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Wasserstoff statt Kohlenstaub

Im Chemiedreieck bei Bitterfeld wecken Wasserstoff-Projekte Hoffnung auf neue Jobs nach dem Kohleausstieg.

In Bad Lauchstädt soll eine Salz-Kaverne als Untergrundspeicher umgerüstet werden.
In Bad Lauchstädt soll eine Salz-Kaverne als Untergrundspeicher umgerüstet werden. © VNG/Torsten Proß, Jeibmann Photografik

Von Sven Heitkamp, Bitterfeld

An der Chlorstraße im Chemiepark Bitterfeld liegt ein gelb-lila gesprenkeltes Feld, kaum größer als ein Fußballplatz. Zwischen wildwachsenden Königskerzen und Wiesensalbei erstrecken sich lange Rohrleitungen, dazwischen stehen gelbe Markierungspfähle: Wasserstoff! Der scheinbar harmlose Flecken Erde ist eines der bedeutendsten Versuchsfelder für die boomende deutsche Wasserstofftechnologie: Eine Pilotanlage zur Verteilung und Nutzung von Wasserstoff in Haushalten. Das häufigste und leichteste chemische Element des Universums gilt zurzeit als Energieträger der Zukunft, der sich gut speichern und in Strom und in Wärme umwandeln lässt.

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Der Netzbetreiber Mitnetz Gas und mehrere Partner haben im Bitterfelder Boden anderthalb Kilometer Leitungen verlegt, dazu Regelanlagen, Messeinrichtungen und eine weltweit einmalige Fackelanlage installiert. In einem kleinen Flachbau mit großen Fenstern und Türen arbeitet eine Brennstoffzelle samt Heizung und Kühlanlage, um zu testen, wie sich Wohnungen und Büros mit Strom und Wärme aus Wasserstoff versorgen lassen. Seit Mai 2019 ist das sogenannte „Wasserstoffdorf“ in Betrieb. 3,8 Millionen Euro wurden verbaut, 1,8 Millionen aus Fördermitteln. „Wir arbeiten daran, Strom-, Gas- und Wasserstoffnetze sinnvoll zu verbinden und Speicherlösungen zu schaffen“, sagt Patrick Becker, Projektleiter bei Mitnetz Gas. „Mit dem ,H2-Netz‘ wollen wir einen großen Schritt vorankommen.“

In dem realen Versuchslabor geht es vor allem um technologische Fragen für den Aufbau von Wasserstoffnetzen: Neben unterschiedlichen Verfahren für Leitungsverlegungen wird untersucht, ob Kunststoffrohre ebenso dichthalten wie Metallrohre. Daneben arbeiten die Entwickler daran, dem geruchlosen Wasserstoff Gerüche beizumischen. Sie sollen Menschen in der Umgebung vor Gefahren warnen, falls ein Leck auftritt. Denn das leicht brennbare, farblose Gas kann schon bei leichten Funken eine Stichflamme oder Explosion auslösen.

Erster Untergrundspeicher ensteht

Das Bitterfelder H2-Netz ist dabei nur eines von mehreren, international herausragenden Vorhaben im mitteldeutschen Chemiedreieck. „Insgesamt laufen in der Modellregion bereits mehr als 30 Wasserstoffprojekte von der Herstellung, Speicherung, Verteilung bis zur Nutzung in der Chemie, Raffinerie, Mobilität und Energieversorgung. 110 Unternehmen, Institute und Forschungseinrichtungen sind in dem 2013 gegründeten Netzwerk „HYPOS“ am Aufbau einer Grünen Wasserstoffwirtschaft engagiert. „Beim Strukturwandel in Mitteldeutschland nach dem Braunkohleausstieg“, sagt der Sprecher der Hypos-Initiative Florian Thamm, „kann Wasserstoff eine bedeutende Rolle spielen und ein enormer Wirtschaftsfaktor werden.“

Zusätzlichen Schub bekommen die Projekte durch die Nationale Wasserstoffstrategie der Bundesregierung. Im neuen Corona-Konjunkturpaket hat die Große Koalition zudem neun Milliarden Euro für den neuen Hoffnungsträger angekündigt. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will Deutschland zum Weltmeister der Wasserstofftechnologien machen. Das mitteldeutsche Chemiedreieck hat jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit dem Gas und beherbergt die zweitlängste Wasserstoffpipeline der Republik. Derzeit verbraucht die Wirtschaftsregion rund 100.000 Kubikmeter des Rohstoffs – pro Stunde. Der Großteil stammt bisher aus Erdgas und fließt in chemische Prozesse in Leuna.

Weiterer Baustein im H2-Netz ist die Umrüstung einer Salz-Kaverne in Bad Lauchstädt als Untergrundspeicher. Der unterirdische Hohlraum soll über ein Speichervolumen von 3.800 Tonnen Wasserstoff verfügen – laut Hypos genug für den Jahresstromverbrauch von etwa 40.000 Zwei-Personen-Haushalten. Die bisherige Erdgas-Speicheranlage der Verbundnetz Gas AG unter einer 500 Meter dicken Salzschicht wäre zugleich der erste Wasserstoff-Kavernenspeicher in Kontinentaleuropa und das weltweit erste Depot seiner Art, das Grünen Wasserstoff speichert. Die Hohlräume in einer Tiefe zwischen 770 und 920 Metern sollen über eine vorhandene Gaspipeline an Abnehmer in Industrie, Verkehr und Energieversorgung angeschlossen werden.

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Die Fraunhofer-Gesellschaft treibt zudem in Leuna die Produktion von Grünem Wasserstoff in großem Stil voran. In Elektrolyseuren soll im industriellen Maßstab Wasser zu Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten werden. Statt konventioneller Energie werden in dem Leuchtturmprojekt regenerative Energien eingesetzt. Zudem soll der ökologisch erzeugte Wasserstoff zur nachhaltigen Herstellung von Grundchemikalien und Kraftstoffen genutzt werden. Der Spatenstich für die beiden mehr als zehn Millionen Euro teuren Vorzeige-Plattformen ist diesen Sommer geplant, 2021 soll die Anlage laufen. „Der Standort Leuna hat durch Know-how und Infrastruktur beste Voraussetzungen, zum Nukleus einer deutschen Wasserstoff-Wirtschaft zu werden“, sagt Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD).

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