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Wasserspringen in Dresden: Nachwuchs dringend gesucht

Die Sportart hat eine lange und erfolgreiche Tradition. Doch Talente zu finden, wird immer schwieriger. Das Problem ist nicht nur das Coronavirus.

Ein Bild aus vergangenen Tagen: Die 15-jährige Nicole Piltz sollte beim internationalen Jugendmeeting in Dresden starten. Das wurde ebenso abgesagt wie das tägliche Training. Julia Feist (rechts) kann ihre Schützlinge derzeit nur per Telefon betreuen.
Ein Bild aus vergangenen Tagen: Die 15-jährige Nicole Piltz sollte beim internationalen Jugendmeeting in Dresden starten. Das wurde ebenso abgesagt wie das tägliche Training. Julia Feist (rechts) kann ihre Schützlinge derzeit nur per Telefon betreuen. © Matthias Rietschel

Eigentlich hätte in diesen Tagen Hochbetrieb herrschen müssen, ein regelrechtes Gewusel. Eigentlich. Doch in diesen Tagen ist alles anders, auch bei den Wasserspringern. Die Nationalmannschaft hatte für diese Woche einen Lehrgang in Dresden geplant – am vergangenem Montag abgesagt. Das tägliche Training in der Springerhalle am Freiberger Platz – seit dem Montag verboten. Und das größte internationale Jugend-Meeting, das Ende April an gleicher Stelle zum zehnten Mal ausgetragen werden sollte – gestrichen. Auch diese Entscheidung fiel am Montag. Statt Gewusel herrscht nun gespenstische Stille.

Wie es weitergeht, ist völlig offen. Die Springer haben Pläne mitbekommen fürs Training daheim, was ohne Wasserbecken, ohne Schaumstoffgrube und ohne Bretter nicht mehr sein kann als ein Fithalten. In einem Monat sollte die entscheidende Olympia-Qualifikation in Tokio starten, für Mitte Mai waren die Europameisterschaften in Budapest geplant. Der erste Termin wurde bereits auf Juni verschoben. Dass am zweiten  festgehalten werden kann, ist genauso unwahrscheinlich wie der pünktliche Beginn der Sommerspiele Ende Juli in Japan.

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Bei Olympia 2016 war es noch ein Dresdner Trio

Betroffen wäre davon vor allem Tina Punzel. Sie ist die einzige Springerin aus Dresden, die sicher zum Olympia-Team gehört. Bleibt es dabei, würde von ihrem Abschneiden auch die Zukunft des Bundesstützpunktes abhängen. Der ist bis 2024 gesichert – und dann? Bei den Spielen 2016 in Rio de Janeiro war mit Sascha Klein, Martin Wolfram und Tina Punzel noch ein Dresdner Trio am Start. Klein hat seine Karriere längst beendet und Wolfram kämpft nach einer erneuten Schulteroperation darum, rechtzeitig fit zu werden.

Talente, die diese Lücke füllen könnten, gibt es nicht. Das ist das eigentliche Problem. Und die Aussichten sind nicht die besten. Beim International Youth Diving Meet Dresden, wie es offiziell heißt, dem größten Wettkampf in der Altersklasse der 14- bis 18-Jährigen nach der Junioren-WM, waren drei Starter aus Dresden vorgesehen. 

Auch das ist im Vergleich zu den Vorjahren wenig – und zugleich eine Frage der Perspektive. „Ich habe in meiner Gruppe fünf Sportler. Wenn es drei von ihnen zum Meeting geschafft hätten, wäre das eine gute Quote“, findet Julia Feist, die in Dresden die A- und B-Jugendlichen betreut.

Für Olympiakader wie Tina Punzel gelten in Sachsen ab sofort Ausnahmegenehmigungen. Sie dürfen trotz eines allgemeinen Verbotes trainieren. "Die Situation ist für uns sehr schwierig, weil wir nicht wissen, wann unser nächster Wettkampf stattfindet. Es ist
Für Olympiakader wie Tina Punzel gelten in Sachsen ab sofort Ausnahmegenehmigungen. Sie dürfen trotz eines allgemeinen Verbotes trainieren. "Die Situation ist für uns sehr schwierig, weil wir nicht wissen, wann unser nächster Wettkampf stattfindet. Es ist © Marion Doering

Doch warum ist die Trainingsgruppe so klein? Warum finden sich nicht mehr Talente in einem Ort, der eine so lange und erfolgreiche Wassersprung-Geschichte hat, die mit der dreimaligen Olympiasiegerin Ingrid Krämer-Gulbin begann? „Es wird immer schwieriger, Nachwuchs zu finden“, erklärt Feist. „Es kommen insgesamt zu wenige Kinder – und es sind vor allem zu wenige, die geeignet wären.“

Die 30-jährige Dresdnerin gehörte einst selbst zum Nationalkader, studierte Sport in Leipzig und kehrte nach einer Babypause im September zurück an den Stützpunkt. Dort kümmern sich insgesamt sechs hauptamtliche Trainer um die Spitzenathleten und die, die es einmal werden wollen. 

Doch deren Zahl schrumpft, hat Feist beobachtet. „Es ist nicht mehr so, dass es als Ehre und Auszeichnung empfunden wird, Leistungssport zu betreiben. Aber nur das machen wir hier. In der 2. Klasse muss man bei uns dreimal die Woche zum Training kommen. Wenn da die Eltern nicht zu 120 Prozent dahinterstehen, wird es schwierig.“

Abwerbungsversuche sind tabu, doch es gibt Wechsel

An den Fensterscheiben der Halle hängen Zettel, die zum Schnuppertraining einladen. Geworben wird um den Nachwuchs auch bei Sichtungstagen, eine Trainerin geht regelmäßig in Schulen und Kindergärten. „Um die Bewegungstalente unter den Kindern reißen sich auch andere Sportarten. Da gibt es einen regelrechten Konkurrenzkampf“, erklärt Feist. In der 2. Klasse wird nun sogar nachgesichtet, obwohl es in diesem Alter eigentlich schon sehr spät ist für den Einstieg ins Wasserspringen.

Sorgen um den Nachwuchs macht sich nicht nur Feist. Bei Trainertagungen höre sie, dass es überall große Lücken gibt, erzählt sie. Die fünf Bundesstützpunkte liegen mit Halle, Leipzig, Berlin, Rostock und Dresden allesamt im Osten.

Abwerbungsversuche sind zwar tabu, trotzdem kommt es immer wieder zu Wechseln. Davon profitiert Dresden gerade. So kam Saskia Oettinghaus im vorigen Jahr aus Rostock, weil sie dort nur noch mit Jüngeren trainierte. Inzwischen startet die 21-Jährige auch für den Dresdner SC. Und die Berlinerin Lena Hentschel (18) zog um, weil sie mit ihrer Synchronpartnerin Punzel öfter gemeinsam trainieren und sich gezielt auf die Olympischen Spiele vorbereiten wollte. Allerdings wechselte mit Timo Barthel auch ein Dresdner nach Halle. Und Louisa Stawczynski beendete mit erst 22 Jahren ihre Karriere.

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Läuft es optimal, schafft es mit Punzel, Hentschel, Oettinghaus und Wolfram sogar ein Quartett, das in Dresden trainiert, zu den Spielen nach Tokio. Läuft es normal, fliegt Punzel alleine – vorausgesetzt, Olympia wird nicht verschoben. Doch egal wie es läuft: Die Sorgen um den Nachwuchs bleiben. Julia Feist blickt dennoch optimistisch in die Zukunft, sie hofft, dass es bald wieder wuselt in der Halle – und denkt dabei nicht nur ans Ende der Corona-Auflagen.