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Der Blitzkrieg friert ein

Als die Wehrmacht auf Moskau zurückt, ist Sanitätsunteroffizier Marcel Weise aus Pirna dabei. Er sieht mehr Frostbeulen als Schusswunden.

Marcel Weises Feldlazarett 664 im Sommer 1941 gut gelaunt auf dem Marsch nach Russland. Aus der geplanten Einnahme Moskaus im Handstreich wird eine grausiges Fiasko werden.
Marcel Weises Feldlazarett 664 im Sommer 1941 gut gelaunt auf dem Marsch nach Russland. Aus der geplanten Einnahme Moskaus im Handstreich wird eine grausiges Fiasko werden. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Ein Telegramm wirbelt das Leben des Gefreiten Marcel Weise durcheinander: "Montag Junge angekommen". Sein Sohn Gert ist geboren. Gert wird einmal Uhrmacher sein, so wie Marcel. Der wäre jetzt am liebsten bei seiner kleinen Familie in Pirna. Stattdessen sitzt er in einer Kaserne in Nordsachsen fest, obwohl der Krieg aus zu sein scheint. Auf Telefonwache in der Schreibstube klaut er Blankoformulare und schickt sich damit selbst auf Urlaub. Die "Kettenhunde" von der Militärpolizei lassen sich von der Fälschung übertölpeln. Fortan ist Weise praktisch jedes Wochenende daheim: "In Schwarzfahrten bin ich schon Spezialist geworden."

Am 9. September 1940 wird Marcel Weises Sohn Gert geboren. Dieses Bild, das Weise bis Kriegsende im Soldbuch trug, zeigt Gert mit Mutter Marta auf einer Wiese der Pirnaer Südvorstadt.
Am 9. September 1940 wird Marcel Weises Sohn Gert geboren. Dieses Bild, das Weise bis Kriegsende im Soldbuch trug, zeigt Gert mit Mutter Marta auf einer Wiese der Pirnaer Südvorstadt. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Es ist Anfang 1941. Hitler hat sich überfallartig Polen, Frankreich und weite Teile Nordeuropas unterworfen. Der 28-jährige Pirnaer Marcel Weise, dessen Gewohnheit es ist, jeden Tag seines Soldatseins Notizen zu machen, war zuletzt Besatzungssoldat in Ostpolen. Zurück in Sachsen ist sein Infanterie-Regiment in Auflösung begriffen. Der Dienst ist lasch. "Wir bummeln so dahin", schreibt er. "Wir haben den Eindruck, dass man mit uns nichts anzufangen weiß."

Doch da täuscht er sich. Die Vorbereitungen für das "Unternehmen Barbarossa", den Überfall auf die Sowjetunion, sind längst im Gange. Hitlers Generale rechnen einmal mehr mit einem großen Sieg. Schon im Herbst soll Stalins Reich diesseits des Urals erobert sein. Hitler will nicht nur einen Konkurrenten um die Macht ausschalten. Er will einen erbarmungslosen Vernichtungskrieg führen, auch gegen die Zivilbevölkerung, gegen die Kommunisten und insbesondere gegen die Juden. Bis Jahresende werden seine Mordkommandos schon mehr als eine halbe Million Menschen in den besetzten Gebieten der UDSSR umgebracht haben.

Marcel Weise als frisch beförderter Unteroffizier vor dem Angriff auf die Sowjetunion. Im Lazarett eingesetzt, erlebt er täglich das Grauen des Krieges.
Marcel Weise als frisch beförderter Unteroffizier vor dem Angriff auf die Sowjetunion. Im Lazarett eingesetzt, erlebt er täglich das Grauen des Krieges. © Marcel Weise

Im April 1941 ist für Marcel Weise das Bummeln zu Ende. Er wird nach Eilenburg kommandiert, zum Feldlazarett Nummer 664. Weise, inzwischen Unteroffizier, hatte noch im besetzten Polen einen Kursus an der Lazarettschule besucht. Nun soll er die Verwundeten des kommenden Feldzuges versorgen helfen. Am 1. Juli 1941, eine gute Woche nach Beginn von "Barbarossa", überfährt sein Konvoi, von Warschau her anrückend, die sowjetische Grenze bei Brest.     

Der Marsch des Feldlazaretts 664 endet kurz vor den Toren Moskaus.
Der Marsch des Feldlazaretts 664 endet kurz vor den Toren Moskaus. © SZ Grafik

Im Unterschied zum Vorjahr, als Marcel Weises Einheit lediglich Pferde besaß und das Gros der Truppe laufen musste, geht es jetzt motorisiert voran. "Ich genieße die Fahrt mit dem Bus nach den langen Märschen in Polen", notiert Weise. Die Sonne scheint. Liegt ein Fluss am Weg, geht man baden. Doch bald mischt sich Leichengeruch in die Luft. Das ist die Spur der Panzergruppe Guderian, der das Lazarett folgt. Sie soll Moskau von Süden her in die Zange nehmen.

Die Fahrt führt über die Schlachtfelder der deutschen Anfangserfolge. "Die Panzergruppe ist im zügigen Vormarsch. Die Front kommt nicht zum Stehen", schreibt Marcel Weise. Überall liegen gefallene Sowjetsoldaten, die zu begraben sich offenbar keiner die Mühe macht. In den Leibern der Toten knistert es. "Mäuse springen aus ihren Uniformen." Bei einer Marschpause nähert sich Marcel Weise einem zerstörten sowjetischen Panzer. "Ich steige auf den Panzer und sehe hinein. Da sitzt ein Russe am Steuer ohne Kopf. Ein Splitter hat ihn abgetrennt."

Ein zerstörter sowjetischer Kampfpanzer T 34 am Marschweg nach Moskau. Dieser Panzertyp wurde zum Albtraum der Deutschen. Abwehrwaffen gab es zunächst kaum.
Ein zerstörter sowjetischer Kampfpanzer T 34 am Marschweg nach Moskau. Dieser Panzertyp wurde zum Albtraum der Deutschen. Abwehrwaffen gab es zunächst kaum. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Doch dann, es ist bereits Oktober, gerät der deutsche Vormarsch ins Stocken. Das liegt am unerwartet zähen Widerstand der sowjetischen Verteidiger, ihren scheinbar unerschöpflichen Reserven, und am Wetter. "Die Straßen sind durch den anhaltenden Regen total verschlammt", schreibt Unteroffizier Weise. "Es geht nur langsam voran." Schon fällt der erste Schnee. Bald wird das Quecksilber auf bis zu 40 Grad unter Null sinken. Und die Deutschen, die lange vor Weihnachten zu Hause sein wollten und für den Winter nicht ausgestattet sind, beginnen zu frieren. 

Das Feldlazarett 664 von Marcel Weise richtet sich im Örtchen Malojaroslavec ein, etwa hundert Kilometer südwestlich vom Moskauer Zentrum. Sofort beginnt ein starker Zustrom Verletzter von der nahen Front. "Der Zugang an Erfrierungen ist höher als an Verwundeten", vermerkt Weise. In der Heimat gesammelte Pelzmäntel und Stiefel helfen kaum. "Die Kälte stach wie mit Nadeln ins Gesicht."

Spur des Vernichtungskrieges: Eine völlig verwüstete Ortschaft in Russland, fotografiert von Marcel Weise nach den Kampfhandlungen in Sommer 1941.
Spur des Vernichtungskrieges: Eine völlig verwüstete Ortschaft in Russland, fotografiert von Marcel Weise nach den Kampfhandlungen in Sommer 1941. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

Während die Sanitäter sich abmühen, die versehrten Soldaten zu retten, hat ihr Chef, der Oberstabsarzt T., nichts anderes zu tun, als seine Untergebenen zu schikanieren. T. war  dem Alkohol verfallen, hortete Sekt "für seine Orgien, die er ab und zu feierte". Als die Sanitäter einmal eine Flasche abzweigen, um einen Geburtstag zu begießen, kriegt der Schuldige drei Tage geschärften Arrest bei Wasser und Brot aufgebrummt. Auch Weise wird arrestiert, "weil er seinen Karabiner in gröbster Weise verrosten ließ". Dabei hatte sich der kleine Fleck am Gewehrkolben ganz leicht abwischen lassen. 

Anfang Dezember 1941 ist der deutsche Angriff auf Moskau fast völlig erlahmt. Nicht nur die Soldaten, auch ihre Waffen und Fahrzeuge erstarren förmlich in der eisigen Kälte. In dieser Lage treten plötzlich frische, für den Winter gut gerüstete sowjetische Divisionen, teils aus Sibirien herangeführt, zum Gegenstoß an. Die Deutschen müssen sich absetzen, lassen schweres Gerät massenweise im Stich. Die Schlacht um Moskau ist verloren. Bis Jahresende sind mehr als 200.000 Mann tot oder werden vermisst.

Der Krieg verschleißt Truppen und Technik: Autofriedhof in der von deutschen Einheiten besetzten russischen Stadt Roslawl 1942.
Der Krieg verschleißt Truppen und Technik: Autofriedhof in der von deutschen Einheiten besetzten russischen Stadt Roslawl 1942. ©  Foto: Marcel Weise/Repro: SZ

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Auch Marcel Weises Feldlazarett muss flüchten, bis ins 260 Kilometer westlich gelegene Roslawl. Als Weise bei einem Stadtbummel eine Anhöhe erklimmt, stößt er dort auf einen zwanzig Meter langen, zwei Meter breiten Graben, den man in die tief gefrorene Erde gesprengt hat, "und rundherum ca. 1,50 Mtr. hoch die beim letzten Angriff gefallenen Soldaten wie Holz aufgeschichtet. Ein gruseliger Anblick." Mit seiner Zeiss-Klappkamera, die er stets am Koppel trägt, fotografiert Marcel Weise die schaurige Szene. Überliefert ist sie nicht. Das Päckchen mit dem Film ist nie in Pirna angekommen.

Lesen Sie als nächstes: Rückzugsgefechte. Mit Glück und seinem Marschkompass entgeht Marcel Weise der Gefangennahme. 

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