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Die Wasserschlacht im Dynamo-Stadion

32.009 Zuschauer feiern beim Eishockey-Open-Air in Dresden eine stimmungsvolle Party – dem Wetter zum Trotz. So haben es die Spieler erlebt.

Von Sven Geisler
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Der Dresdner Fußball-Tempel als Eishockey-Stadion. Innerhalb von zehn Tagen war der Rasen in eine Eisfläche verwandelt worden, insgesamt 32.009 Zuschauer sahen die beiden Spiele am Samstag.
Der Dresdner Fußball-Tempel als Eishockey-Stadion. Innerhalb von zehn Tagen war der Rasen in eine Eisfläche verwandelt worden, insgesamt 32.009 Zuschauer sahen die beiden Spiele am Samstag. © Ronald Bonß

Das Bild vom begossenen Pudel trifft diesmal auf beide Teams zu. Pitschnass bis auf die Unterhose kommen die Spieler der Dresdner Eislöwen und der Lausitzer Füchse am Samstagabend vom Eis, sie hatten sich im Rudolf-Harbig-Stadion phasenweise eine regelrechte Wasserschlacht geboten. „Ich glaube, ich habe schon Fischhäute zwischen den Fingern“, meint Thomas Pielmeier. Der Eislöwen-Kapitän lotste seine Mannschaft perfekt durch den Regen, sie gewann das Sachsenderby gegen Weißwasser mit 5:3.

Schließlich ging es in diesem offiziellen Spiel der Deutschen Eishockey-Liga 2 um drei Punkte, auch wenn der Rahmen ein besonderer war. Dort, wo sonst die Fußballer von Dynamo spielen, lieferten sich die Eishockey-Dauerrivalen einen spannenden Kampf und ließen sich dabei vom Wetter genauso wenig abschrecken wie die Zuschauer. 

32.009, ausverkauft, meldeten die Veranstalter, was ein neuer Rekord wäre. Weil jedoch die meisten der etwa 10.000 Fans aus Tschechien erst zum internationalen „Nachspiel“ zwischen Verva Litvinov und Sparta Prag kamen, sahen etwa 25.000 Fans den Eislöwen-Sieg.

Die Stimmung war sensationell“, findet jedenfalls Pielmeier – und wen man fragt, alle haben es so empfunden. „Ich weiß gar nicht mehr, dass es geregnet hat“, meint der 32-Jährige, die durchweichten Klamotten noch am Leib. „In dieser Veranstaltung steckt so viel Liebe, deshalb konnte uns das bisschen Regen nicht aufhalten.“ Fürs Spiel waren es zwischenzeitlich erschwerte Bedingungen, zum Ende des Mitteldrittels stand ein Wasserfilm auf der Eisfläche. „Das ist doch wurscht“, sagt Pielmeier und ordnet selbst das als besonderes Erlebnis ein. „Man kann alles positiv sehen.“

Früher waren solche Freiluftspiele üblich, Dirk Rohrbach hat sie als Jugendlicher in Weißwasser erlebt. „Damals mussten wir während des Spieles sogar noch Schnee schippen“, erzählt der Füchse-Geschäftsführer. Er sagt zwar, den Lausitzern habe zum Schluss ein bisschen Glück gefehlt. „Ich denke, wir waren ebenbürtig.“ Aber auf die äußeren Einflüsse möchte er die Niederlage nicht schieben. Seine Analyse: „Wir bekommen die Gegentore zu einfach, Dresden hat clever gespielt und Jordan Knackstedt die Chancen eiskalt genutzt.“

Die Eislöwen um Kapitän Thomas Pielmeier (M., mit Bart) sind Derbysieger.
Die Eislöwen um Kapitän Thomas Pielmeier (M., mit Bart) sind Derbysieger. © Ronald Bonß

Damit ist zum Verlauf eigentlich alles gesagt. Noch mal die Tore im Zeitraffer: Dresden führt durch Knackstedt, die Füchse drehen das Ergebnis durch Tore von Mychal Monteith und Darcy Murphy jeweils in Überzahl, nun geht es hin und her: Dale Mitchell zum 2:2, Mike Hammond bringt die Füchse erneut in Führung, Mario Lamoureux gleicht wieder aus. Im letzten Drittel, als es von oben trocken bleibt, trifft eben jener Knackstedt zweimal.

„Es ist immer wichtig, seinem Team zu helfen, in so einem Spiel natürlich etwas ganz Besonderes“, sagt der dreifache Torschütze. „Die Bedingungen im zweiten Drittel waren kompliziert, das Wasser hat den Puck gebremst. Aber damit muss man klarkommen, das ist auch ein Teil dieses Events“, meint der 31-Jahre alte Kanadier, bevor er sich bei Pizza und ein paar Bier aufwärmen wollte. „Ich bin glücklich, dass wir es spielen durften und solche Fans in der Stadt haben.“

Wasserschlacht auf dem Eis: Dresdens dreifacher Torschütze Jordan Knackstedt (l.) hat vor Joel Keussen von den Lausitzer Füchsen den Puck gespielt.
Wasserschlacht auf dem Eis: Dresdens dreifacher Torschütze Jordan Knackstedt (l.) hat vor Joel Keussen von den Lausitzer Füchsen den Puck gespielt. © dpa/Robert Michael

Die Anhänger der Eislöwen brauchten einige Zeit, um sich im K-Block heimisch zu fühlen, nahmen dann aber das Duell um die Lautstärke-Hoheit mit den Füchse-Anhängern auf. Etwa 5.000 waren aus der Lausitz dabei und trotz der Enttäuschung über den sportlichen Ausgang in Party-Laune. „Sie haben uns gefeiert, als wenn wir gewonnen hätten“, sagt Feodor Boiarchinov. Der Stürmer hatte bei der Premiere 2016 für die Eislöwen gespielt, seit 2017 ist er in Weißwasser. „Es war wieder atemberaubend, extrem laut. Ich habe Gänsehaut bekommen, das pusht einen. Schade, dass wir den Fans keinen Sieg schenken konnten.“

Problematisch sei weniger das Nass von unten gewesen, meint Boiarchinov. „Ich habe gestaunt, wie viel Wasser spritzte, wenn die Jungs gebremst haben“, erzählt er, aber „das Schwierigste waren die Sichtverhältnisse, weil ich ständig Wassertropfen auf dem Visier hatte.“ Toni Ritter suchte dagegen nach dem festen Griff. „Die Handschuhe sind nass, der Schläger auch, dadurch rutschst du ab“, sagt der 29-Jährige, der aus Weißwasser stammt und seit dieser Saison ein Dresdner ist. Seine Einstellung: „Bei so einem Event versuchst du, den Augenblick zu genießen – und zu gewinnen.“

Mit einer Laser- und Pyro-Show geht das Spektakel zu Ende. 
Mit einer Laser- und Pyro-Show geht das Spektakel zu Ende.  © Sven Geisler

Das ist den Eislöwen genauso gelungen wie Prag am Abend beim 3:2 gegen Litvinov. Für das Spiel der ersten tschechischen Liga waren die Bedingungen nahezu optimal, der Regen hatte aufgehört, der Wind nachgelassen. „Es war ein riesiges Erlebnis für die Spieler und alle Beteiligten, perfekt organisiert“, lobt Uwe Krupp. Der einstige Bundestrainer ist jetzt Chefcoach von Sparta. „Es ist ein großer Unterschied zu normalen Spielen, wenn mehr als 30.000 Leute im Stadion sind. Die Fans feiern sich dabei auch ein bisschen selbst, für sie spielt das Wetter nur eine Nebenrolle“, meint Krupp.

Und genauso haben es die Massen erlebt, auch wenn viele die Laser- und Pyroshow zum krachenden Finale nicht mehr live gesehen haben. Es war, wie es Organisationschefin Eva Wagner vorher gesagt hatte, eine Herausforderung, das Publikum acht Stunden lang zu unterhalten. Doch die wurde dank der Show-Einlagen unter anderem vom DJ-Duo Stereo-Act gemeistert.