merken
PLUS

Riesa

Weinflaschen von August dem Starken

Bei den Ausgrabungen in Radewitz entdecken Archäologen Reste des Zeithainer Lustlagers – ein bisher einzigartiger Fund.

Grabungsleiter Robert Ansorg präsentiert die Funde, die sein 30-köpfiges Team zwischen Glaubitz und Radewitz ans Tageslicht gebracht hat.
Grabungsleiter Robert Ansorg präsentiert die Funde, die sein 30-köpfiges Team zwischen Glaubitz und Radewitz ans Tageslicht gebracht hat. © Lutz Weidler

Glaubitz. Beinahe wären die historisch bedeutsamen Flaschen im Glascontainer gelandet. „Als wir bei den Grabungen auf die ersten Scherben stießen, wollte eine Kollegin sie gleich entsorgen“, erzählt Robert Ansorg. Der studierte Archäologe leitet seit Oktober vergangenen Jahres die Grabungen zwischen Glaubitz und Radewitz. Dass sein Team dort auf Glasflaschen stößt, hatte auch er nicht erwartet. Normalerweise finden die Forscher Keramiken, Bronze und historische Waffen im Boden.

Ein Blick von oben  zeigt die Ausmaße der Grabungen an der Stelle, wo einst das Zeithainer Lustlager stattfand. 
Ein Blick von oben  zeigt die Ausmaße der Grabungen an der Stelle, wo einst das Zeithainer Lustlager stattfand.  © Lutz Weidler

Doch bei einer Begutachtung des hellgrünen Glases wurde schnell klar: Die Flaschen gehören nicht in den Müll. „Wenn man sie genau begutachtet, fällt an den Rändern auf, dass die Flaschen mundgeblasen sind“, erklärt Robert Ansorg. Gemeinsam mit den anderen Fundstücken würde das eine Einordnung ins 18. Jahrhundert erlauben. Und das macht den Fund zu einer kleinen Sensation. Denn auf jener Fläche, die nun von den Archäologen untersucht worden ist, hielt August der Starke 1730 seine große Truppenschau ab, die später als Zeithainer Lustlager in die Geschichte einging. Rund 27 000 Soldaten und unzählige Fürsten kamen damals an die Elbe. „Obwohl es vielleicht nicht so toll aussieht, sind das hier die ersten archäologischen Nachweise dieses Ereignisses“, sagt Grabungsleiter Robert Ansorg mit Blick auf den weißen Tisch, auf dem die Fundstücke präsentiert werden.

Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Doch warum kommen die Hinterlassenschaften von August dem Starken, die gerade einmal 40 bis 50 Zentimeter unter der Erde lagerten, erst jetzt ans Tageslicht? Harald Stäuble, Referatsleiter Großprojekte beim Landesamt für Archäologie, kennt dafür viele Gründe. „Zum einen soll August der Starke nach der Truppenschau ein Großteil des Lagers als Feuerholz an die Bauern verkauft haben“, so Stäuble. „Außerdem gibt es in dieser Region außer Kiesabbau wenig große Baumaßnahmen, bei denen Funde gemacht werden können.“

Pflüge zerstören Urnengräber

Im Jahr 1955 wurde der Boden nahe des heutigen Fundes zwar schon einmal geöffnet, damals waren aber noch keine Archäologen an der Stelle aktiv. Zu jener Zeit wurde die Ferngasleitung 12 verlegt, die nun durch den Fernleitungsnetzbetreiber Ontras zwischen Lauchhammer und Strehla auf rund 40 Kilometern durch einen Neubau ersetzt werden soll. Das ist nötig, um den technischen Standards weiter zu entsprechen. Bei turnusmäßigen Untersuchungen hatte sich herausgestellt, dass einige Abschnitte eine zu geringe Überdeckung aufweisen.

Ein Großteil der Funde war jedoch deutlich älter, beispielsweise die Urnengräber  aus der Bronzezeit um 1 200 vor Christus.
Ein Großteil der Funde war jedoch deutlich älter, beispielsweise die Urnengräber  aus der Bronzezeit um 1 200 vor Christus. © Lutz Weidler

Ein Problem, das auch die Arbeit der Archäologen erschwerte. „Unter dem Mutterboden kommt direkt der Sand“, erklärt Grabungsleiter Robert Ansorg. Und der ist in der Vergangenheit nicht gerade geschont worden. „Durch die landwirtschaftliche Nutzung wurde der Boden immer wieder umgewühlt und abgetragen“, so Ansorg. Dabei wurde so manchem Relikt erheblicher Schaden zugefügt. Teilweise sind die Pflüge der Bauern mitten durch eines der Urnengräber hindurch, die man nahe den Relikten des Lustlagers fand. „Die einzelnen Teile liegen kreuz und quer“, berichtet Ansorg. „Wenn wir alle finden, lässt sich das aber wieder zusammensetzen.“

Insgesamt 6 200 Quadratmeter untersuchten die Archäologen in den vergangenen Monaten zwischen Glaubitz und Radewitz, 12 000 einzelne Funde machten sie dabei. Darunter messerscharfe Pfeilspitzen aus Keramik, Teile von Töpfen und den halben Kopf einer Steinaxt. Alles über dreitausend Jahre alt – zwar materiell wertlos, aber historisch bedeutend.

Grabungen sind noch nicht vorbei

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Sensationelle Funde aus der Steinzeit

Seit drei Jahren untersuchen Archäologen aus Sachsen zwei Brunnen aus der Jungsteinzeit. Dabei sind sie auf eine Sensation gestoßen.

Die spektakulärsten Funde aber waren die Überreste des Zeithainer Lustlagers. Zwar ist die Truppenschau bereits seit langem mit Bildern und Literatur belegt, der erstmalige archäologische Nachweis bleibt dennoch etwas besonders. „Das war schon ein Höhepunkt“, gesteht Grabungsleiter Robert Ansorg. Generell sei es spannend, sich entlang der neuen Trasse für die Ferngasleitung einmal quer durchs Land zu graben. Und noch dieses Jahr soll es damit weitergehen: Während die Grabungen zwischen Radewitz und Glaubitz enden, laufen bereits die Vorbereitungen für den nächsten Abschnitt Richtung Gröditz.