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Trümmer, Schlamm und Ärmlichkeit

Als Besatzungssoldat in Polen dringt der Uhrmacher Marcel Weise aus Pirna in eine fremde und verwüstete Welt ein.

Kein Hass auf die Besatzer? Diese Bauerntöchter posieren offenbar gern mit Wehrmachtssoldaten für die Kamera von Marcel Weise. Das Bild entsteht im Herbst 1939 beim Marsch durch Zentralpolen.
Kein Hass auf die Besatzer? Diese Bauerntöchter posieren offenbar gern mit Wehrmachtssoldaten für die Kamera von Marcel Weise. Das Bild entsteht im Herbst 1939 beim Marsch durch Zentralpolen. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Sie fühlten sich als Sieger. Doch ein Triumphmarsch war der Zug des Infanterie-Regiments 414 durch die polnische Weite keineswegs. Statt Sonne, Jubel und volle Kuchenbretter nur Ödnis und bodenloser Morast. "Die Uniform durchnässt, die Straße verschlammt, es regnet seit Tagen", notiert Marcel Weise in sein Tagebuch. "Die Pferde schaffen es nicht mehr, die Wagen stecken bis an die Achsen im Schlamm."  

Es ist Anfang Oktober 1939, als Marcel Weise, 26 Jahre alt, Uhrmacher aus Pirna, mit seinem Regiment nach Polen aufbricht. Weise ist seit sechs Wochen Soldat. Während des Überfalls auf Polen hat er am Rhein in Reserve gelegen und, so schreibt er "wie im Schlaraffenland" gelebt. Doch nun marschiert er in ein Land, wo vor wenigen Tagen noch Schlachten tobten. Er kommt nicht mehr als Freund. Er kommt als Besatzer.

Mit dem Zug nach Polen: Soldaten von Marcel Weises Regiment sitzen im Bahnhof Cottbus auf ihren Trosswagen.
Mit dem Zug nach Polen: Soldaten von Marcel Weises Regiment sitzen im Bahnhof Cottbus auf ihren Trosswagen. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Das Polenbild der Deutschen ist zu dieser Zeit äußerst düster. Die Propaganda zeichnet den Nachbarn als zurückgeblieben, kulturlos und dumm. Für Hitler und seine Anhänger hat Polen kein Existenzrecht. Was vom Staatsgebiet nicht ans Reich übergeht, wird "Generalgouvernement", eine Art Kolonie, die zum Ausbeuten und als großes Sammellager für Ausgestoßene, insbesondere für die Juden, benutzt werden wird.

Bis ans Ende des Schlamms: Der Einsatz in Ostpolen 1939/1940.
Bis ans Ende des Schlamms: Der Einsatz in Ostpolen 1939/1940. © SZ Grafik

In diese Kolonie marschiert Marcel Weise am 11. Oktober 1939 ein. Das Notizheft, aus dem später sein Kriegstagebuch entstehen wird, steckt wie bisher in der Brusttasche seiner Uniform. Täglich macht er Eintragungen, notiert Ortsnamen, Marschleistungen, Unterkünfte. Er hat viel zu schreiben. Bis zum Ziel in Südostpolen wird Soldat Weise um die vierhundert Kilometer laufen.

Eine verschlammte polnische Straße, vom Kutschbock aus gesehen. "Oft müssen wir die Wagen schieben."
Eine verschlammte polnische Straße, vom Kutschbock aus gesehen. "Oft müssen wir die Wagen schieben." ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Die Eisenbahn bringt Weises Regiment bis in Polens Mitte, nach Lodz, das bald in Litzmannstadt umbenannt werden wird. Von da an heißt es marschieren, immer nach Südosten, immer von Dorf zu Dorf. Denn die Pferde, einzige Zugmittel der Truppe, brauchen Wasser, Ställe und Futter.

Nach den Wochen im satten Rheinland dürfte die Ärmlichkeit Polens auf Marcel Weise, zusätzlich zum endlosen Regen, wie eine kalte Dusche gewirkt haben. "In den Dörfern stand die Bevölkerung bettelnd am Straßenrand. Sie war glücklich, wenn sie ein Stück Brot bekam." Versprengte polnische Soldaten bitten die Deutschen um Zigaretten und danken ihnen mit glänzenden Knöpfen, die sie sich von den Uniformen schneiden.

Spuren des Kampfes: Diese Lokomotive haben polnische Soldaten lieber gesprengt als sie den Deutschen zu überlassen.
Spuren des Kampfes: Diese Lokomotive haben polnische Soldaten lieber gesprengt als sie den Deutschen zu überlassen. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Die Siedlungen am Marschweg sind schwer gezeichnet vom Krieg. "Gespenstig ragen die stehen gebliebenen Schornsteine aus den Trümmern", notiert Marcel Weise. Er sieht gekappte Telefonmasten, gesprengte Brücken, ausgebrannte Lokomotiven. Tote Pferde verwesen am Wegesrand. "Seit Wochen liegen sie da, aber es fand sich noch niemand, der sie vergraben wollte."  

Die Tagesmärsche sind brutal. Sie reichen über vierzig, manchmal sogar über 50 Kilometer. Ab und zu darf einer auf die Trosswagen steigen und Beifahrer spielen. Soldat Weise geht das gegen die Ehre, wie er mehrfach anmerkt: "Ich habe mir das Ziel gesetzt, nie aufzusitzen, und habe es auch gehalten."

Mahnmal deutscher Verluste am Marschweg: Hier verbrannten acht Wehrmachtssoldaten in einem Mannschaftswagen.
Mahnmal deutscher Verluste am Marschweg: Hier verbrannten acht Wehrmachtssoldaten in einem Mannschaftswagen. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Die Soldaten übernachten in Scheunen und Bauernhäusern. Weise, eigentlich ein Stadtkind, muss lernen, ohne allen Komfort zu leben. "In keinem Haus befindet sich eine Toilette, auch keine Wasserleitung und Elektrizität." Wasser gibt der Ziehbrunnen, Licht die Kerze oder Petroleumlampe. Süffisant schildert Marcel Weise die Funktionsweise des Donnerbalkens. "Da gehört schon einige Übung dazu, denn Halt hat man nur mit den Füßen."

Fast jeden Abend hat Marcel Weise neue Wirtsleute. Doch seltsam: Die Polen behandeln ihn, den Besatzer, nicht als Feind. "Überall, wo wir auftauchten, wurden wir freundlich aufgenommen." Weise sitzt mit den Familien in der Stube, schaut beim Spinnen zu, tanzt mit den Töchtern Polka. Einmal fährt er mit dem Bauern zum Holz klauen in den Wald, denn Deutsche werden für so etwas nicht bestraft. "Die Bäuerin fällt uns vor Freude um den Hals." 

Feierabendbeschäftigung im ländlichen Polen Ende 1939. Marcel Weise fotografiert Bauersfrauen beim Spinnen.
Feierabendbeschäftigung im ländlichen Polen Ende 1939. Marcel Weise fotografiert Bauersfrauen beim Spinnen. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Mitte November kommt Weises Truppe am ihrem Einsatzort an, der Gegend um Tarnogrod im alten Galizien. Die kleine Stadt aus Holzhäusern ist uralt und etwa zur Hälfte von Juden bewohnt. Marcel Weise schreibt von Kothaufen und Ungeziefer in den Gassen. Die Zustände bringt er aber nicht mit der allgemeinen Rückständigkeit in Verbindung, sondern, ganz Kind der Nazi-Propaganda, mit dem jüdischen Glauben der Bewohner. "Die Ratten sind ihre Haustiere", schreibt er.

Nun beginnt die eigentliche Besatzungszeit. Die Gegend liegt unmittelbar an der Demarkationslinie. Jenseits davon beginnt das sowjetisch besetzte Polen. Massen von Flüchtlingen sind unterwegs, darunter viele Juden, die sich bei den Sowjettruppen vor den Deutschen in Sicherheit wähnen. Räuber nutzen die Lage aus und überfallen die Flüchtlinge. Auch polnische Freischärler operieren hier.

Der jüdische Friedhof von Tarnogrod im April 1940. Viele Einwohner des Ortes wurden später im nahen Vernichtungslager Belzec ermordet.
Der jüdische Friedhof von Tarnogrod im April 1940. Viele Einwohner des Ortes wurden später im nahen Vernichtungslager Belzec ermordet. © Marcel Weise

Was genau der Auftrag der Soldaten ist, darüber schreibt Marcel Weise vergleichsweise wenig. Meist wird Streife gelaufen, ohne dass irgend etwas passiert. Als Polen verkleidet, kutscht man durch den Wald, um Räuber anzulocken. Erfolglos. Hin und wieder geht es zur Hausdurchsuchung. Einmal findet Weises Trupp bei einem Einheimischen zwei Handgranaten. "Der Pole wird verhaftet." Was mit ihm passiert, lässt sich denken.

Die Wochen gehen ins Land: Wache stehen, tagelanges Schnee schippen, Rattenjagd mit der Dienstpistole. Der Winter tobt sich aus. Bis zwei Meter hoch sind die Schneewände. Vorwärts kommen ist nur mit dem Schlitten möglich. Marcel Weise freut sich über die Ankunft neuer Rekruten, "sodass wir Alten eine ruhige Kugel schoben". 

"Man lebt hier sehr primitiv." Straßenszene am Markttag im ostpolnischen Städtchen Tarnogrod Anfang 1940.
"Man lebt hier sehr primitiv." Straßenszene am Markttag im ostpolnischen Städtchen Tarnogrod Anfang 1940. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

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In Teil 4 der Serie lesen Sie: Der erfrorene Blitzkrieg. Marcel Weise vor Moskau.

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