merken
PLUS

Dippoldiswalde

Wechsel auf Schloss Decin

Die langjährige Direktorin muss gehen. Auch in Sachsen wird das bedauert.

Iveta Krupickova hat aus einer ehemaligen Kaserne ein gut besuchtes Schloss gemacht.
Iveta Krupickova hat aus einer ehemaligen Kaserne ein gut besuchtes Schloss gemacht. © Steffen Neumann

Im Arbeitszimmer von Iveta Krupickova deutet nichts darauf hin, dass sie diesen Raum bereits in zwei Tagen verlassen wird. 

Der Schreibtisch ist voll, in den Regalen stehen Bücher, auf den Tischen liegen Verträge. „Heute Abend findet ein Benefizkonzert statt. Außerdem ist man bei Vorarbeiten für die Sanierung der Auffahrt Dlouha jizda (Lange Fahrt) auf Reste der früheren Heilig-Kreuz-Kirche gestoßen. Die Erkenntnisse werden die Geschichtsschreibung der Stadt verändern“, prophezeit sie. Iveta Krupickova ist bis zu ihrem letzten Arbeitstag mit ganzem Herzen Direktorin des Schlosses Decin (Tetschen). Sie geht nicht freiwillig. Im Mai beschloss der Stadtrat ihre Abberufung und eine Neuausschreibung der Stelle. „Die wirtschaftlichen Daten sind negativ, das Schloss kann sich nicht tragen. Ich wünsche mir einen Manager, der wirtschaftlich denkt“, hatte Oberbürgermeister Jaroslav Hrouda den Wechsel verteidigt. 120 000 Besucher im Jahr seien möglich.

Nichts anbrennen lassen und ab nach Weinböhla!
Nichts anbrennen lassen und ab nach Weinböhla!

Schon Goethe wusste: Essen soll zuerst das Auge erfassen und dann den Magen. Das gelingt besonders gut in einer schicken neuen Küche. Jetzt zum Küchen-Profi-Center Hülsbusch und sich beraten lassen.

Krupickova erfuhr das nur indirekt. Erst auf Nachfrage bekam sie einen Termin. „Herr Hrouda versicherte mir, dass ich Direktorin bleibe, wenn ich die beste Bewerbung einreiche“, sagt sie heute. Krupickova bewarb sich auf ihre Stelle, die nur wenige Tage ausgeschrieben war. Bis Ende Mai musste die Bewerbung eingegangen sein, Anfang Juli sollte die neue Leiterin bereits mit der Arbeit beginnen. Doch ohne Erfolg.

Inzwischen steht fest, dass ihre Nachfolgerin Miroslava Poskocilova wird. Über die Mittvierzigerin etwas zu erfahren, ist schwer. Auf wiederholte Anfragen der Sächsischen Zeitung antwortete sie nicht und auch sonst hält sie sich in der Öffentlichkeit zurück. Die Stadt sagt, sie arbeite als Personal- und Finanzmanagerin in einer privaten Firma. Als sie im letzten Herbst bei den Kommunalwahlen für das Bündnis „Nas Decin“ (Unser Decin) kandidierte, bezeichnete sie sich noch als Projektmanagerin. Sicher ist, dass sie die Synagoge in Decin verwaltete. Sie ist die Schwiegertochter des langjährigen Gemeindevorsitzenden Vladimir Poskocil. Bis zu dessen Tod 2017 war die Synagoge ein Haus mit Konzerten, Lesungen, Ausstellungen und Gottesdiensten. Seitdem sind die Türen des Jugendstilbaus meist verschlossen. Auch auf der Webseite hat sich nichts getan. Dort stehen als Kontaktpersonen immer noch Vladimir Poskocil sowie Miroslava Poskocilova.

Poskocilova wurde trotz aussichtsreichem Listenplatz nicht ins Stadtparlament gewählt. „Nas Decin“ schloss aber eine Koalition mit der Bewegung ANO des neuen Oberbürgermeisters Hrouda. Und nur wenige Monate später kam es zu der überraschenden Neubesetzung.

Das Schloss ist die Dominante der Elbestadt Decin (Tetschen).
Das Schloss ist die Dominante der Elbestadt Decin (Tetschen). © Steffen Neumann

Überraschend deshalb, weil man Krupickova wenig vorwerfen kann. „Es ist ein Wunder, was sie vollbracht hat“, sagt Vlastimil Pazourek, der das Regionalmuseum Decin leitet. Als Krupickova Anfang 2008 die Leitung des Schlosses übernahm, war sie bereits jahrelang ehrenamtlich für die Revitalisierung des Schlosses aktiv. Das diente gut 60 Jahre als Kaserne, erst der tschechoslowakischen Armee, zwischenzeitlich der Wehrmacht und nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 der Roten Armee. Als die Sowjettruppen das Schloss 1991 verließen, war das Barockensemble heruntergewirtschaftet.

Das Schloss, das einst der Adelsfamilie Thun gehörte, ging an die Stadt, die jedoch nicht das Geld hatte, es zu sanieren. Also kamen die Enthusiasten und mit ihnen die Lehrerin Iveta Krupickova. Bereits 2004, als Tschechien der Europäischen Union beitrat, organisierten sie ein grenzüberschreitendes Projekt mit dem Schloss Weesenstein. Es war der Anfang einer langen und erfolgreichen Zusammenarbeit, aus der Kataloge in der jeweils anderen Sprache, zweisprachige Ausstellungen, die Finanzierung von Leihgaben und wichtigen Restaurierungsarbeiten hervorgingen. Andrea Dietrich, Direktorin von Schloss Weesenstein, dankte Iveta Krupickova „für die 15-jährige kollegiale und freundschaftliche Zusammenarbeit“. Eine weitere enge Zusammenarbeit knüpfte Krupickova zu den Wagner-Stätten in Graupa. Das macht sich auch bezahlt, denn deutsche Touristen machen auf Schloss Decin über ein Viertel der Besucher aus. Auch deshalb ist es mit 63 000 Gästen im Jahr das meist besuchte Schloss Nordböhmens.

Trotzdem bleibt der Vorwurf, nicht ökonomisch zu denken. Das Schloss erwirtschaftet 36 Prozent der Kosten selbst. „Man muss aber auch sehen, dass wir auf den Wunsch der Stadt die Eintrittspreise bewusst moderat halten“, erklärt Krupickova. Erst 2018 wurden die Preise erstmals seit Jahren erhöht. Eine Führung kostet seitdem 100 Kronen (4 Euro) pro Person. Dafür holte Krupickova allein in den letzten zehn Jahren über EU-Projekte fast 600 000 Euro zusätzlich ins Haus.

Krupickova selbst kann sich ihre Abberufung nicht erklären. „Es gab regelmäßige Bewertungen meiner Arbeit, und nie kam Kritik auf“, sagt sie. Mit allen Oberbürgermeistern habe sie gut zusammengearbeitet. Allerdings ist seit 2018 erstmals seit zwölf Jahren nicht das Wahlbündnis „Volba pro mesto“ (Wahl für die Stadt) um den Kräuterunternehmer und Schlossmäzen Valdemar Gresik in der Stadtführung vertreten. Das deckt sich nicht zufällig mit der Amtszeit der Direktorin. „Herr Gresik hatte erst möglich gemacht, dass das Schloss eine eigenständige Organisation mit eigenständiger Leitung wird. Davor gab es hier nur eine Managerin für Hochzeiten und Veranstaltungen“, sagt Krupickova. Gerade darauf soll nun aber unter der neuen Direktorin wieder mehr Wert gelegt werden, so die Stadt.

Krupickova hätte das Schloss gern weiter gestaltet. Aber sie geht nicht im Zorn. „In den letzten Wochen habe ich so viel Zuspruch erfahren wie nie zuvor. Das tut sehr gut“, sagt sie. Und es ist mehr als ein Ersatz für die fehlende Wertschätzung der Stadtführung. „Jetzt mache ich erst einmal zwei Wochen Urlaub, dann sehe ich weiter.“ Noch offen ist das Thema, ob sie weiter im Schloss arbeitet, wie es sich der Oberbürgermeister gewünscht hatte. Ein Schlossprojekt will sie jedoch sicher noch durchführen: „Ich will die ganze Geschichte der Revitalisierung aufschreiben“, hat sie sich vorgenommen.

Mehr zum Thema Dippoldiswalde