SZ +
Merken

Weihnachten ohne Radio und Fernsehen

Vor 100 Jahren entstand diese Familienidylle „Unterm Christbaum“. Weihnachten war noch kein Fest des Lichtes und auch kein Fest der Geschenke. Radios gab es nicht, so musste jede Familie selbst für Weihnachtsstimmung...

Teilen
Folgen

Vor 100 Jahren entstand diese Familienidylle „Unterm Christbaum“. Weihnachten war noch kein Fest des Lichtes und auch kein Fest der Geschenke. Radios gab es nicht, so musste jede Familie selbst für Weihnachtsstimmung sorgen

Der Schöpfer des Bildes zeigt seinen Vater und drei seiner Geschwister zu Hause in Niederhäslich am Fuße des Windbergs im Jahre 1904.

Es ist einfach, bescheiden und sauber. Eine Uhr und ein kleines Bild schmücken die Wand. Der kleine, aber bequeme Armlehnsessel scheint der einzige Luxus zu sein. Der Christbaum ist kärglich geschmückt, doch er strahlt festlich, auch ohne Lametta, Engelshaar oder Eiszapfen. Es sieht aus, als wären gerade noch mal neue Kerzen aufgesteckt worden. Die Kinder dürfen länger munter bleiben, sie sitzen mit dem Vater andächtig in besinnlicher Runde zusammen. Der große Junge hält ein Notenblatt, gemeinsam mit seiner Schwester singt er Weihnachtslieder. Der Vater entspannt, ist glücklich und lauscht ihnen. Der Kleine bestaunt den Tannenbaum mit den ruhig brennenden Kerzen und ist selig. Er scheint schon recht müde zu sein, doch tapfer hält er durch. Behutsam umfasst er sein neues Räderpferd. Außer dem hübschen Pferdchen scheint es keine Geschenke gegeben zu haben, zumindest sind keine weiter zu sehen – Heiligabend vor 100 Jahren. Jetzt denken Sie mal daran, wie bei Ihnen der Heiligabend 2012 aussehen wird!

Der Künstler stellt aber keine Armut und keine Not dar. Künstler ist eigentlich falsch. Der damals gerade mal 23 Jahre alte Karl Hanusch (1881-1969), Sohn eines Konsum-Lagerarbeiters, schuf dieses Bild. Er hatte „Stubenmaler“ gelernt und war erst dabei, Kunstmaler werden. Unter Mühen und Entbehrungen hat er später sein Ziel erreicht. Er bekam 1909 sogar eine Anstellung an der Kunstakademie in Breslau, zuerst als Assistent, dann als Lehrer. 1919 wurde er zum Professor ernannt. 1922 berief ihn der sächsische Wirtschaftsminister zum Direktor an die Staatliche Kunstschule in Plauen/Vogtland. Unter Hanuschs Leitung entwickelte sich diese von der Textilschule zur wirklichen Kunstschule. Das gefiel nicht allen, 1933 wurde er verhaftet und 1934 seines Amtes enthoben, er bekam Malverbot und wurde in die Möbelindustrie nach Rabenau „dienstverpflichtet“. Zeitlebens engagierte er sich für sein Niederhäslich, er schuf für die Poisen-Schule kostenlos Postkarten, gab finanzielle Unterstützung bei Renovierungsarbeiten und half der Stadt Freital auf kulturellem Gebiet. Er wurde 1951 Freitals erster Ehrenbürger.

Roland Hanusch, Freital