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Weihnachtsgans zu Pfingsten

Der Angeklagte denkt sich eine Geschichte aus, um einen Bekannten mal so richtig auszunehmen. Die Sache geht gut, aber nicht lange.

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Von Jürgen Müller

Der 34-jährige Meißner ist unschuldig. Wieder einmal. Doch stets wird er verurteilt, bis her schon sechsmal, obwohl er unschuldig ist. So als er bereits 1998 zu acht Monaten Jugendstrafe wegen achtfachen Diebstahls und versuchten Diebstahls, Sachbeschädigung und Fahren ohne Fahrerlaubnis verdonnert wird . Die Jugendstrafe musste er zu großen Teilen absitzen. Auch seine Verurteilung zu vier Jahren und sechs Monaten Gefängnis wegen Vergewaltigung und Körperverletzung waren sicher ein krasser Justizirrtum. Abgesessen hat er die Strafe dennoch vollständig. Und auch diesmal spielt er den Unschuldsengel. Seine Verteidigungsstrategie besteht vor allem darin, Zeugen zu verunglimpfen und zu beschuldigen. Doch sie wird nicht aufgehen.

Unter falschem Namen bestellt

Betrug in insgesamt zwölf Fällen wirft die Staatsanwaltschaft dem mehrfach Vorbestraften diesmal vor, davon elf in wenigen Tagen. Er soll verschiedene Sachen im Internet bestellt und erhalten, aber nicht bezahlt haben. Die Sachen lässt er sich an die Adresse einer Bekannten, bei der er zeitweise wohnt und mit der er auch ein Kind hat, liefern. Und er meint, besonders schlau zu sein, indem er einen Namen angibt, den es so gar nicht gibt: Seinen Vornamen und den Nachnamen seiner Bekannten. Als sie ihm auf die Schliche kommt, sagt er, sie solle sich ganz ruhig verhalten, dann passiere nichts, denn den Namen gebe es ja gar nicht. So einfach ist für den Förderschüler die Welt. Doch die Bekannte verhält sich nicht ruhig, sondern schmeißt ihn aus der Wohnung, geht zur Polizei und zeigt ihn an. Zwei Wochen vor der Verhandlung ruft der Angeklagte bei der Bekannten an und fordert von ihr, die Aussage zu verweigern. Das dürfe sie, weil sie sich mit einer Aussage selbst belasten würde. Das habe ihm sein Anwalt gesagt. Er dreht den Spieß frech herum, beschuldigt seine Bekannte, dass sie die Waren bestellt hätte. Doch die junge Frau hat nichts zu verbergen, packt aus.

Auch in einem anderen Fall soll der Meißner betrogen haben. Er soll sich für den Kauf einer Küche von einem Bekannten 700 Euro geborgt, die Küche aber nie gekauft und das Geld auch nicht zurückgezahlt haben. Die Küche war angeblich für die Mutter seiner Ex-Freundin bestimmt. Und die Mutter der Ex-Freundin ist die Ex-Freundin des Bekannten, von dem er sich das Geld geborgt hatte. „Das Geld war geschenkt, ich sollte eine Küche kaufen. Als die Beziehung auseinanderbrach, forderte der Mann plötzlich das Geld zurück“, sagt der Angeklagte. Er reagiert auf die Forderung mit wenig schmeichelhaften Nachrichten. Kleiner Auszug: „Halt endlich deine dumme Fresse, ich hau´ dir so lange auf die Fresse, bis du weg bist.“ - „Du bist fällig“.

Licht ins Dunkel sollen nun die Ex-Freundin des Angeklagten und deren Mutter, für die die Küche angeblich bestimmt war, bringen. Doch die beiden Frauen erzählen immer neue Geschichten, nichts passt zusammen. Als sie nach Pfingsten aus dem Urlaub zurückgekommen sei, sei die neue Küche eingebaut worden, sagt die Mutter. Später sagt sie, die habe in der Garage gestanden und sei erst im Juli eingebaut worden. Tatsächlich stammt die Rechnung von der Heilsarmee, wo die Küche gekauft wurde, vom 29. Juli vorigen Jahres.

Angst vor dem Angeklagten

Auch die Tochter erzählt drei unterschiedliche Versionen. Erst als sie der Richter ausdrücklich belehrt, welche Strafe auf Falschaussage steht, packt sie doch noch aus. Allerdings erst, nachdem der Angeklagte aus dem Saal entfernt wurde. Denn sie hat Angst, in dessen Gegenwart auszusagen. „Die Idee kam von dem Angeklagten. Er hatte gesagt, dass er mit dem Geschädigten Weihnachtsgans spielen wolle“, erzählt sie. Er habe den Mann bequatschen wollen, dass er für 1 200 Euro eine gebrauchte Küche reserviert habe und dafür noch Geld brauche. Das sei frei erfunden gewesen. Der Bekannte habe das Geld gegeben in der Hoffnung, mit der Küche seine damalige Partnerin zurückzugewinnen. Doch man habe keine Küche gekauft, sondern das Geld selbst verbraucht. Sie hätten davon den Kühlschrank gefüllt und den Tank ihres Autos. Wo der Rest sei, wisse sie nicht.

Wegen Betruges in zwölf Fällen verurteilt das Gericht den Angeklagten zu einer Haftstrafe von sechs Monaten, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. Außerdem muss er 100 gemeinnützige Arbeitsstunden leisten und an den Geschädigten die 700 Euro zurückzahlen, wenn das Urteil rechtskräftig wird. Das ist allerdings eher unwahrscheinlich. Der Verteidiger hatte nämlich Freispruch gefordert, wird mit Sicherheit in die Berufung gehen. Denn sein Mandant, der nach eigenen Angaben 40 000 bis 50 000 Euro Schulden hat. ist ja unschuldig. So wie jedes Mal.