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Politik

Was war die Treuhand?

Linke und AfD wollen einen Untersuchungsausschuss zur Treuhand einrichten. Andere Fraktionen sind skeptisch. Ein Kommentar von Peter Heimann.

Peter Heimann
Peter Heimann © dpa/Montage: SZ-Bildstelle

Der folgenreichste Tag am Ende der DDR war der 1. Juli 1990. Damals kam die D-Mark in den Osten. Sonst wären noch viel mehr Menschen zu ihr gen Westen gezogen. Für sie war das ein Freudentag. Endlich hatten sie richtiges Geld, mit dem sie wie ihre im Stillen beneideten Schwestern und Brüder langgehegte Wünsche erfüllen und auch ganz ordinäre Bedürfnisse befriedigen konnten. Dass schon damals die meisten die eigenen Produkte nicht mehr kaufen wollten, hätte auf die Kehrseite der Angelegenheit aufmerksam und hellhörig machen können, ging aber in der Euphorie in der Regel unter.

Der Haken war auch nicht sofort spürbar: Die Einführung der D-Mark versetzte der – freundlich wie holzschnittartig formuliert – nicht mehr konkurrenzfähigen DDR-Wirtschaft mit ihrer weitaus geringeren Produktivität den Todesstoß. Die Betriebe mussten plötzlich Löhne in Westmark zahlen, die sie nicht hatten, weil sie sie nicht erwirtschafteten. Den meisten ging es wie dem Bürger: Der Trabant oder Wartburg, gerade noch hoch im Kurs, war auf einmal nichts mehr wert. Zu spüren bekamen viele Menschen die Folgen über eine Institution, die im Osten zu einem verhassten Symbol wurde: die Treuhandanstalt.

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Sie wurde zum Blitzableiter für den Zorn vieler, die auf den Urknall des Wirtschaftswunders hofften, stattdessen aber entlassen, in Kurzarbeit und Frührente geschickt wurden – auch noch von Buschzulage-Westdeutschen, die nicht so selten als arrogante Klugscheißer oder Besatzer auftraten und empfunden wurden. Zeitzeugen verbinden die Treuhand-Arbeit oft mit „Abwicklung“, „Ausverkauf“ und „Betrug“. Langfristig setzte sich vor allem im Osten die Treuhand als Symbol einer Übernahme durch den Westen fest.

Emotional eignet sich das Thema deswegen prima als erinnerungspolitisches Kampffeld. Dagegen hilft nur eine faktenreiche Aufklärung. Es geht nicht um Täter und Opfer, um Untersuchungsausschüsse oder gar Wahrheitskommissionen. Aber Millionen Menschen verloren ihre Jobs, ihr bisheriges Leben. Das muss man ganz offensichtlich anders klären und erklären. Nun eben im Nachhinein.

E-Mail an Peter Heimann.

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