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„Weißer Ring ist die Feuerwehr für Opfer“

Herr Lindemann, für wen setzt sich der Weiße Ring ein? Wir setzen uns für die Opfer von Kriminalität ein. Um die Täter wird sich schon sehr gekümmert, aber auch die Opfer brauchen jemanden, der sie vertritt, ihnen zur Seite steht, sie berät und unterstützt.

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Herr Lindemann, für wen setzt sich der Weiße Ring ein?

Wir setzen uns für die Opfer von Kriminalität ein. Um die Täter wird sich schon sehr gekümmert, aber auch die Opfer brauchen jemanden, der sie vertritt, ihnen zur Seite steht, sie berät und unterstützt. Es gibt außer uns noch weitere Organisationen der Opferhilfe in Sachsen. Der Weiße Ring arbeitet jedoch als einzige bundesweit und fast ausschließlich mit ehrenamtlichen Mitarbeitern.

Was genau kann Ihre Organisation für die Opfer von Kriminalität tun?

Wir betreuen sie nach der Straftat, helfen im Umgang mit Behörden, übernehmen die Kosten für die Erstberatung durch einen Anwalt, begleiten sie zu Gerichtsterminen und vermitteln auch Hilfe anderer Einrichtungen oder Organisationen. Wir bieten unsere Hilfe auch bei der Wohnungssuche oder an der Arbeitsstelle an. Wenn nötig, helfen wir auch, finanzielle Notlagen zu überbrücken, in die Opfer durch eine Straftat geraten können. Wichtig ist uns, ihnen das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein.

Wie finden die Opfer zum Weißen Ring?

Vor allem über die Polizei, die Merkzettel mit unseren Kontaktdaten hat, aber auch über Ämter wie das Jugend- oder das Sozialamt.

Was folgt nach der ersten Kontaktaufnahme?

Wie bieten unverzüglich ein erstes Gespräch an, das innerhalb von drei Tagen möglich ist und im häuslichen Umfeld erfolgen sollte, weil es sich für viele in den eigenen vier Wänden leichter reden lässt. Ich sage immer, der Weiße Ring ist die Feuerwehr für die Opfer. Wenn sie sich direkt von der Polizei bei uns melden, erfolgt das Gespräch meist sogar noch am selben Tag. Dafür nehmen wir uns viel Zeit, denn auch dieses Gespräch ist für viele schon eine erste Hilfe.

Muss man gleich beim ersten Telefonat sagen, wer man ist?

Nein, wer das wünscht, kann auch gern anonym bleiben, sich erst einmal anhören, ob der Weiße Ring etwas für ihn ist, und sich später wieder melden.

Wie viele ehrenamtliche Mitarbeiter hat die Außenstelle im Landkreis?

Wir sind zehn. Weitere Mitstreiter können wir gut gebrauchen, vor allem in der Sächsischen Schweiz.

Welche Voraussetzungen sollte jemand mitbringen, der für den Weißen Ring tätig werden möchte?

Vom Alter her wäre es wünschenswert, mindestens Anfang 30 zu sein, um schon über eine gewisse Lebenserfahrung zu verfügen. Unsere Mitarbeiter werden auf Lehrgängen geschult, die für sie kostenlos sind. Dabei geht es um Kenntnisse der Rechtskunde, des Strafrechts, des Polizei- und Zivilrechts und der Psychologie. Am Anfang wird niemand allein losgeschickt. Erst nach etwa einem Jahr können dann die ersten Fälle allein bearbeitet werden. Im Schnitt sind es pro Mitarbeiter vier bis fünf im Jahr.

Wenn man sich Ihre Statistik anschaut, so hat sich innerhalb der letzten beiden Jahre die Zahl der Opferfälle mehr als verdoppelt. 2008 waren es 52. Erwarten Sie für die Zukunft noch mehr?

Ich schätze, dass es 2009 an die 100 werden, vor allem, wenn wir in der Sächsischen Schweiz mehr Mitarbeiter gewinnen können. Gespräche dazu haben wir bereits geführt.

Sie sind bekannt durch Ihren konsequenten Einsatz gegen Rechtsextremismus, leiten im Kreis Mittelsachsen sogar die Stabsstelle für Extremismusbekämpfung. Wie kommt es, dass Sie sich seit 2004 auch für den Weißen Ring engagieren?

Ich bin damals gefragt worden, ob ich es mache und habe nach längerem Überlegen ja gesagt. Das hängt mit meinem Beruf zusammen. Ich war nicht nur Polizeibeamter, sondern auch Gewerkschafter. Ich habe mich immer da engagiert, wo es um die Schwachen geht. Sie brauchen eine Vertretung, und die bekommen sie von uns.

Das Gespräch führte Regine Schlesinger.