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Kamenz

Was Wenzel zu sagen hat

Der Berliner Liedermacher erhielt in seiner 40-jährigen Karriere schon etliche Preise. Am 10. September hält er eine Kamenzer Rede – zu einem Thema, das viele bewegt.

"Stirb mit mir ein Stück“ war der Titel der ersten LP Wenzels 1986. Jetzt hält der Liedermacher aus Berlin   eine Kamenzer Rede.
"Stirb mit mir ein Stück“ war der Titel der ersten LP Wenzels 1986. Jetzt hält der Liedermacher aus Berlin eine Kamenzer Rede. © S. Buschow

Kamenz. Wenzel ist eine Marke. Seit mehr als 40 Jahren ist der Berliner Künstler Hans-Eckardt Wenzel auf den kleinen und großen Bühnen des Landes unterwegs. Der vor 64 Jahren bei Wittenberg geborene Sohn eines Kunsterziehers ging beizeiten eigene musikalische und literarische Wege. Das „Liedertheater Karls Enkel“ war seine Lehrzeit, die ihn ab 1981 in die freiberufliche Arbeit als Sänger, Autor, Schauspieler und Regisseur führte. Schon zu DDR-Zeiten war er ein Begriff, woran die langjährige Kooperation mit dem drei Jahre jüngeren Dichter Steffen Mensching (heute Intendant am Theater Rudolstadt) eine entscheidende Aktie hatte.

„Wenzel & Mensching“ waren die etwas anderen Clowns. Ihre Bühnenprogramme galten mehr als ein Geheimtipp der kritischen DDR-Kunstszene, wobei es ihnen stets um die Erziehung des Menschengeschlechts jenseits kapitalistischer Zumutungen gegangen war, wenn sich der Chronist recht erinnert. Neid und Ellenbogenmentalität gab es im Liedtheater „Hammer-Rehwü“ (1982) oder in den „Da Da eR“-Programmen nur als Grimasse. Wobei sowohl den Künstlern, als auch den Zuschauern dabei manches Mal das Lachen im Halse steckengeblieben war.

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Überhaupt keinen Spaß an Wenzel & Mensching, die zum Beispiel auch mit der Cottbuser Folkband Wacholder oder dem Dresdner Dieter Beckert (Duo Sonnenschirm) auftraten, hatten jedenfalls die verknöcherten DDR-Oberen. Sie fühlten sich verächtlich gemacht, und das stimmte ja auch. Wenzel war im September 1989 ein Hauptautor der Resolution von Rockmusikern und Liedermachern, mit der sie dringende Veränderungen im Lande forderten. Kurz vor dem 40. Jahrestag der DDR traten Wenzel & Mensching in einem kleinen Jugendklub in Hoyerswerda auf, wo sie praktisch von der Bühne weg verhaftet wurden. Der repressive sozialistische Staat aber war nicht mehr zu erziehen und löste sich wenig später ganz auf.

Wenzels Karriere, die 1986 mit der preisgekrönten Liedermacher-LP „Stirb mit mir ein Stück“ begann, kam beinahe ohne Knick durch die wechselvollen Zeiten, was für seine hohe Kunstfertigkeit spricht. Er errang zahlreiche Preise. So sorgte er als Interpret von Liedern Theodor Kramers für Aufmerksamkeit, und 2002 wurde ihm der Deutsche Kleinkunstpreis für seine Übersetzungen und Interpretationen des Werks des Folksängers Woody Guthrie verliehen. Tourneen führten ihn u. a. durch Frankreich, Österreich, Amerika, Nicaragua, Kuba und die Türkei. Er stand mit Musikern wie Randy Newman, Billy Bragg oder Konstantin Wecker auf der Bühne und produziert fast jedes Jahr mindestens ein Album. Zuletzt widmete er sich vor allem der lateinamerikanischen Musik, die auf Kuba neben Brasilien bekanntlich ihre stärkste Ausprägung erfährt.

Für Wenzel ist die Suche nach einem Sozialismus menschlicher Prägung offenbar noch längst nicht beendet, wie er auch in der Moderation seiner Konzerte immer wieder zu erkennen gibt. Womöglich wird der dritte Weg in der dritten Welt gefunden? Wenzel ist bekannt für sein Engagement gegen Missstände und seine philosophischen und hintergründigen Texte. Er ist beeinflusst von der Weltmusik und an allem, „was man an interessanten Sachen hört“, wie er sagt. Seine Kreativität speist sich damit aus einer schier unerschöpflichen Quelle.

Jetzt also hält Wenzel die „6. Kamenzer Rede in St. Annen“. Am Dienstag, dem 10. September, spricht er ab 19 Uhr unter der Überschrift „Die misslungene Erziehung des Menschengeschlechts“. Natürlich will er dabei auf Lessings theologisch-philosophisches Testament „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ Bezug nehmen. Darin wird ja bekanntlich der Weg der Erkenntnis vom vergangenen Kindheitsstadium (Judentum mit dem Alten Testament) über die gegenwärtige Jugend (Christentum mit dem Neuen Testament) hin zum reifen Mann als „Zeit der Vollendung“ beschrieben. Bis der Mensch „das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind“. Warum diese Utopie zum Scheitern verurteilt ist (oder doch gerade nicht?), darauf kann man bei Wenzel sehr gespannt sein.

Kartenverkauf: Kamenz-Info: Telefon 3578 379205

Kamenzer Reden

Vor fünf Jahren startete die Reihe „Kamenzer Reden in St. Annen“, damals noch als Kanzelrede betitelt. Das „Abkanzeln“ war allerdings zu keinem Zeitpunkt das Credo der Reihe. So fiel die „Kanzel“ beizeiten wieder weg.

Die Reihe wurde durch die Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption in Kamenz initiiert. Stets war dabei Literaturredakteur Wolfgang Hametner (früher MDR Kultur) als Moderator dabei.

Im Jahr 2014 war Friedrich Schorlemmer der erste Redner. Es folgten ab 2015 die Schriftsteller Feridun Zaimoglu, Jörg Bernig, Eva Menasse und Volker Braun.

Mittlerweile fand und findet das Veranstaltungsformat deutschlandweit Beachtung. Das liegt auch am streitbar-demokratischen Charakter der Reihe, die auch eine moderierte Debatte nach der Rede einschließt.

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