merken
PLUS

Wehe, wenn’s brennt

Durch das Pendeln werden Orte im Dresdner Umland zu Schlafdörfern. In Ullersdorf bringt das Probleme – aber nicht nur.

Von Tobias Winzer

Volker Czernik hat die Freiwillige Feuerwehr abgemeldet. „Es ging einfach nicht mehr“, sagt der 50-Jährige und zeigt auf das kleine Feuerwehrhaus direkt am Dorfteich. „Bis meine Leute hier sind, ist schon alles zu spät.“ Normalerweise haben die Helfer zwischen Alarm und Einsatz acht Minuten Zeit. Für Freiwillige Feuerwehren ist das nur zu schaffen, wenn deren Mitglieder auch tagsüber im Ort sind. In Ullersdorf, wo mittlerweile fast alle zum Arbeiten in die umliegenden Städte pendeln, ist das nicht mehr zu machen.

Anzeige
Verkaufstalente aufgepasst!
Verkaufstalente aufgepasst!

Die August Holder GmbH in Dresden sucht mehrere Außendienst-Profis. Unbefristete Anstellung, geregelte Arbeitszeiten, attraktive Bezahlung, Firmenwagen.

Czernik hat seine Feuerwehr deshalb zum Jahresanfang von der sogenannten Tageseinsatzbereitschaft abgemeldet. Ausgerückt wird seitdem nur noch nachts oder am Wochenende. Wenn es tagsüber in Ullersdorf brennt, helfen die Feuerwehren aus benachbarten Dörfern oder aus Radeberg. „So einen Fall hatten wir aber zum Glück noch nicht“, sagt Czernik, der im alten Ullersdorfer Ortskern zwanzig Meter entfernt vom Feuerwehrhaus wohnt.

Die Abmeldung der Feuerwehr ist die jüngste Folge einer Entwicklung, die grob gesagt mit der Industrialisierung begann und zur Wende eine neuerliche Beschleunigung erlebte. Vor 1989 gab es in dem kleinen Ort, der nur wenige Kilometer von der Dresdner Stadtgrenze entfernt liegt, einen Konsum. Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) sorgte für Arbeit auf den Feldern ringsum. In dem Dorf gab es Stallungen und weit mehr lokale Handwerksbetriebe als heute. Der schon lange geschlossene Gasthof am Anfang der Dorfstraße war der soziale Treffpunkt.

Derzeit gibt es noch einen Bäcker, einen Laden für erzgebirgische Volkskunst sowie Schreib- und Spielwaren, ein Restaurant sowie ein italienisches Lokal am örtlichen Golfplatz. Ortsvorsteher Frank-Peter Wieth (CDU) sagt: „Ullersdorf ist heute ein reines Wohndorf.“ Er schätzt, dass es noch hundert bis 150 Arbeitsplätze im Ort gibt. „Der Rest pendelt nach Dresden, nach Radeberg, nach Leipzig, in die Lausitz und noch weiter weg.“ In den Nachbarorten Großerkmannsdorf oder Liegau-Augustusbad ist die Lage ähnlich. Allein aus dem Landkreis Bautzen, in dem all diese Dörfer liegen, pendeln täglich 13.800 Arbeitnehmer nach Dresden.

„Vor allem für die Wochenendpendler ist es nicht leicht, sich im Dorfleben zu engagieren“, sagt Wieth, der 1991 aus Hessen nach Dresden gekommen ist und seit 1995 in Ullersdorf lebt. Wenn man nur das Wochenende für die eigene Familie habe, sei es schwer, Zeit für einen Verein zu opfern. Darunter leide die Dorfgemeinschaft.

In Ullersdorf kommt hinzu, dass der Ort seit der Wende um etwa tausend Einwohner auf rund 1.600 gewachsen ist. Die Zugezogenen sind meistens Dresdner, die das viele Grün und die vergleichsweise niedrigen Grundstückspreise aufs Land ziehen. Südlich des alten Dorfkerns ist so eine Art zweiter Ort entstanden. Auch hier ist die Pendlerquote hoch. Die Bewohner beider Ortsteile sind sich nicht immer grün. „Das ist wie in jedem Dorf. Als Zugezogener bist du erst einmal der Feind“, sagt Wieth.

Ein paar Engagierte haben deshalb vor 20 Jahren den Dorfteichverein gegründet. „Unser Ziel ist es, die Leute zusammenzuführen“, sagt Vereinsmitglied Czernik. Er selbst ist drei Jahre lang als Heizungsinstallateur nach Berlin gependelt. Mittlerweile hat er Arbeit in Radeberg. Der Familienvater glaubt, dass die Vereine für das Gemeinschaftsleben heute wichtiger sind denn je – auch weil viele durch das Pendeln weniger Zeit haben. „Früher ist man einfach aufeinander zugegangen. Heute geht das nicht mehr von allein.“ Es brauche solche Institutionen wie die Vereine.

Diese Erfahrung hat auch Andreas Stephan gemacht. Der Vorsitzende der Sportgemeinschaft Ullersdorf ist Rechtsanwalt und pendelt täglich nach Dresden zur Arbeit. „Beim Sport gibt es keine Kluft zwischen Alt- und Neu-Ullersdorfern“, sagt er. Stephan beklagt aber, dass es immer schwerer sei, Leute für die Vorstandspositionen im Verein zu gewinnen. „Die Zeit, die einem neben der Arbeit bleibt, wird immer knapper.“ Um solche und andere Probleme zu lösen, will er sich stärker mit anderen Vereinen im Dorf, dem Bürgerverein und dem Dorfklub, vernetzen.

Für Ullersdorf hat das Pendeln aber nicht nur negative Folgen, es hat den Ort auch am Leben gehalten. Weil es vielen Menschen offenbar wenig ausmacht, wenn Wohn- und Arbeitsstätte auseinanderliegen, konnte Ullersdorf wachsen. Während manche anderen Dörfer auszusterben drohen, gibt es in Ullersdorf eine Kita sowie eine Grundschule. Ortsvorsteher Wieth freut sich vor allem über die Sponsoren, die mal eine neue Bank am Dorfteich spenden oder mal das Kinderhaus aufhübschen. Mit den Neu-Ullersdorfern ist auch Finanzkraft in den Ort gekommen.

Der 55-Jährige hat deswegen auch nichts dagegen, wenn das Dorf noch ein wenig wachsen würde. „Die Baugebiete, die wir neu ausschreiben, sind immer schlagartig weg.“ Er denkt deswegen darüber nach, die Eigenheimsiedlung zu erweitern. Bislang scheiterte das Vorhaben immer an der Stadt Dresden, die als Nachbargemeinde ihr Veto einlegen darf und derzeit eher auf innerstädtische Verdichtung setzt – auch, um straßenverstopfende Pendlerströme zu vermeiden.

Wieth hingegen will das Pendeln leichter machen. Er kritisiert, dass die Anbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr derzeit so schlecht ist. Zwei Buslinien führen die Ullersdorfer derzeit direkt nach Dresden zum Schillerplatz oder nach Radeberg. „Am Morgen ist der Takt ja noch ganz in Ordnung, aber am Abend ist es ein Problem.“ Seit Jahren kämpfe er dafür, das zu ändern. Auch eine Direktverbindung nach Weißig, wo die meisten Ullersdorfer einkaufen, sei wünschenswert. „Bislang hatte ich aber noch keinen Erfolg.“