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Weihnachtsmann im Ruhestand

Der Mantel muss weg. Wer sitzt schon so dick verpackt in winterlicher Heizungsluft? Kein Kind glaubt das! Also legt der Weihnachtsmann seine rote Joppe ab. Darunter trägt er ein schwarzes Hemd und eine helle Hose.

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Von Nadja Laske

Der Mantel muss weg. Wer sitzt schon so dick verpackt in winterlicher Heizungsluft? Kein Kind glaubt das! Also legt der Weihnachtsmann seine rote Joppe ab. Darunter trägt er ein schwarzes Hemd und eine helle Hose. Auch Weihnachtsmänner gehen mit der Mode. Und der mit dem bürgerlichen Namen Olaf Bernstengel hat die Kleinen schnell auf seiner Seite.

Drohgebärden mag er nicht. Augenhöhe kommt viel besser. Wenn Knirpse heulen, hat der Weihnachtsmann was falsch gemacht. Die Sache mit dem Mantel ist nur ein Tipp aus seinem neuen Buch „Morgen Kinder wird’s was geben“ – eine Sammlung voller bronzener, silberner und goldener Regeln für Geschenke verteilende Kollegen. Gesammelt hat er diese Erfahrungen im Laufe von 35 Jahren in der Weihnachtsmann-Branche.

Was Kinder wollen und fürchten, weiß kaum einer wie er. Seit drei Jahrzehnten ist Olaf Bernstengel Puppenspieler. Gerade hatte sein neuestes Stück Premiere: „Familie Zipfelchen“ heißt es und wird dem Credo des 59-Jährigen bis ins Kleinste gerecht: „Ich zeige alles“, sagt er, keine Tricks, keine Ablenkungsmanöver. Wenn die Elster in ihr Nest voller Perlen und Ketten fliegt, schwebt sie vor den Augen der Zuschauer dort hin. Bernstengel scheut keine Mühe, findet für jede Szene eine Lösung, nur sichtbar muss sie sein. Er mag es nicht, wenn im Puppentheater die halbe Geschichte von hinter den Kulissen aus erzählt wird.

Roter Mantel am Nagel

Seine eigene Geschichte macht er ebenso transparent. Nach seinem Studium des Marxismus-Leninismus lehrte er an der Technischen Hochschule Magdeburg. Doch schon damals zog es ihn zum Puppentheater. So spielte er als Amateur und leitete später die Öffentlichkeitsarbeit des Städtischen Puppentheaters Magdeburg. „Mich zog es aber immer zurück nach Dresden“, sagt Bernstengel, der in der Neustadt groß geworden war. Und so nahm er 1982 die Stelle als stellvertretender Leiter der Puppentheatersammlung Dresden an.

„Wir hatten damals vielleicht 30000 Figuren. Wenigstens mit einigen davon wollte ich spielen.“ So gründete er das mobile Theater „fundus – das Museum auf Rädern“. Ein Studium der Theaterwissenschaften folgte. „Dabei entdeckte ich meine Liebe für das sächsische Wandermarionettentheater, über das ich auch promovierte.“ Für die Puppentheatersammlung – in seinen Augen immer ein Stiefkind der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden – und die regionale Tradition der fahrenden Puppenspieler gab Olaf Bernstengel alles. Und ließ sich zu sehr mit dem Staat DDR ein. Vier Jahre nach der Wende fand er das befürchtete Schreiben im Briefkasten: die sofortige Entlassung wegen informeller Mitarbeit. Angst davor hatte er immer. „Mir sind die Haare ausgegangen, aber ich hatte auch immer wahnsinnig viel Arbeit auf dem Tisch.“ Damit ließ sich ablenken, bis Olaf Bernstengel eine neue Existenz brauchte. Er machte sich selbstständig, ließ sich eigene Marionetten und transportable Puppenbühnen bauen, tritt in kleinen Theatern, Schlössern und Kindergärten auf, schreibt Bücher und leitet Puppentheaterfestivals.

Sein Arbeitszimmer daheim beherbergt das Bühnenbild der „Familie Zipfelchen“. Bernstengel lässt die Elster in ihr Nest fliegen. Alles ist parat für die nächste Vorführung. Nur den Weihnachtsmannmantel, den hat er inzwischen im Keller an den Nagel gehängt.

www.bernstengels-marionetten.de