Koper hat seine Aktivitäten nicht eingestellt, um das Rätsel zu lösen. Er habe die Stiftung „Goldner Zug“ gegründet. Darüber möchte er Geheimnisse Niederschlesiens aufdecken. „So will ich Mittel für die Untersuchungen einwerben.“ Er forsche weiter. Überzeugt, aber verbittert, weil es kaum Anerkennung gebe.

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