merken
PLUS Bautzen

Bautzens täglicher Müllwahnsinn

Wenn die Stadt noch schläft, startet Diana Petzold mit dem Pressmüllfahrzeug und kann oft nur den Kopf schütteln.

Diana Petzold leert im Morgengrauen einen Abfallbehälter an der Bautzener Goschwitzstraße – einen von etwa 550 im ganzen Stadtgebiet.
Diana Petzold leert im Morgengrauen einen Abfallbehälter an der Bautzener Goschwitzstraße – einen von etwa 550 im ganzen Stadtgebiet. © Steffen Unger

Bautzen. Montagmorgen, fünf Uhr. Bautzen schläft noch, zumindest ist kaum jemand auf den Straßen unterwegs. Zu den Wenigen gehört Diana Petzold. Mit einem herzhaften Frühstück im Bauch fährt sie zur Technikhalle der Beteiligungs- und Betriebsgesellschaft Bautzen (BBB) an der Schäfferstraße. Noch eine Zigarette, dann setzt sich die 54-Jährige putzmunter hinters Lenkrad des orangenen Autos mit dem Kennzeichen BZ-BB 9000: „Ich liebe es, so früh zu arbeiten. Da bin ich 14 Uhr fertig und habe noch was vom Tag.“

BZ-BB 9000 rollt vom Hof, wie jeden Morgen um diese Zeit. Auch sonnabends und sonntags. Am Steuer sitzt entweder Diana Petzold oder ein Kollege. Auf der Fahrzeugschürze steht in großen Buchstaben der Zweck der ganzen Fahrt: „Weg mit dem Dreck!“ Gemeint ist der Inhalt der rund 550 Papierkörbe im Bautzener Stadtgebiet. 165 von ihnen sind bis zur Frühstückspause dran. Das heißt im Extremfall: 165-mal aussteigen, Behälter in den Müllbunker des Fahrzeuges kippen, einsteigen, weiterfahren. Der Extremfall wäre, dass sich das Aussteigen überall lohnt.

Teppich Schmidt
Sieben Wohnwelten – ein Geschäft
Sieben Wohnwelten – ein Geschäft

Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

Wochenend-Ausklang vorm Bistro

Diana Petzold ist mit einem halbvollen Bunker losgefahren. „Die Ausbeute des Wochenendes“, sagt sie und deutet nach hinten. „Gestern“, sagt sie, während das Auto ein Bistro an der Töpferstraße passiert, „gestern früh saßen hier drei Männer auf den Stufen und haben mir zugeprostet.“ An diesem Montagmorgen lässt nur ein Mann sein Wochenende ausklingen. Das Müllauto nimmt er gar nicht wahr. Viel ist nicht drin in den Abfallbehältern entlang der Töpferstraße und auf dem Holzmarkt.

Inzwischen erwacht Bautzen. Mit jeder Minute sind mehr Autos zu sehen. Die 54-Jährige fährt im Schritttempo auf der Steinstraße in Richtung Kornmarkt. An jedem Papierkorb schaut sie aus dem Fenster. Jetzt erschließt sich, warum sich das Lenkrad rechts befindet. Von der linken Seite aus könnte die Frau oder der Mann am Steuer gar nicht sehen, ob der Papierkorb geleert werden muss. Und wenn, kann sie oder er rechts aussteigen und problemlos links überholt werden.

Von der Milch zum Müll

Manche Passanten winken der Frau mit dem blonden Pferdeschwanz zu, sie winkt zurück. Diana Petzold kennt viele Gesichter. Seit 2015 ist die gelernte Molkereifacharbeiterin mit dem Pressmüllfahrzeug unterwegs. Von der Milch zum Müll – kein alltäglicher Umstieg. Zunächst arbeitete sie in der Molkerei Bautzen. Nach der Geburt des zweiten Sohnes fing sie 1987 in der Kantine der damaligen Stadtgärtnerei an. Nach 1990 ging die Gärtnerei in der BBB auf, Diana Petzolds neuer Arbeitsplatz wurde bis vor vier Jahren die Kehrmaschine.

All das erzählt sie zwischen Papierkorb-Stopps auf dem Wendischen Kirchhof, vor und hinter dem Rathaus sowie auf der Reichenstraße. Die Fußgängerzone bringt sie gern hinter sich, bevor dort die ersten Lieferfahrzeuge aufkreuzen. Leere oder halbvolle Sekt- und Plasteflaschen, Trinkbecher, Zeitungen, Papiertaschentücher und vieles mehr – was immer sich in den Behältern befindet, fliegt in den Bunker. „Auf dem Kornmarkt“, zeigt sie nach vorn, „ist es meist am schlimmsten.“ An diesem Montagmorgen geht’s. „War wohl zu schwül gestern …“ Auf der Kornmarkt-Treppe liegt etwas Abfall. Sie holt Schaufel und Besen aus dem Fahrzeug. An einem Fahrradständer lehnt ein Müllsack. „Das haben wir immer wieder. Das wird einfach abgestellt, die werden’s schon wegräumen.“

Fahrradrahmen am Strauch

Auf der Goschwitzstraße lässt sie noch so einen Seufzer los. An einem Strauch lehnt ein Fahrradrahmen. Geradezu widerlich endet der Abstecher zum Großparkplatz an der Schliebenstraße. Hier wurde ein Wahlplakat heruntergerissen, so etwas entsorgt sie derzeit jeden Tag. Aber dass jemand über dem Plakat seinen Magen entleert hat, ist dann doch starker Tobak. „Ich bin schon hart im Nehmen“, sagt sie angeekelt. „Aber das hier …“ Auch das vollgekotzte Plakat landet im Müllbunker. Bevor sie weiterfahren kann, muss Diana Petzold eine rauchen. Die erste seit dem Start.

Später drückt sie einen Knopf. Im Bunker beginnt ein Ächzen und Krachen – das Pressmüllfahrzeug macht jetzt der ersten Silbe seines Namens alle Ehre. Passt auch nach mehrfachem Pressen nichts mehr rein, wird der Inhalt zur Umladestation des Abfallverbandes Ravon an der ehemaligen Deponie Bautzen-Nadelwitz gebracht. Von hier aus tritt der Müll seine letzte Fahrt zur Verbrennungsanlage in Lauta an.

Weiterführende Artikel

Einweg-Abgabe: Kommunen sind skeptisch

Einweg-Abgabe: Kommunen sind skeptisch

Die Bundesregierung will die Hersteller zur Kasse bitten. Das könnte an zwei einfachen Voraussetzungen scheitern.

Nach Busbahnhof und Schützenplatz fährt Diana Petzold zurück zur BBB. Es ist jetzt 8 Uhr, Bautzen ist erwacht, das Zentrum sauber. Die 54-Jährige gönnt sich jetzt ein zweites Frühstück. Danach geht die Fahrt weiter, an diesem Montag nach Gesundbrunnen und ins Allende-Viertel.

Mehr zum Thema Bautzen