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Feuilleton

Was war eigentlich Luxus in der DDR?

Eine neue Ausstellung in Leipzig zeigt Dinge, die Sie im Osten nicht für möglich gehalten hätten.

Ein Traum vom Sportwagen: 1956 bauen sich zwei Studenten in der DDR einen Porsche 356 nach – und fahren damit bis Paris und Rom.
Ein Traum vom Sportwagen: 1956 bauen sich zwei Studenten in der DDR einen Porsche 356 nach – und fahren damit bis Paris und Rom. © Alexander Diego Fritz

Von Sven Heitkamp

Was ist Luxus? Auf eine einfache und zugleich komplizierte Frage gibt das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig jetzt 1001 verschiedene Antworten. 

Schon im Eingang der Sonderausstellung lässt die Besucher ein „Porscheli“ 326 stutzen: Es ist ein Nachbau des mondänen Sportwagens, den sich junge Dresdner Tüftler zu DDR-Zeiten im Hinterhof ausgedacht haben. 

Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Im grünen Herzen des waldreichen Landschaftsschutzgebietes Oberlausitzer Bergland sprudelt ein ganz besonderer Schatz: Oppacher Mineralwasser, das überall dort zu Hause ist, wo Menschen ihre Heimat genießen.

Der DDR-Porsche
Der DDR-Porsche © dpa

Ihre Geschichte ist spektakulär genug: Die Zwillinge Knut und Falk Reimann, damals Schlosser und Maschinenbaustudenten, hatten sich mit dem Auto in den Fünfzigern ihren Traum verwirklicht: Die Karosserie aus Lkw-Motorhauben von Hand geformt, ein Kübelwagen-Fahrgestell und einen Wartburg-Spiegel umfunktioniert und bei Porsche in Stuttgart gebrauchte Kolben und Zylinder erbettelt. „Herr Porsche“ lässt die Brüder vom Autorennen in Le Mans grüßen. Sie reisen durch Europa und bauen zwölf weitere Exemplare. Doch kurz nach dem Mauerbau versuchen die Männer, in den Westen zu fliehen. Sie werden erwischt und landen für anderthalb Jahre im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen.

Ein Wiener Sammler hat das halb verrostete und vergammelte Auto 2011 in einer Garage entdeckt und zusammen mit den Reimanns restauriert – es ist heute wieder fahrtauglich. Auch die Werkstatt in Mohorn bei Wilsdruff gibt es noch. Die Ausstellung zeigt auch die alten Holzwerkzeuge und Briefe von damals. Die Geschichte erzählt zugleich, was Menschen bereit sind, für ihren Traum vom Luxus zu tun.

Prunkstücke aus Hellerau

Mit über 400 Original-Objekten, Dokumenten, Fotos und Filmen illustriert die Schau, was wir seit 1945 als Luxus ausgeben oder wahrnehmen. „Es gibt keine einhelligen Antworten darauf, sondern immer nur individuelle“, sagt Museumsdirektor Jürgen Reiche. „Luxus ist positiv und negativ besetzt, er trennt und verbindet Menschen, er ist dekadent und ist Wirtschaftsmotor. Aber man braucht ihn als Idee.“

Davon erzählt das Modell des schwimmenden Luxushotels „Hamburg“ von 1968. Die Schiffspassagiere zahlten damals für ein Ticket etwa den Jahreslohn eines Werftarbeiters. „Luxus für wenige, Arbeit für viele“, laute das ökonomische Prinzip. „Das Thema Luxus zeigt wie unter einem Brennglas die Wirtschafts- und Sozialgeschichte“, sagt Kuratorin Iris Benner. Und der Begriff wandelt sich ständig. Heute sind Kreuzfahrten für viele Menschen erschwinglich. Luxus kann aber auch ein Stück Butter sein oder ein Paar Schuhe; je nach Lage des Besitzers.

© dpa

Prunkstück der Schau ist ein weißer Showmantel, Markenzeichen von Marlene Dietrich, gefertigt aus Brustfedern von 300 Schwänen. Zu sehen ist auch ein Modell der Luxusmotoryacht „A“ des Stardesigners Philippe Starck mit einer prunkvollen Innenausstattung aus den Deutschen Werkstätten in Dresden-Hellerau. Es geht um Uhren aus Glashütte und Porzellan aus Meißen, das einst massenhaft Devisen in die DDR geholt hat. Um vermeintlichen Luxus der SED-Bonzen in Berlin-Wandlitz, der sich nach dem Mauerfall als piefig erwies. Um DDR-Modezar Heinz Bormann, dessen Geschäfte verstaatlicht wurden, um Reisen für „verdiente“ Arbeiter und Bauern mit der „MS Völkerfreundschaft“. Materieller Luxus in der DDR erscheint im Rückblick als Widerspruch in sich.

Ein funkelnder Einkaufswagen, eine Yacht und ein Tresor mit Goldbarren sind Ausstellungsstücke der Ausstellung "Purer Luxus" im Zeitgeschichtlichen Forum. 
Ein funkelnder Einkaufswagen, eine Yacht und ein Tresor mit Goldbarren sind Ausstellungsstücke der Ausstellung "Purer Luxus" im Zeitgeschichtlichen Forum.  © dpa

Und was ist Luxus heute? Ein vergoldetes Steak von Fußballstar Franck Ribéry? Ein 31-Millionen-Euro-Wohnhaus von „Protz-Bischof“ Tebartz-van Elst in Limburg? Das Teilen von Nobelautos per Carsharing? Oder eine 2.000-Euro-Jacke mit Innen eingewebten Sensoren, die ein sanftes Streichelgefühl im Rücken auslösen, weil sich Menschen fast nur noch im Internet begegnen? 

Die Besucher werden animiert, dazu eigene Gedanken zu formulieren. Etwa zu der Frage: „Zu viel Luxus ist ...“ Jemand hat schon „Mit dem SUV zum Bioladen“ daneben geschrieben. Ein originaler Satz Lotto-Kugeln, mit dem ein Spieler vor drei Jahren 37 Millionen Euro gewann, wirft die Frage auf: „Was würden Sie tun?“ Der letzte Raum der Wechselausstellung aber ist beinah leer. 

Ein Beamer lässt das Wort „Zeit“ über die Wände wandern. Ein Musikstück von Max Richter lädt dazu ein, sich Zeit zu nehmen. Seine gemächliche Komposition dauert stolze acht Stunden. Denn auf die Frage, was für sie Luxus ist, antworten heute viele: Zeit zu haben.

Die Ausstellung „Purer Luxus“ im ZeitgeschichtlichennForum Leipzig läuft bis zum 13. April 2020, geöffnet Di. bis Fr, 9 – 18 Uhr und Sa/So 10 – 18 Uhr. Eintritt frei.

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