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Waschbären am Bismarckturm

An Radebeuls wohl schönstem Aussichtspunkt liegt immer wieder Abfall neben den Mülleimern. Daran sollen Vierbeiner schuld sein.

Auf der Suche nach Essensresten machen Waschbären auch vor Mülltonnen in Städten nicht halt. Daher stehen sie im Verdacht, auch am Bismarckturm den Abfall aus den Mülleimern zu wühlen.
Auf der Suche nach Essensresten machen Waschbären auch vor Mülltonnen in Städten nicht halt. Daher stehen sie im Verdacht, auch am Bismarckturm den Abfall aus den Mülleimern zu wühlen. © dpa

Radebeul. Pizzaschachteln, Plasteflasche und Plastebecher liegen neben einem Müllkorb am Bismarckturm. Auf dem Areal mit dem atemberaubenden Blick über Radebeul und das Elbtal sind zudem mehrere Verpackungen eines besonders bei Kindern beliebten Fruchtsaftgetränks wild verstreut zu sehen. Waren hier Schmutzfinken am Werk, die ihren Müll einfach an Ort und Stelle auf den Boden haben fallen lassen, statt ihn in den rund um den Turm stehenden sechs Mülleimern zu entsorgen?

Stadtrat Tobias Plessing (Bürgerforum/Grüne) hat weniger die zweibeinigen Besucher des Bismarckturm-Areals in Verdacht. „Ich gehe davon aus, dass die Menschen ihren Müll in die Behälter werfen“, sagt Plessing. 

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Jedoch am nächsten Morgen liegen Becher, Schachteln, Flaschen etc. wieder wild verstreut neben den Müllbehältern. „Da waren Waschbären am Werk, die den Müll nach Fressbarem durchwühlten“, meint Plessing. Und bei der Nahrungssuche scharren und ziehen sie den Abfall aus den Eimern heraus.

 Plessing betont, dass dies nur eine Vermutung sei. Zwar habe er bereits Waschbären im Stadtgebiet gesehen, allerdings noch keinen Vierbeiner konkret, der sich an den Mülleimern an der Hangkante der Radebeuler Premiumweinlage Goldener Wagen zu schaffen macht.

Einen augenscheinlichen Beweis hat bislang die Stadtverwaltung auch noch nicht gefunden. Aufgrund einer Anfrage Plessings haben Rathausmitarbeiter im Rahmen regulärer Objektbegehungen auch nach Waschbärspuren Ausschau gehalten.

 Zudem haben Beschäftigte der Firmen, die mit dem Entleeren der Mülleimer von der Stadt beauftragt sind, beim Reinigen ebenfalls ihre Blicke nach Anzeichen nach den Kleinbären schweifen lassen. Dreimal pro Woche sind sie vor Ort. Konkrete Anhaltspunkte haben sie jedoch nicht entdeckt.

Die Waschbär-Theorie hält Bürgermeister Jörg Müller (parteilos) durchaus für eine mögliche Erklärung, warum am Bismarckturm immer wieder Abfall nicht in, sondern neben den Papierkörben liegt. 

An anderen Stellen im Stadtgebiet, insbesondere im Bereich von Bänken an Wanderwegen oder am Rande von Wald- und Grünflächen, wo ein ähnliches Problem mit Müllverschmutzung in den zurückliegenden Jahren bestand, war es plötzlich sauber, nachdem die Verwaltung die Mülleimer entfernt hatte. „Das kann aber nicht die Lösung sein“, meint Müller, nun alle Abfallkörbe abzumontieren.

Kein ungewöhnlicher Anblick am Bismarckturm: Pizzaschachteln, Plastebecher und Trinkflaschen liegen wild verstreut neben einem Mülleimer.
Kein ungewöhnlicher Anblick am Bismarckturm: Pizzaschachteln, Plastebecher und Trinkflaschen liegen wild verstreut neben einem Mülleimer. © Silvio Kuhnert

Während im Stadtrat noch über Waschbären als mögliche Schmutzfinken am Bismarckturm spekuliert wird, kann Bodo Pietsch sie als Verursacher klar benennen. Er ist einer der vier Jagdpächter im Radebeuler Stadtgebiet, zuständig für den Bereich zwischen Lößnitzgrund und der Stadtgrenze zu Dresden.

 „Ich habe schon selbst Waschbären dort am Abfalleimer gesehen“, berichtet Pietsch. 4 Uhr morgens war das. Sie durchwühlten den Abfall auf Nahrungssuche, zerfledderten und zerpflückten, was sie in ihre Pfoten bekamen. Danach sah es ziemlich wüst aus rund um den Eimer. Aber auch Krähen oder Elstern picken Unrat heraus, wenn sie beispielsweise in Einwickelpapier oder unter Schachteln den ein oder anderen Leckerbissen vermuten oder gar riechen.

Waschbären haben sich in der Lößnitzstadt zu einer regelrechten Plage entwickelt. Sie richten erheblichen Schaden an. Winzer können davon ein trauriges Lied singen, da sich die Wildtiere immer wieder über ihre Rebstöcke hermachen und Trauben abfressen. Zurzeit sind sie in den Weinhängen unterhalb Wahnsdorfs sehr aktiv.

Das Jagdjahr beginnt am 1. April und dauert bis Ende März des Folgejahres. Früher haben die Jagdpächter höchstens zwei bis vier Waschbären in diesem Zeitraum erlegt. Die Zahl der gefangenen oder geschossenen Tiere stieg jedoch in jüngster Zeit von Jahr zu Jahr rapide an. 

„In der Saison 2018/19 waren es 124 Waschbären“, informiert Pietsch. Im Jagdjahr 2019/20 sogar 172, weitere 14 starben bei Wildunfällen auf der Straße. Seit 1. April dieses Jahres gingen schon über 50 Waschbären in die Falle oder kamen vor die Flinte der Jäger. Bis Ende der aktuellen Saison wird die Zahl soweit ansteigen, dass die Vorsaison erneut getoppt wird, ist sich Pietsch sicher.

Die Kleinbärart ist ursprünglich in Nordamerika beheimatet, wo sie in Wäldern lebt. Normalerweise bekommt laut Pietsch eine Fähe einmal im Jahr Welpen. In unseren Gefilden jedoch breiten sich die eingewanderten Tiere als Zivilisations- beziehungsweise Kulturfolger in oder nahe bewohnter Gebiete aus, weil sie dort unter anderem reichlich Futter finden. 

Der Überfluss führt dazu, dass ein Paar bis zu zweimal im Jahr Nachwuchs bekommen kann. Pietsch hat bereits von einer Fähe gehört, die dreimal Welpen warf. Ein Wurf kann aus bis zu fünf Jungtieren bestehen.

Um dem Problem mit dem Müll am Bismarckturm Herr zu werden, schlägt Pietsch vor, künftig andere Behälter zu nutzen. Solche, die verhindern, dass die Waschbären an den Eimerinhalt herankommen. Auch Stadtrat Plessing regt dies an und verweist auf andere Kommunen, die sogenannte Mülleimer mit Deckel aufstellen.

Damit ist nicht eine Mülltonne gemeint, wie man sie aus dem privaten Haushalt kennt. „Bei einem ‚Deckel‘ im Bereich des öffentlichen Mülleimers gehen wir nicht von einer beweglichen und die Einwurfmöglichkeit gänzlich verschließenden Vorrichtung aus“, teilt Bauamtsleiter Jan Pötschke mit. Denn wenn die Klappe verschmutzt ist, wird diese wohl kaum ein Bürger anfassen, um die Tonne zu öffnen und seinen Abfall hineinzuwerfen.

Bei einem öffentlichen Mülleimer ist der Deckel mit etwas Abstand über dem Behältnis fest montiert. Der dadurch vorhandene Schlitz ist groß genug, damit man Unrat hindurchstecken kann, ohne das Behältnis berühren zu müssen. Allerdings ist der Schlitz so schmal, dass kein größeres Tier, wie beispielsweise ein Waschbär, in den Papierkorb kriechen kann.

Am Bismarckturm hatten einmal alle sechs Mülleimer einen Deckel. Doch bei zweien in der Nähe der Sitzbänke wurde er abgebrochen. Die Stadtverwaltung plant, noch in diesem Jahr die beiden „kaputten“ Eimer durch neue zu ersetzen. „Ein Mülleimer mit Deckel kostet in der einfachen Ausführung circa 350 Euro. Hinzukommen die Kosten für die Aufstellung und Montage“, so Bauamtsleiter Pötschke.

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