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Was von Leipzig 2012 geblieben ist

Wohnungen, Tunnel, Trainingshallen, Kanupark – die Stadt profitiert bis heute von der gescheiterten Bewerbung. Eine Spurensuche.

Von Daniel Klein
 8 Min.
Am Lindenauer Hafen sollte das Olympische Dorf entstehen. „Die Wohnanlage hier ähnelt unseren Plänen“, erklärt der ehemalige Olympiamanager Dirk Thärichen.
Am Lindenauer Hafen sollte das Olympische Dorf entstehen. „Die Wohnanlage hier ähnelt unseren Plänen“, erklärt der ehemalige Olympiamanager Dirk Thärichen. © Ronald Bonß

Wer sich zurückbeamen will in die Zeit der Euphorie und des großen Traums von Olympia, muss erst klingeln, dann warten und schließlich einige Stufen hinabsteigen. Im Keller eines leer stehenden Gebäudes in der Nähe des Fußballstadions von RB Leipzig lagern Fahnen, T-Shirts, Basecaps, Aufkleber, Pins, Broschüren, Zeitungen, Gläser – viele, viele Erinnerungen an die Leipziger Bewerbung für die Sommerspiele 2012. „Es sind insgesamt rund 400 Objekte“, sagt Wolfgang Metz. Er ist Mitarbeiter des Sportmuseums, das seit Jahrzehnten vergeblich um eine Ausstellungsfläche kämpft. Zeigen kann er die Devotionalien deshalb nur nach Voranmeldung im dunklen, engen Depot.

Das Sportmuseum hätte von Olympia profitiert. Nur wenige Meter entfernt sollte eine futuristische Ausstellungshalle in Form eines Glasturms entstehen, von der aus man die Baufortschritte am Olympiapark bestaunt. Nach den Spielen, so der Plan, sollte das Sportmuseum dort einziehen. Gebaut wurde der Turm nie. Wie so vieles nicht.

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Dennoch sind Spuren der Bewerbung 20 Jahre später sichtbar. Man muss nur wissen, dass sie im Zusammenhang mit Olympia stehen. Dirk Thärichen weiß, wo was zu sehen ist, als ehemaliger Geschäftsführer der Leipzig 2012 GmbH könnte er thematische Stadtführungen anbieten. Eine Station wäre der Lindenauer Hafen, der längst keiner mehr ist, nur einige Industrieruinen erinnern daran. Direkt daneben erstreckt sich eine gerade erst fertiggestellte Wohnanlage direkt am Heinrich-Heine-Kanal. „Genau hier sollte das Olympische Dorf entstehen“, erklärt Thärichen, und seine Arme machen einen großen Bogen über ein riesiges, größtenteils grünes Areal.

Die Trainingshallen für Leichtathleten und Judoka wurden mit Olympiageldern ab 2003 neben dem Stadion gebaut.
Die Trainingshallen für Leichtathleten und Judoka wurden mit Olympiageldern ab 2003 neben dem Stadion gebaut. © Ronald Bonß

Vergleicht man die Entwürfe von damals mit den Bauten von heute, lassen sich Ähnlichkeiten erkennen. Die Dimensionen sind allerdings andere. Während der Spiele sollten hier 16.000 Sportler und Offizielle leben, jetzt sind vorerst 470 Wohnungen entstanden. Noch wird weiter gebaut, „aber die olympischen Ausmaße erreicht es nicht“, so Thärichen.

Wie am Lindenauer Hafen gibt es noch andere Stellen in der Stadt, an denen Konzepte umgesetzt wurden – nur eben etwas später und etwas abgespeckter. So verbindet den Hauptbahnhof und das Sportforum, wo der Olympiapark entstehen sollte, keine S-Bahn, sondern weiterhin die Straßenbahn. Die verschwindet auch nicht, wie in den Entwürfen vorgesehen, komplett unter der Erde, seit 2006 aber zumindest für ein kleines Stück.

Ebenfalls in der Jahnallee sollten „Residence Hotel“ genannte Gästewohnungen helfen, die größte Schwachstelle der Bewerbung, fehlende Hotelbetten, zu beheben. Die Häuserzeilen wurden tatsächlich saniert – für Senioren.

„Insgesamt wurden durch die Bewerbung 22 Maßnahmen umgesetzt“, erklärt Thärichen. Nach dem Sieg beim nationalen Ausscheid im April 2003 gegen Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg kamen über ein Olympia-Sofortprogramm 100 Millionen zusammen, letztlich wurden mehr als 300 Millionen ausgegeben, um angefangene Projekte fertigzustellen – auch mit Blick auf die Fußball-WM 2006. „Das Problem war die Zeit. Zwischen dem Sieg im nationalen Wettbewerb sowie der Nominierung zur offiziellen Kandidatenstadt durch das IOC lag nur ein Jahr. In dem sollte gezeigt werden, dass sich etwas bewegt, das wir etwas für den Sport in der Region tun“, sagt der Leipziger, inzwischen Vorstandssprecher beim Konsum. „Aber in einem Jahr kann man nicht viel bauen.“

Im 2007 eröffneten Kanupark Markkleeberg trainieren Spitzensportler und vergnügen sich rund 24.000 Touristen pro Jahr. Davon profitiert die gesamte Region.
Im 2007 eröffneten Kanupark Markkleeberg trainieren Spitzensportler und vergnügen sich rund 24.000 Touristen pro Jahr. Davon profitiert die gesamte Region. © Ronald Bonß

Die Olympiamacher hatten sich mehr erhofft, eine Sonderwirtschaftszone mit niedrigeren Steuersätzen etwa und ganz andere Fördersummen. Der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee wollte bei seinem SPD-Parteigenossen Gerhard Schröder 600 Millionen rausholen. Doch der Bundeskanzler ließ ihn abblitzen, das Verhältnis der beiden soll nicht das beste gewesen sein. „Ich habe insgesamt eine eher abwehrende Haltung in Berlin erlebt“, erinnert sich Thärichen.

Das größte Olympia-Erbe steht nicht in Leipzig selbst, sondern südlich am Rande des Markkleeberger Sees. 2005, als die Träume von den Spielen längst geplatzt waren, wurde mit dem Bau des Kanuparks begonnen, zwei Jahre später die Eröffnung gefeiert. Die Pläne gab es schon viel länger. Als Kanuslalom 1992 wieder ins olympische Programm rutschte, sollte Deutschland neben Augsburg einen zweiten Kanal bekommen. Die Wahl fiel schließlich auf Markkleeberg. „Man wollte hier einen touristischen Leuchtturm setzen“, erklärt Christoph Kirsten, der Leiter des Kanuparks. Die Bewerbung beschleunigte alles. Die Kosten von 12,5 Millionen Euro teilten sich Bund, Land und Stadt. Auch hier wurde im Vergleich zu den Olympia-Dimensionen ein bisschen gespart. Das Funktionsgebäude bekam nur zwei statt drei Etagen, auf Zuschauertribünen wurde komplett verzichtet. „Das hätte sicher zusätzlich sechs bis acht Millionen Euro gekostet“, schätzt Kirsten.

Im 270 Meter langen Wildwasserkanal trainieren nicht nur Spitzensportler, von Mai bis Oktober kommen auch Touristen. 24.000 setzten sich im vergangenen Jahr in Kajaks, Canadier und Schlauchboote. Damit sei die Anlage nahezu am Limit, erklärt Kirsten. „Eine schwarze Null können wir aber erst schreiben, seit wir Fördermittel bekommen.“ Seit zwei Jahren übernehmen Bund und Land die Kosten für das Training der Leistungssportler.

Das Logo im Wandel der Zeiten ...
Das Logo im Wandel der Zeiten ... © Ronald Bonß

Der Kanupark beschert der Stadt als Eigentümer also keine Gewinne, er zeigt aber im Kleinen, wie die Spiele im Großen gewirkt hätten. Seit der Eröffnung wurden hier eine Europameisterschaft und drei Weltcups ausgetragen, in unmittelbarer Nachbarschaft entstand eine Ferienhaus-Anlage. Die vorher allein durch die Landwirtschaftsausstellung Agra bekannte 24.000-Einwohner-Kleinstadt macht nun – auch dank der Bewerbung – Geschäfte mit Urlaubern und Touristen.

Und sie kann weiter von Olympia träumen, selbst wenn Leipzig und Sachsen keinen zweiten Anlauf mehr nehmen sollten. Als sich Hamburg für die Spiele 2024 und Berlin für 2032 ins Gespräch brachten, „waren wir dabei“, erinnert sich Kirsten. Beide Anläufe scheiterten zwar frühzeitig, doch es müssen ja nicht die letzten gewesen sein. „Wir sind auf Jahre hinaus noch olympiatauglich“, versichert der Parkleiter.

Nur wenige bauliche Spuren

In Leipzig selbst trifft das nur auf wenige Bauten zu. Das neue Messegelände gehört dazu, das Stadion von RB und direkt daneben die Multifunktionshalle für bis zu 10.000 Zuschauer. Ebenfalls auf dem Areal entstanden mithilfe des Olympia-Sofortprogramms Trainingsstätten für Leichtathleten und Judoka, die sogenannte Nordanlage. „Sie sollte der IOC-Evaluierungskommission gezeigt werden“, erklärt Thärichen. Die aber kam nie, weil Leipzig im Mai 2004 den Sprung unter die fünf internationalen Bewerberstädte verpasst hatte.

Was wäre passiert, wenn der gelungen wäre? „Nicht viel“, glaubt Thärichen. „Die Bundesregierung hätte bis zur Wahl der Olympiastadt im Juli 2005 gewartet. Dann wären immer noch sieben Jahre bis zu den Spielen geblieben, um alles zu bauen. Erst dann wäre es so richtig losgegangen.“ Das Budget betrug rund 2,6 Milliarden Euro.

So sind nur wenige Spuren zu finden – zumindest bauliche. Für den 50-Jährigen sind die anderen ohnehin wichtiger. „Zum ersten Mal nach der Wiedervereinigung hatte eine ostdeutsche Stadt einen bedeutenden Wettbewerb gegen etablierte westdeutsche Städte gewonnen. Das Selbstwertgefühl der Menschen hier war danach ein ganz anderes, und das ist geblieben“, findet Thärichen. „Leipzig hat ganz klar profitiert. National wie international ist die Anerkennung gestiegen, die Einwohner- und die Touristenzahlen sind es sogar rasant.“ Keine deutsche Großstadt wächst derzeit schneller. „Es war die Initialzündung für eine imposante Entwicklung.“

Das erste Logo verbot das IOC.
Das erste Logo verbot das IOC. © Ronald Bonß

Die von Thärichen wurde zwischenzeitlich jäh gestoppt. Seine fünfmonatige Zugehörigkeit zum Wachregiment „Feliks Dzierzynski“, das dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR unterstand, war Thema bei Pressekonferenzen und Diskussionsrunden. Er musste sich rechtfertigen, obwohl er nie ein hauptamtlicher oder inoffizieller Mitarbeiter des MfS war. „Ich bin schon bei meiner Berufung zum Geschäftsführer offen damit umgegangen, dass ich mit 18 Jahren meinen Wehrdienst im Wachregiment Leipzig abgeleistet hatte. In Thüringen gibt es eine klare Regelung, wonach Mitglieder des Regiments im öffentlichen Dienst arbeiten können“, erklärt er. Als auch noch Vorwürfe über Veruntreuung von Geldern öffentlich werden, erhielt er im Oktober 2003 eine Verdachtskündigung. Das Strafverfahren gegen Thärichen wurde 2005 eingestellt – mit einem Freispruch. Danach bekam er seine noch ausstehenden Gehälter ausgezahlt. „Ich war tief enttäuscht, dass ich nicht mehr weitermachen durfte“, sagt er.

Verbittert ist er aber nicht mehr, zumindest lässt er es sich nicht anmerken. Mit ihm traf es noch andere aus dem inneren Kreis der Bewerbungsgesellschaft. Der Riesaer Oberbürgermeister und Olympia-Staatssekretär Wolfram Köhler etwa wurde wegen Provisionszahlungen abberufen, auch diese Anschuldigungen erwiesen sich als haltlos. Als Grund für das Scheitern will Thärichen das aber nicht gelten lassen. „Anfangs gab es einen echten Schulterschluss zwischen dem Freistaat und den Städten. Das ist uns nach dem Sieg 2003 leider verloren gegangen. Wie trotzige Kinder haben wir uns untereinander in die Waden gebissen und Stöckchen geworfen. Ich sehe das größte Problem darin, dass sich das Nationale Olympische Komitee, der Bund, das Land und die Stadt Leipzig nicht grün waren.“

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Im nächsten Teil lesen Sie am Donnerstag: Wie ein Film Funktionäre zu Tränen rührte und Leipzig zum Sieg verhalf

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