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Leben und Stil

Weisheitszähne werden heute früher gezogen

Die sogenannten Achten bereiten oft Probleme. Zwei Gründe geben den Ausschlag, ob sie raus müssen oder nicht.

Autsch, hätte ich den Weisheitszahn doch schon vor Jahren entfernen lassen.
Autsch, hätte ich den Weisheitszahn doch schon vor Jahren entfernen lassen. © Christin Klose/dpa

Von Angelika Mayr

Weisheitszähne sind ein rätselhaftes Übel: Keiner will sie, doch die meisten haben sie. „Warum es sie gibt, weiß keiner so genau“, sagt Professor Torsten Reichert vom Uniklinikum Regensburg. Und weil für sie nicht so richtig Platz im Mund ist, müssen sie häufig gezogen werden.

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Seit vielen Hunderttausend Jahren haben die Menschen 32 Zähne – acht Stück auf jeder Seite und Etage. Die Weisheitszähne sind die jeweils achten und stoßen zum Schluss durch. Früher, bei unseren evolutionären Vorfahren, gab es da noch keine Platzprobleme. Doch im Lauf der Evolution wurden Kopf und Gehirn größer, der Kauapparat dagegen kleiner. „Die Kiefergröße war damals so groß, dass alle Zähne hineinpassten“, sagt Reichert.

So langsam reagiert die Evolution offenbar auf die Überflüssigkeit der Weisheitszähne: „Ich sehe zunehmend Kinder, bei denen keine mehr angelegt sind. Wir sind in der Rückentwicklung bezüglich der Zahnzahl“, erklärt Reichert. Auch die Eckzähne oder die seitlichen Schneidezähne sind manchmal nicht mehr angelegt.

„Es gibt Menschen, die mit allen Weisheitszähnen munter kauen können“, sagt Zahnarzt Joachim Hüttmann. Oft jedoch könnten sich die „Achter“ nicht regulär einordnen. Viele wachsen dann gar nicht mehr heraus: „Wenn der Platz so eng ist, müssen die letzten nehmen, was übrig bleibt“, sagt Reichert. Manche bleiben sogar hängen und schauen nur mit einem Höcker durch die Schleimhaut.

Durchbruch bis zum 20. Lebensjahr

Probleme bereiten die Weisheitszähne oft: Entzündungen und Spannungsgefühle sind ebenso möglich wie eine Auflösung des Knochens oder die Bildung einer Zyste um den Zahn. Auch können Nachbarzähne kippen oder Auflösungserscheinungen zeigen. Ob Weisheitszähne ihre Nachbarn verschieben, belegen Studien nicht einheitlich. „Ist aber die kieferorthopädische Behandlung abgeschlossen und suchen die Weisheitszähne dann erst ihren Platz, sieht man tatsächlich Verschiebungen“, sagt Reichert.

Die Weisheitszähne brechen bis zum 20. Lebensjahr durch. Eine Entfernung sollte bis zum 25. Geburtstag geschehen. „Dann sind die Wurzeln ausgeformt, aber der umgebende Knochen ist noch leicht zu entfernen“, erklärt Hüttmann. Später drohen Komplikationen. „Manchmal entferne ich die Weisheitszähne auch schon bei 15 Jährigen, weil sie den Durchbruch des Siebten behindern“, sagt Reichert, der Direktor der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Uniklinikum Regensburg ist.

Ziehen oder nicht? Zwei Gründe geben dafür den Ausschlag. Der erste: wenn es eine akute Komplikation beim Durchbruch gibt – eine Infektion um die Zahnkrone herum, die starke Schmerzen und Einschränkungen beim Mundöffnen verursacht. Der zweite: wenn es wahrscheinlich ist, dass die Weisheitszähne irgendwann Komplikationen machen. „Im akuten Fall kommt man um eine Entfernung nicht herum“, sagt Hüttmann. „Bei der vorsorglichen Entfernung muss man Nutzen und Risiken abwägen.“

Die entsprechende Leitlinie der Fachgesellschaften wurde im Jahr 2019 geändert. „Bei einer schwierigen Lage des Zahnes wird nun ein dreidimensionales Röntgenbild gemacht“, so Hüttmann. „Am PC fährt der Arzt durch den Knochen und erkennt, ob es Kontakt zwischen dem Nerv und der Zahnwurzel gibt.“ Der Nerv versorgt die Zähne einer Kieferhälfte und die halbe Unterlippe. Manchmal liegen die Zahnwurzeln eng am Nerv oder umfassen ihn sogar. „Wenn man den Zahn dann einfach rauszieht, reißt man den Nerv durch.“

Missempfinden in der Unterlippe

Bereits vor 20 Jahren hat man aus diesen Gründen die Weisheitszähne gezogen – „vielleicht jetzt aber tendenziell ein wenig eher“, sagt Reichert. Der Grund: Nimmt man sie raus, wenn die Wurzel noch nicht entwickelt ist, umgeht man das Problem mit dem Nerv. „Deswegen hat man sich darauf geeinigt, dass man lieber früher und prophylaktisch zieht.“ Eine Operation dauert unter lokaler Betäubung pro Zahn 10 bis 15 Minuten, bei sehr anspruchsvollen Zähnen kann sie sich bis zu 30 Minuten hinziehen.

„Letztlich entscheidet der Patient, ob der Zahn tatsächlich gezogen wird“, sagt Hüttmann. Manche lehnen das ab. „Aber man kann sich auf die Einschätzung eines erfahrenen Operateurs verlassen. Wenn ich sage, der Zahn macht irgendwann Ärger, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch.“ Andere Patienten möchten sogar gleich alle vier Zähne auf einmal gezogen bekommen. „Der Arzt muss schauen, ob das sinnvoll ist“, sagt Reichert. „Und man hat ja eine gewisse Begrenzung beim Lokalanästhetikum.“ Verteilt man das Ziehen auf zwei Sitzungen, einmal rechts, einmal links, „hat der Patient den Vorteil, dass er postoperativ noch auf einer Seite kauen kann.“

Probleme bei oder nach der Operation treten gehäuft auf, wenn der Zahn verlagert ist – er also abweichend von seiner normalen Durchbruchsrichtung liegt. Der Operateur macht dann einen Schnitt, präpariert die Schleimhaut zur Seite und entfernt etwas Knochen. Dabei kann es zu Blutungen kommen.

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Wird der Nerv im Unterkiefer beschädigt, gedrückt oder zerrissen, kommt es zu Missempfindungen der Unterlippe, schlimmstenfalls bleibt sie dann taub. „Aber das ist mir noch nie passiert“, sagt Hüttmann. Obwohl er in 35 Jahren Tätigkeit Hunderte Weisheitszähne entfernt hat. In Reicharts Klinik sind es sogar Tausende: pro Woche etwa 50. (dpa)

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